Bucherkiste

Bücher 2007

Der Atem des Jägers
Deon Meyer, Verlag Rütten & König

Da es ja in weniger als zwei Jahren um ein Großereignis wie die Fußball WM geht, liegt es nahe, sich intensiver um Südafrika (auch literarisch) zu kümmern. Zum einen haben wir ja in John Maxwell (JM) Coetzee einen exzellenten Vertreter und Literaturnobelpreisträger, vor allem sein Buch –Schande- war ein Welterfolg, zum anderen steht ihm Deon Meyer, als Thrillerautor an Spannung in nichts nach.
„Der Atem des Jägers“ beschreibt nicht nur die Zerrissenheit dieses Riesenlandes (sowohl geographisch als auch ethnisch) sondern besticht durch exzellente geschichtliche Recherche und hochdramatische Spannung. Die Hauptperson, Detective Griessel, ist eine ebenso zerrissene Persönlichkeit. Das ganze Land spiegelt sich in ihm wider. Es geht natürlich um Rauschgift, Korruption, Menschenhandel aber auch um mystische Morde. Es geht um Kindheitstraumata und Prostitution, es geht um Selbstjustiz und vor allem um gebrochene Menschen.
Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor, Deon Meyer, selbst mal große Probleme mit dem Alkohol hatte, selten, eigentlich seit, AFT Heijdens „Anwalt der Hähne“ nicht mehr so intensiv, habe ich die körperlichen Strapazen eines Alkoholentzugs beschrieben bekommen. Das hört sich nach viel Thema an, aber das Buch hat eine chronologisch aufbereitete Geschichte, man kann ihr jederzeit Folgen. Absolut empfehlenswert Anwalt der Hähne

 

Die feine Nase der Lilli Steinbeck
Heinrich Steinfest, Piper

Mich hat das Buch nicht so umgehauen, wie die Buchhändlerin meiner Wahl mir prophezeite. Gut, es ist teilweise so irrwitzig, das man meint eher einen Krimi auf Comedy Basis zu lesen. Da gibt es schöne Beschreibungen, (astro-)philosophische Betrachtungsweisen und fundiertes geschichtliches Wissen, also eigentlich etwas, was ich absolut mag, aber der Roman und seine Hauptfigur, erinnert mich mehr an ein James Bond Drehbuch, und Lilli Steinbeck, selbst eine schöne Verführerin, spielt eben die 007.  Vor allem zum Ende hin, beeilt sich das Buch und kommt so zu den schon beschriebenen Comedyeinheiten -als Krimi verkleidet- daher. Man hat hier und da seinen Spaß aber lesen muss man es nicht.

 

So viel Zeit
Frank Goosen, Eichborn

Ich sage, Hut ab. Das hätte ich nicht gedacht. Der Roman ist so authentisch, dass ich oft meinte, ich steige in die Geschichte ein und spiele mit. Auch beim Doppelkopf am Anfang. Beim Doppelkopf zeigt sich der Mensch in seiner Größe aber auch in seiner Tragik. Gut, dass die Jungs, in all ihren kaputten - oder halbwegs funktionierenden Lebensdramen, noch mal den Mut haben, auf die Pauke zu hauen. In wahrsten Sinn des Wortes. Der berühmte Spruch der Blues Brothers  - wir wollen die band noch einmal zusammenbringen- wird hier Wirklichkeit. Dahinter ein liebenswertes Ruhrgebietsszenario. Bis in alle Kleinigkeiten wunderschön beschrieben und mit einer exzellenten Musikkenntnis ausgestattet, die uns und unsere siebziger und eine wenig die Achtziger, ausmachte. Frank Goosen hat hier auch einen Teil meiner Geschichte geschrieben. Wie gesagt, Hut ab!

 

Talk Talk
TC. Boyle, HANSER

Ich hatte, weil Boyle-fan, dieses Buch schon länger liegen. Länger deshalb, weil ich dachte, OK, das Thema, na ja...! Plötzlich lese ich in einer Tageszeitung von einem Fall, bei dem eine  "Gaunerin" mit einem Passbild ausgestattet, in ein ganz normales Rathaus des östlichen Ruhrgebietes geht und der Dame am dortigen Einwohnermeldeamt erzählt, sie hätte ihren Ausweis verloren, und sie sei - und jetzt kommt es "diese Frau" – sie zeigt ein Passfoto - mit diesem Namen. Die gelangweilte Angestellte sieht eine gewisse Ähnlichkeit und stellt in null Komma nix einen neuen Ausweis her. Mit diesem neuen Pass rennt also die "Identitätsstehlerin" in alle möglichen Handy - shops, Banken, was weiß ich, und im Handumdrehen, ist der eigentlichen Besitzerin des Namens ein Schaden von 20 000€ entstanden. Alles wahr, hier in Deutschland. Warum die lange Einleitung? Ich will es jetzt kurz machen. Boyle hat genau dieses Thema verarbeitet. Mit der ihm eigenen Wut auf sein Heimatland, gelingt ihm aber leider nicht, die Story spannend zu halten. Außer das man immer wütender wird auf die Gleichgültigkeit und Borniertheit, dem die beiden Hauptpersonen (Dana, ausgerechnet noch taub !!! die eine, und Bridger, der andere, Danas Freund, der sich immer wieder motivieren muss, wegen der Angst um seinen Job) auf ihrer Roadshow durch Amerika begegnen. Wie gesagt, Boyle muss mittlerweile so einen Hass auf die Bewohner seines Landes haben - verstehen kann man es ja - aber das ist seiner Prosa nicht zuträglich. Das kann er alles intensiver und das hat er längst bewiesen. Nicht verschenken.

 

Der Marsch
E.L. Doctorow, Kiepenheuer+Witsch

Das Buch ist  eine weitere Anklage gegen den Krieg. Hier platziert ins Jahr 1865 zum Ende des amerikanischen Bürgerkrieges, und eigentlich wird nur noch gebranntschatzt. Alles lodert, brennt, und es ist auch nicht mehr deutlich, vor allem nicht für die rekrutierten Soldaten, für was sie eigentlich unterwegs sind, außer eventuell dieses Chaos zu überleben.
Ganz intensiv die Beschreibungen aus den jeweiligen Lazaretten, die Beinabsägerei, das Stopfen von Gedärmen zurück in den Leib, etc... Aber es kommen auch die Momente kurzfristigen Glücks, Ärzte die irgendwie Abstand haben zu all dem, auch ein Genaral Shermann sagt ab und an was - Vernünftiges - und eine Art - Florence Nihtingale - lässt durch das ganze Buch eine wenig von "Von Winde verweht" durchscheinen. Eben der Südstaaten - Roman schlechthin. Trotzdem habe ich das Buch die ganze Zeit nicht genießen können, nicht wegen der ständigen Abschlachterei, auch nicht - und das kommt immer wieder auf - wegen der Befreiung der Schwarzen, die plötzlich vollkommen entwurzelt sind, nein - eher weil ich meine, Doctorow hat die Vorhersehbarkeit seiner Geschichte unterschätzt.
Es bleibt immer gleich entsetzlich, wenn sie auch, das will ich gern zugeben, ab und an ein Pflänzchen, z.B. durch die durchgehende Liebesgeschichte und den unbändigen Lebenswillen zweier Stromer, die je nach Lage immer die Seiten wechseln, ein wenig Hoffnung auf irgendeine Zukunft macht.

 

Die Lage des Landes
Richard Ford, Berlin Verlag

Ich habe Ende der Achtziger Richard Ford für mich entdeckt. „Verdammtes Glück“ schon der Titel seiner ersten veröffentlichten Kurzgeschichten, hatte etwas Doppeldeutiges. Neben seiner vielen Short Story Bände gibt es, ähnlich wie bei John Updikes „Harry Angstrom – Rabbit, eine gewisse Chronologie im Leben des Frank Bascombe. Vordergründig Ein Mann ohne Eigenschaften, aber alles in allem der perfekte Mensch, den Lauf des Lebens mit all seinen Wundern, Enttäuschungen, Dramen, Fluchten, Beziehungen, etc. zumindest in Ansätzen nachzuvollziehen. Der Sportreporter, vor ca. 10 Jahren, Unabhängigkeitstag, vor fünf Jahren und jetzt dieses sensationelle Buch Die Lage des Landes. Ich bin schier sprachlos, über das was ich da lese. Und ich lese verdammt viel. Dies ist das beste Buch seit Jahren und ich würde es lieber im Moment von vorne anfangen, als nach diesem epochalem Werk was anderes zu lesen. Was mich auch vollkommen überzeugt, ist die Übersetzungsarbeit, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass das Buch im englischen Original the lay of the land noch mehr hergeben kann. Die einsame Klasse von Richard Ford macht sich vor allem in der Verwendung von Verben fest. Ein Wald zum Beispiel ist nicht ein Wald, sondern - eine pockennarbige, ansonsten heitere Baummischung, die da im milchigen Licht eines glanzlosen New Jersey Cocktailnachmittags herumlungert, hinter der zugezogene, verschnupfte Rassenhasser, ihr einsames, verzweifeltes Glück zu finden hoffen, die aber ihre schorfigen Hirne einem dürftigen Ende entgegen heulen-. (Na ja, das war jetzt kein Zitat, aber es ist einfach ein literarischer Genuss den Wortgemälden Richard Fords zu folgen) Bascombe, mittlerweile 2 mal dubios geschieden, immer noch (manchmal entsetzter, manchmal verliebter Vater) Prostatakrebs erkrankt und erfolgreicher Immobilienmakler an der der New Jersey Küste. So und dieser John Bascombe setzt sich in einer getränkesatten Bar, im gemütliche Zwielicht eines Feierabends, neben dich, und fängt an aus seinem Leben zu erzählen. Und du ertappst dich dabei, immer mehr wissen zu wollen, und du spiegelst dein eigenes verdammtes Leben, ständig in dem nicht enden wollenden Fluss der Bascombe Geschichten. Ich schlage Richard Ford für den Literatur-Nobelpreis vor.

 

Tender bar
J.R. Moehringer, S.Fischer

Das Buch steht schon zu lange (und zu recht) auf den Bestsellerlisten, als das ich es noch groß empfehlen bräuchte. Mir kamen während des Lesens wunderbare Erinnerungen an meine eigene Kneipen-Vita hoch. Der Einstieg, das Aufgenommen werden, von so gestandenen Gestalten, die, so hatte ich den Eindruck, schon immer da am Tresen standen. Der skurrile riesenhafte (Ex - Bergmann) Wirt und seiner blassen Frau, so etwas wie Sozialisationsinstanzen. Das tolle Gefühl, nachts noch auf Klopfzeichen rein gelassen zu werden. Abende, die manchmal dermaßen ausarteten, dass man tags drauf gar nichts mehr wusste oder sein Auto suchte, (das war zu hause, eigentümlicher Weise) Unsere gemeinsame Fußballbegeisterung, mal eine Zeitlang Pferdewetten, verrückte Kartenspiele, wie klammern und blind pokern, aber auch heißes politisches Anbrüllen. Und, wie die Tenderbar, gibt es das „Stiftsstübchen“ nicht mehr. Nie wieder gab es so eine Kneipe, in der man sich so zu Hause fühlte. Der Wirt ist längst tot und die alten Gesichter grau. Wer solche Erinnerungen, Bilder, etc.. auch sein eigen nennen kann, der ist mit „Tender bar“ bestens bedient. Es fehlt, wie gesagt, eine gute deutsche Version. Titel „Stiftsstübchen“. Freunde, ran an die Geschichte.

 

Die Geschichte der Wapshots
John Cheever, DUMONT

Diese Geschichte treibt dahin wie ein altes Floß auf einem trägen amerikanischen Fluss; gut, nicht der Mississippi Mark Twains - doch oft genug ertappte ich mich beim lesen dabei, an Tom und Huck, Tante Polly oder Indianer Joe zu denken. Eher nicht an Frantzen oder Updike, da fehlt John Cheever einfach auch das Gesellschaftskritische, das Atemlos machende, die Fallhöhen. Die Geschichte der Wapshots findet in einer kleinen, überschaubaren Welt in Neu-England statt, die Jahrzehnte und Jahrhunderte purzeln durcheinander, und zwei Wapshots Jungs sind auf dem Weg, den amerikanischen Traum zu erfüllen. Das Ganze kommt mir vor wie eine Art Puppenstube von weit oben betrachtet, die Häuserbeschreibungen, die Kleinstadt Idyllen, die Charaktere, auch die richtigen Sauhunde bleiben am Ende noch irgendwie sympathisch, alles hat seine Ordnung, seine Pleiten, seine Höhenflüge, aber es fehlt eben das Überraschende. Es fehlt, dass man sich darauf freut wie es weitergeht. Klar, es sind skurrile Geschichten, vor allem die des Kapitäns Leander und seiner Frau Sarah sowie die der Erbtante, von der alle Wapshots mehr oder weniger abhängen. Und überhaupt die ganzen Wapshots, die die Weltmeere unsicher machten und in Samoa Frauen schwängerten um zu Hause wieder klein bei zu geben. Alles in allem schlittern die Wapshots ungläubig dem Ruin entgegen, in allen Bereichen, der alte Vergnügungsdampfer sinkt und tatsächlich, von nun an geht’s bergab. Aber richtig fesselnd ist das nicht.
Ich kann das Buch, grade weil ich ein großer Updike Fan bin, und auch die anderen amerikanischen Erzähler, wie Richard Ford, Joseph Roth oder Richard Powers und TC Boyle, etc. verehre, nicht grade empfehlen. Verstehe aber auch andere Meinungen. Denn immerhin ist das Werk ca. 50 Jahre alt steht deshalb wohl in der großen Tradition amerikanischer Erzählkunst. Insgesamt und etwas sarkastisch: eine gute Einschlafhilfe!

 

Superhero
Anthony McCarten, Diogenes

Ein beeindruckendes Buch. Wie ein Drehbuch geschrieben und trotzdem stört dies zu keinem Zeitpunkt. Der Mann hat Erfahrung was Theaterstücke und Drehbücher angeht. Hat er doch gemeinsam mit seinem Freund Stephen Sinclair die außergewöhnliche Theaterkomödie „Ladies Night – ganz oder gar nicht“ geschrieben. Ein Stück das heute weltweit gespielt wird und als Film sogar für den  einen Oscar nominiert war. „Superhero“ ist ein leiser Held, früh vom Krebs gezeichnet, dann wenn er am schlimmsten zuschlägt: in der Pupertät. Die unglaublich intensive Verbitterung auf die Welt, bei gleichzeitigem sarkastischem Blick auf diese, auf seine Familie, Freunde, Krankenhaus, etc. all das ist umwerfend und emotional berührend. Plastisch, die aufopferungsvolle Mutter die –vergebens- im Internet (zuweilen Trost aber auch sehr gefährlich, denn hier treibt der Scharlatan sein Unwesen) nach Auswegen sucht, Vater und Bruder kommen erst am Ende etwas aus dem Quark ihrer Sprachlosigkeit; allein ein Psychologe, Adrian King, findet so etwas wie einen Zugang zu Donald Delpe, unserem 14 jährigen, von der dauernden Chemo schwer gezeichneten, Helden. Ganz beklemmend wird es, wenn er, während die „rettenden“ Gifte in seinen geschwächten Körper träufeln, die Situation auf der „Krebsstation“ beschreibt, noch liegt er nahe der Tür, aber je näher er zum Fenster verlegt wird, desto näher ist der Tod. Donald ist ein Comiczeichner, hier erfindet er Geschichten über seinen „Miracleman vs. Gummifinger“.  Unzerstörbare Phantasiegebilde aber erst Adrian ist es vergönnt, (fast) am Ende, etwas davon zu verstehen. Das satirische Element in diesem wunderbaren Buch, ist der unbedingte Wille von Donald, nicht von dieser Welt zu gehen, ohne sexuelle Erfahrung gemacht zu haben. Also die, um die es immer geht. Wir verfolgen diesen Weg mit Bangen und Hoffen und es gibt eine so rührende Auflösung, das es fast weh tut. Das Buch ist ein Muss!

 

Totenvogel, Liebeslied
Michael Klaus, Assoverlag

Am Anfang wähnt man sich bei – Herrn Lehmann von Sven Regener oder, das fand ich eh noch besser, bei Tom Liehrs Idiotentest. Der übliche Tollpatsch, der nicht älter wird, hier schon jenseits der fünfzig, der durch die Katastrophen der Großstadt (mal zur Abwechslung aber charmant: Gelsenkirchen) wankt, mehr oder weniger trunken, ehe (so gut wie) - und arbeitslos, doch literarisch und satirisch nicht untalentiert. Seit Jahren lebt er von kleinen 2:30 Minütern, die übliche Länge für Radiosketche und schiebt seinen großen Wurf, seinen großen Roman, seit Jahren vor sich her. Wie gesagt, die Beschreibungen seiner bizarren Erlebnisse mit ausgeflippten Intellektuellen, mehr oder weniger zufällig in deren Fänge geraten, eine lebens- und sexhungrige Freundin (allerdings liebenswert charakterisiert), kaputte Mutterbeziehung und so allerlei Katastrophen,  machen bis zum Ende des ersten Drittels (bei 239 Seiten) noch keinen unbedingt lesenswerten Roman. Das ändert sich, als er ernsthaft an Krebs erkrankt, alleine die Umstände dieser Entdeckung, und die lange Reise im Kampf gegen den Krebs, das ist eine ganz große Nummer. Die Rückschläge, die Kebsstation, die Lakonie, das ist bewegend. Hier wird seine Beziehung zu seiner Freundin Insa, die er als Aushilfslehrer in ihrer Klasse kennen gelernt hat, und die in all den Jahren, trotz des großen Altersunterschiedes nicht voneinander loskommen, immer wieder  hart auf die Probe gestellt. Szenerien im Krankenhaus wie man sie nicht besser notieren kann, der – durch ein Loch im Kehlkopf Raucher-, die Kumpelhaftigkeit der Chemotherapiebrüder, das ist beklemmend und stark geschrieben. Wie gesagt, etwas durcheinander am Anfang, dann nimmt das Buch Fahrt auf und wird zu einem ganz wichtigen Buch und nimmt vor allem eins: Illusion. Denn das Buch ist auch eine Abrechnung mit den heute so modernen „Sterbehelfern“ die den Tod immer wieder mystifizieren wollen (Zitat: Und lebst du, seit du die Diagnose hast, nicht viel intensiver?) und ihn mit irgendwelchen heiligen Gedichten  oder Singsang, Topfschlagen oder bachblütend, willkommen heißen. Der Tod ist und bleibt, und grade wenn es um Krebs geht, eine grausame, schreckliche, auszehrende Frage an einen Gott, eben der Ruf, der in der Regel dann ungehört verhallt. Trotzdem, man bringt sich nicht um nach dem Buch; nicht nur deshalb, weil man diese Diagnose (noch) nicht hat, sondern, weil es soviel bittere Selbstironie enthält und zeigt, dass man nie den Lebensmut verlieren sollte. Respekt vor diesem Autor.

 

Alles hat seine Zeit
Karl Ove Knausgard, Luchterhand Verlag

Es gibt hier ein paar Voraussetzungen für den/die Leser, die bei mir nicht vorhanden sind. Und ich kann mir eigentlich nicht wirklich vorstellen, wer so etwas im Ernst und dann noch "ernsthaft" liest. Höchstens solche Freunde des Lesens, die auch "Jesus von Nazareth" lesen würden oder früher "Und die Bibel hat doch recht". Also, ich bin kein Freund der Bibel, es ist ja nicht mal wirklich geklärt oder bewiesen, wer das alles geschrieben, bzw. wer das so zusammengetragen hat, dass es "passt". Für mich eher ein Märchenbuch. Voraussetzung für den "Genuss" von "Alles hat seine Zeit" ist aber eine Gott- und Bibelgläubigkeit, die mir völlig abgeht. In dem Buch geht es um Engel (!) und die Frage, waren die schon immer da, noch vor dem Sündenfall und wie die dann weiter gelebt haben und so ein unnötiger Mist. Es gibt einen interessanten Aspekt in dem Buch, und zwar standen im Zeitalter der Aufklärung zwei wissenschaftliche Richtungen unversöhnlich aber noch gleichwertig nebeneinander: hier unsere Himmelsmechaniker wie Galilei, Kopernikus, Keppler oder Newton und da ein Antonius Bellori (oder Thomas von Aquin, Basilius der Große, u.a.)  mit seinem wissenschaftlich betriebenen Eifer eines Nachweises für Engel ("Über die Natur der Engel"). Er hatte nämlich im zarten Alter von 11 Jahren Engel gesehen und fortan kriegte er das nicht mehr aus dem Kopf. Seis drum. Wie gesagt, wer sich den Wälzer reintut, dem ist nicht zu helfen. Wahrscheinlich ist dem Autor auch nicht zu helfen. Ich denke, der hat in einer Art manischen Phase diesen opulenten Mist verzapft und kriegt auf dem Buchumschlag den Satz gedruckt "Weltliteratur" (Norwegischer Rundfunk). Nicht blenden lassen.

 

Lachsfischen im Jemen
Paul Torday, Berlin Verlag

Eine gute Idee versandet einfach. Ganz ehrlich, der Titel reizt schon. Man erwartet mit Spannung das Unmögliche.  Denn jeder, der ein wenig Verstand hat, oder zumindest ein wenig vom Angeln versteht, weiß, dass es nie Lachsfischen im Jemen geben kann. Aber der Reihe nach: der Anfang ist wunderbar. Klasse englische Satire. Man verfolgt einen elektronischen Briefverkehr bis in die höchsten Ebenen. Das ist teilweise richtig gut und lustig aufgebaut. Ein Scheich, der ein Landgut in Schottland besitzt, ein Angelfreund natürlich, speziell Fliegenfischer,  hat sich in den Kopf gesetzt, in seiner Heimat Jemen Lachse ansiedeln zu lassen. Dabei verfolgt er sogar noch den Gedanken, dass der Angelsport, ein friedliches Gebaren ist und alle Kriegslüsternheit, dadurch kanalisiert bzw. ausgelöscht wird. Wer angelt, macht keine Kriege, so einfach ist das. Nun wird eine Maschinerie in Gang gesetzt, die eben dieses Jemenlachsprojekt auch zum Leben erweckt bzw. erwecken soll. Geld, weil Scheich, spielt keine Rolle. Die Politik schaltet sich ein, Medien wittern Sensationen, es wird Speichel geleckt und Arsch gekrochen, alle wollen sich bei einem eventuellen Erfolg in diesem sonnen. Aber alles kommt, wie man sich denken kann, anders. Aber die Geschichte versandet einfach, wie die Wüste im Jemen. Eine endlose Zweierbeziehungskiste, eine zärtliche andere, endlose Protokolle von Verhören, über das Scheitern, etc…das langweilt so, dass man erst anfängt zu überlesen, dann immer schneller blättert, und hinterher ganz traurig ist, dass dieser Autor diese Idee nicht am Leben halten konnte. Genau wie die Lachse. Es ist eben kein Flann O`Brien oder Stephen Fry am Werk, die hätten vielleicht noch irgendeinen Plot gefunden und am Ende hätten es die Genies von Monty Pythons verfilmt. Schade.

 

Tannöd
Andrea Maria Schenkel, Nautilus Verlag

Darf man sich an so einen hoch gelobten Krimi wagen? Bei Bestsellerlisten werde ich mittlerweile immer skeptischer. Es gibt genügend Beispiele von Luftblasen, die diese Listen anführen oder anführten. Und leider muss ich sagen, auch bei Tannöd ist mir unerklärlich, wer oder was so ein Büchlein auf Nr. 1 hievt und das dann noch den Deutschen Krimi Preis erhält. Alleine die 8 Seiten, gefüllt mit klerikalen, unsäglichen Litaneien (was bei effektiven 122 Seiten nicht wenig ist) und die verzweifelte Suche nach Seitengewinn, indem einfach mal ein Kapitelchen auf die nächste Seite gezogen wird und nach ein paar Zeilen endet, sodass das Nächste dann wieder auf der folgenden Seite anfängt. Gut, das sagt alles nichts über die Qualität aus, aber diese düstere Nachkriegsgeschichte aus einem oberpfälzischen Dorf in Bayern überzeugt auch mich als Krimifreund nicht. Die Idee, einen anonymen Frager ins Dorf zu schicken, der alle möglichen Menschen nach deren Beziehung zur abgeschlachteten Familien Danner/Sprengler vom Tannödhof befragt, ist nicht schlecht aber unspannend. Die Stellungnahmen der Figuren bleiben mir zu statisch in ihren jeweiligen Rollen (z.B. von der Magd bis zum Pfarrer hin zum Bürgermeister) Die ständigen Wechsel von Personen die in irgendeiner Beziehung zum Tannödhof standen hin zum notwendigen vorantreiben der Story, verwirrt nur. Und diese Inzest Geschichten, die betrogenen Männer, die allgemeine gottesfürchtige Mürrischkeit und dem sich daraus entwickelnden psychopathologischen Netz, welches über dem Dorf liegt, macht nur deutlich was man vorher schon weiß und hilft auch dem Buch nicht wirklich. Ich würde es nicht verschenken.

 

Das Echo der Erinnerung
Richard Powers

Auch einen Monat nach Beendigung dieses „neurologischen Fachbuchs“, das als Roman verkleidet daher kommt, weiß ich immer noch nicht so recht, was ich dazu sagen soll. Nach seinem fulminanten, von mir geliebten Werk „Der Klang der Zeit“, würde ich mich jetzt allerdings festlegen und sagen, dass das „Das Echo der Erinnerung“ insgesamt eine Enttäuschung ist. Gleichwohl verstörend. Aber was nutzt mir als „Laien“, diese unglaubliche Aufzählung von Schädel-Hirn Traumata mit allen nur möglichen bizarren Neuro-Psychopathologien?  Ich meine „Hut ab“ vor so einer Recherche im Labyrinth des Gehirns. Was bleibt am Ende des Tages? Eine biedere Fahrerflucht. Da können auch die Endzeit Mythologien über taggenaue Kranichwanderungen, Öko Aktivisten und ein, sich im Laufe des Romans in Frage stellender, populär-wissenschaftlicher Neurologe nichts mehr retten. Auch keine frustrierte, vom Sender geschasste, alternde Moderatorin. Im Groben geht es um ein neurologisches Phänomen nach einem „Unfall bedingten“ Schädel Hirn Trauma (Capgras-Syndrom), bei dem ein Mensch, einen anderen, von ihm geliebten Menschen, nach diesem Gehirnschock nicht mehr erkennt, bzw. verleugnet. Alles in allem, schwere Kost, würde ich nicht verschenken!

 

„Die Habenichtse“
Katharina Hacker

„Die Qualität des Romans bestehe darin, Fragen in Geschichten aufzulösen, und sich mit den plakativen Antworten von Politik und Medien nicht zufrieden zu geben“, so die Begründung der Jury zu ihrer Entscheidung, K. Hacker den deutschen Buchpreis 2006 zu verleihen. Das sollte eigentlich wert genug sein, dieses Buch, auch ohne es selbst gelesen zu haben, zu verschenken. Doch Vorsicht! Wer zum Literaturbetrieb wenig Affinität hat, bzw. wenig liest, und dieses Geschenk bekommt, der wird seinem „Wohltäter“ in Zukunft anders anblicken, und das nicht positiv. Nein, das Buch ist sogar eher dafür geeignet, die Lust am Lesen zu verringern. Man quält sich förmlich in den Text, der sich alsbald hier und da mit, zugegeben,  äußerst wohlfeilen, bildreichen Sätzen schmückt aber alles in allem hohl bleibt. Ist dieses
„Hohl“ das Gewollte? Gesellschaftliche Entfremdung und Leere? Gut, da weiß ich auch was von, aber warum so unspannend, kalt und sagen wir es mal platt
„Durcheinander“? Wieder mal ein von Medien gemachter „Bestseller“, der in Bücherschränken verstauben wird, und der, wenn überhaupt, bis ca. Seite 60 gelesen wird.

 

Die Chemie des Todes
Simon Beckett

Ein (früher sehr bekannter und erfolgreicher) forensischer Anthropologe, sucht sich nach dem Unfalltod von Frau und Kind, eine Stelle als Landarzt irgendwo in der tiefsten englischen Provinz. Beschäftigte er sich früher mit den Maden und Fliegen, etc.-  die jeweils zu einem bestimmten Zeitpunkt auf verwesenden Leichen ein Festmahl halten - um den genauen Todeszeitpunkt, und mehr, zu erforschen, will er jetzt nur noch Antibiotika gegen Mandelentzündungen verschreiben oder Kinder mit Bonbon und Pflastern trösten. Doch alsbald passieren (natürlich) in diesem Dorf furchtbare Dinge und die Vergangenheit holt den „Experten“ ein. Nun entwickelt sich ein ziemlich spannender Krimi, der diese Spannung auch bis zum Schluss hält.
Dabei wird diese, in der Literatur oft beschriebene „Dorf – Idylle“ (Besuch der alten Dame, Andorra, Hexenjagd) alsbald brüchig und zeigt ihre Fratze. Da muss sich der Doc bis zum Ende durchkämpfen. Wie gesagt, spannend bis zum Schluss,  gute Urlaubs-/Couchlektüre und als Verschenkbuch macht man nichts falsch!

 

Die Schopenhauer-Kur
Irvin D. Yalom

Das Buch ist der Hammer. Aber vielleicht ist diese subjektive Einschätzung auch deshalb so super, weil dieser Autor es schafft, Wissenschaft (in diesem Fall Psychopathologie, Psychotherapie) und Philosophie zusammen zu bringen. Und das habe ich schon immer geliebt. Julius, ein erfolgreicher Therapeut, natürlich in Amerika (San Francisco), wird plötzlich mit seiner Krebsdiagnose konfrontiert. Er leitet seine (Lieblings-) Gesprächsgruppe zwar weiter, macht sich aber nunmehr rückbesinnend Gedanken darüber, wann und bei wie vielen Patienten er wohl versagt hat. Dabei trifft er auf Philip, ein ehemals Sex besessener, untherapierbarer, vollkommen asozialer Mensch. Der er heute zwar auch noch ist, aber der einen gewaltigen Wandel hinter sich hat, und als „wiedergeborener“ Philosoph Arthur Schopenhauer, herumgeistert. Ganz nebenbei erfahren wir biographisches über eben diesen Schopenhauer, gespickt mit Zitaten aus all seinen Werken und Lebensphasen. Dazu die Geschichten des therapiesüchtigen, amerikanischen Mittelstandes mit einem Ashram-Ausflug nach Indien, inkl.  Meditation mit Guru. Das alles konsequent aufgebaut und dadurch unglaublich spannend. Es ist so viel Weltkluges dabei; soviel, was man für sich daraus holen kann, und ich frage mich, warum mir dieser Autor erst jetzt über den Weg läuft.

 

Und Nietzsche weinte
Irvin D. Yalom

Ein fiktiv-historischer Roman, der im ausgehenden 19. Jahrhundert vor allem in Wien spielt. Der noch völlig unbekannte und depressive und ständig kränkelnde Philosoph Friedrich Nietzsche und der angesehene Wiener Arzt Josef Breuer, dialogisieren nahezu endlos ihre Psyche aus. Dabei zeigt sich, dass beide mit ganz ähnlichen Defekten zu kämpfen haben, beide sind jeweils völlig unterschiedlichen Frauen obsessiv ausgeliefert. Es geht um die Suche nach geistiger und körperlicher Befreiung, wobei sich beide aus unterschiedlichen Richtungen einander nähern und so helfen. Auch der junge Sigmund Freud mischt kräftig mit und so haben wir es auch mit der Beschreibung der Anfänge der Psychoanalyse zu tun. Das Ganze liest sich durch die seltsame Ausdrucksweise manchmal recht anstrengend, der große Vorteil ist aber (ganz ähnlich wie uns in seinem späteren Werk „Die Schopenhauer-Kur“ eben Arthur Schopenhauer nahe gebracht wird) dass einem der große Philosoph Friedrich Nietzsche vorgestellt wird. Alle seine mehr oder weniger bekannten Zitate, wie mit den Frauen und der Peitsche, oder „Stirb zur rechten Zeit“, „Breche die ehe bevor die Ehe dich bricht“, „Werde, wer du bist“ etc… werden nun im Zusammenhang begreifbar und die große Einsicht, dass Liebe immer Verklärung und Projektion ist, ist zwar nicht neu, aber geht einem doch in dieser Intensität, ziemlich nahe.

 

Das stille Mädchen
von Peter Hoeg

Vorsicht vor dem Buch! Kritik mal kurz gefasst: „Bildungsgeprotze und Übersinnlichkeitsgeschwafel“. Hoeg meint, auf transzendentalen Ebenen eine Art "James Bond Krimi" für Metaphysik fans zu schreiben und scheitert, wohl an selbst gesetzten, religiösen Grenzen. (dieses ständige "Gott die Herrin" nervt nur, um später wieder der Allmächtige zu sagen, ja was denn nun?) Plot des Ganzen ist, oder soll sein, dass der (oder das-) „Böse“ sich aufmacht, und in der ganzen Welt übersinnlich begabte - stille - Kinder sammelt, die auf Grund ihrer Fähigkeiten Erdbeben voraussagen können. (Damit ließen sich trefflich Optionsscheine verkaufen, und damit mal richtig Knete machen - mal satirisch gesagt, um was es da geht)  Die Hauptperson, Kaspar Krone, Däne, erfolgreicher aber mittelloser Clown, eine menschliche Mixtur aus Fledermaus und Delphin, ist ständig dabei, Klänge zu orten und zu spüren. Er horcht in die Kopenhagener Nacht hinaus und erkennt an Schwingungen und Wellen, oder was weiß ich, den Zustand der Stadt oder von einzelnen Personen. Mit, wie gesagt, telepatischen, sensorischen - eben übermenschlichen Fähigkeiten, die er nach einem Unfall als Zirkusartist plötzlich erlangte. Dabei fliegt er quasi allen die ihn jagen, wie ein Phantom davon,  ob es die Steuerfahndung ist, oder eben die böse Seite, die die "stillen Kinder" verschleppt. Der Verlag (Hanser) hat sich wohl auch schon überlegt, wie er das Buch vor der Kritik retten soll, und legt zum besseren Verständnis eine Liste der im Buch vorkommenden Menschen bei, auf die man, legt man das Buch nicht schon früh weg, auch immer zurückgreifen muss. Wichtig auch für alle, die bis zum Ende durchhalten: Hoeg ist natürlich ein guter Schriftsteller und das Buch bekommt noch eine verstrickte Geschichte und die für dieses Buch wichtigen Zusammenhänge, ergeben sich erst nach und nach. Ja, ich habe "Fräulein Smilla.." geliebt, das Buch hatte einen mystischen Dampf, einen fesselnden Spannungsbogen, wohl mit einem seltsamen, quasi außerirdischen Schluss, aber der konnte das Gesamtwerk nicht mehr treffen. "Die Frau und der Affe" war schon eine "King Kong - weiße Frau" -Geschichte, die man ihm noch verzeihen konnte. Aber jetzt hat man das Gefühl, er hat Jahre damit zugebracht, Zitate aus klassischen Dramen (Parsival, f.f.), Musikstücken (Goldbergvariationen, f.f.) oder von Philosophen (Kierkegraad, f.f.) zu sammeln, um mir ständig sagen, wie doof ich bin. Nun, in einem Interview mit der FAZ (29.01.07) gibt er auf eine Frage zum gleichen Thema zu:  "Es ist Illusion. Ich weiß nicht viel. Ich bin nur Schriftsteller und habe nur begrenzte Zeit zur Verfügung. Aber ich kann so tun, als ob ich etwas weiß!" Zum Beispiel, das F-moll der Klang der Selbstmörder ist. Verdammt, ich hab es geahnt.

 

Ruhelos
William Boyd, Berlin Verlag

Spannend gemachter Spionage Thriller. Aber nicht nur das. Es ist auch eine Art Familiengeschichte, bzw. eher eine von Mutter und Tochter. Mitte der Siebziger in London. In Deutschland RAF Hysterie, die auch zwischendurch thematisiert wird und Ruth, die Tochter, macht sich Sorgen um ihre Mutter, die wohl, im vor Hitze stöhnenden Sommer in London, langsam zu spinnen anfängt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es entwickelt sich eine Agentinnenstory allererster Güte. Die ursprünglich als Kind russischer Einwanderer in Paris aufgewachsene Eva Delektorskaja eröffnet ihrer Tochter nach und nach die Geschichte ihres Lebens. Wir erfahren, für mich auch neu, dass der britische Geheimdienst am Anfang des zweiten Weltkrieges mit allen Mitteln versucht, die Großmacht USA zum Eintritt in den Krieg zu bewegen.
Mit Hilfe lancierter Meldungen, z.B. über gefakte U-Boot Angriffe, oder sonst irgendwelchen vermeintlichen Aufmärschen, soll das Pentagon bzw. Roosevelt provoziert werden, sich gegen Hitler zu stellen. Eva wird angeheuert, von einem
007 Typ namens Eric Romer. Ihre Tarnung ist eine Art Presseagentur für eben diese Zeitungsenten. Sie entwickelt sich zu einer Topagentin, behält aber immer ein gewisses Widerstandspotential, welches ihr mehrmals das Leben rettet.
Am Ende muss sie einsehen, dass sie auch nur eine Randfigur in einem konstruierten Verwirrspiel ist, sogar locker geopfert würde, und sie entzieht sich dem Zugriff ihres eigenen Geheindienstes. Aber die Story ist hier noch nicht zu Ende.
Tochter Ruth lernt mit und es kommt zu einem gemeinsamen Showdown, den ich aber nicht verraten will. Sehr gut gemacht und spannend bis zum Schluss.

 

Gib jedem seinen eigenen Tod
Veit Heinichen

Tja, Triest hatte ich bisher nicht auf der Krimikarte. Aber nach der Lektüre dieses lockeren und doch spannend gemachten Krimis, bin ich versucht diese Stadt mal zu besuchen. Denn Heinichen gelingt es, in diese komplexe Handlung aus mafiösen Strukturen, Geldwäsche und Schlepperorganisationen, Sympathie für Land und Leute zu wecken. Und Commissario Proteo Laurenti ist ein Ermittler, den man gleich ins Herz schließt. Vor allem weil z.B. seine Tochter, und er bekommt deshalb Wutanfälle, bei der Wahl zur Miss Triest teilnimmt, etc. Diese kleinen Nebenkriegsschauplätze machen u. a. den Charme dieses Krimis aus. Empfehlenswert.

 

Idylle der Hyänen
Friedrich Ani, Zsolnay-Verlag

Am Anfängt wähnt man sich in einem Tatortdrehbuch. Ein gut gemachter zwar, doch auch nicht sonderlich überfliegerisch. Ein sympathischer Kommissar, allein durch seine Vita ein philosophisch interessanter und interessierter Mensch. Verbrachte er doch acht Jahre in einem Kloster bevor er zur Mordkommission kam. Schauplatz ist München und drum herum, Allgäuer Bauerndörfer, ein Kloster im See und ganz viel Psychopathologie. Eine Familie, die in der mütterlichen Linie mit Suizidverlangen zu tun hat und ein durch geknallter, ehemaliger TV-Vorabendserienschreiber, ergeben eine bunte, durchaus spannende Mischung. Dem Kommissar Polonius (!) Fischer setzt noch eine junge Kommissarin nach, der Kommissar steht aber auf seine Taxifahrerin Ann-Kristin (muss wohl ein Senta Berger Typ sein) hat. In der Mitte zieht das Buch an und man muss aufpassen, dass man nichts durcheinander bringt.
Gut gemacht und spannend. Von dem Autor würde ich gerne mehr lesen.

 

Die Straße
, Cormac McCarthy, Rowohlt-Verlag

Gäbe es einen Oscar für die düstersten Endzeit - Geschichten, Cormac McCarthy hätte bisher nicht nur einen geschnappt. Dieses Drama, im wahrsten Sinne des Wortes ist ein Kammerspiel, welches dermaßen unter die Haut geht, dass man jederzeit anfängt zu frieren, wenn man an das Buch denkt. Es stellt sich die ganze Zeit die Frage, warum bringen die sich nicht um (bzw. der Vater den Sohn, aus Verantwortungsgefühl) oder warum lege ich das Buch nicht weg.
Aber es frisst an einem, allein die Ausstattung dieses Endzeittheaters macht Grauen.
Es gibt nichts mehr, alles ist Asche, eiskalt und tot. Ein Vater schleppt sich mit seinem Sohn durch dieses biblische Aus und nur ab und zu treffen sie auf, meist kannibalisierende Horden. Kein Wort, was zu dieser Katastrophe geführt hat, oder ob ein Geigerzähler verrückt spielen würde. Allein der Wille, die Liebe, das Überleben zählt - auch wenn die Hoffnung tatsächlich zuletzt stirbt. Grausam schön.

 

Der Steingänger
Davide Longo, Wagenbach – Verlag

Zufall? Eine dritte Alpensaga in kürzester Zeit in meiner Hand: „Der Teufel von Mailand“ (Martin Sutter): schlecht, „Stille“ (Tim Parks): gut. „Der Steingänger“, na ja!
Also, das muss man nicht lesen. Spielt im Grenzgebiet, zeitlich nicht genau definiert, im Piemont, im Grenzgebiet Italien/Frankreich. Es geht um Schleppertätigkeiten, alte Feindschaften, mysteriöse Zeichen und natürlich um einen Mord. Der Steingänger ist so eine Art geduldeter, einsamer Wolf und wohnt weitab vom Dorf. Früher einmal hat er auch kräftig mitgemischt, ist aber jetzt im Ruhestand. Aber einmal muss er noch ran. Auch um rauszukriegen, wer seinen besten Freund in den Bergsee geworfen hat. Es wird viel geraucht in dem Buch, und am Ende des Tages sage auch ich: viel Rauch um nix.

 

Die dritte Jungfrau
Fred Vargas, Aufbau – Verlag

Jean-Baptiste Adamsberg, wer diesen Kommissar nicht liebt, bzw. natürlich seine Erfinderin, dem ist nicht zu helfen. Zuallererst muss ich aber die Übersetzerin Julia Schoch loben, denn was die da aus diesem französischen Krimi an authentisch-verbalem Material rauskitzelt, ist ebenfalls Spitze. Manchmal bleibt sogar die Handlung auf der Strecke, bei so viel Sprachwitz. Ist aber egal, in Fred Vargas Gehirn haben Ideen Platz, die einen nur neidisch machen. Ein unnachahmlicher Humor, psychologische Dichte, verrückte Geschichten und Bilder, unbeschreibliche Typen: ein Feuer genialer Einfälle. Super. Am Ende ist es sogar egal, wer da mordet.
Verraten will ich nur so viel: im Glied des Katers steckt ein Knochen, warum also nicht im Rüssel des Schweins? Lesen, lesen, unbedingt!

 

Die Süße des Lebens
Paulus Hochgatterer, Verlag Deuticke

Man merkt, der Mann, bzw. der Autor hat mit Psychiatrie zu tun und lässt das auch raus. Ich finde das nicht immer glücklich, wenn ein Schriftsteller einen Roman aus seinem Job heraus entwickelt. Aber der Reihe nach: Es gibt, wenn man so will, zwei Hauptpersonen: einmal der Psychiater Raffael Horn und den Sternen guckenden Kommissar Ludwig Kovacs.
Eine Kleinstadt in Österreich bildet während der Weihnachtstage und danach ein düsteres Dahinter. So und jetzt Vorsicht: der Handlungsstrang, ausgehend von einem Mord eines Psychopathen  an einen Großvater, der grade noch mit seiner Enkelin -Mensch ärgere dich nicht- spielte, ist nie geradeaus. Wir folgen unendlichen, allerdings interessanten Beschreibungen all der irgendwie teilnehmenden Personen, d.h. Randfiguren mit allen möglichen Ticks und Verschrobenheiten, dass man meint, der Autor stellt uns die ganze Stadt vor. Das ganze ermüdet. Das ist ein Buch, zum Einnicken, zum Faden verlieren, wenn auch, das will ich noch mal betonen, alle Figuren feingliedrig beschrieben sind. Man liest das Buch aus, und hat fast vergessen, bei all der Fülle von Malancholien, Neurosen und Verordnungen, um was oder wen es ging. Ich würde das Buch nicht verschenken.

 

Das Ende ist mein Anfang
Tiziano Terzani; DVA Spiegel Buchverlag

Natürlich werde ich am Ende das Buch empfehlen. Unbedingt. Aber bei so einem Thema, wo es um Krankheit, Tod, Mut, Liebe, Vergänglichkeit, Freiheit, Weisheit, etc.,  also alles, um was es im Leben und somit auch seinem Ende, geht, schweifen Gedanken immer wieder ab. Man vergleicht sein eigenes, bisher gelebtes Leben, und ist manchmal sogar ein wenig verschämt, wenn man über so viel Erleuchtung liest. Aber der Reihe nach. Tiziano Terziani ist ein ehemaliger Spiegel Journalist mit einem bewegten und bewegenden Leben. Das ist auch gleich die Stärke des Buches. Sein Leben in Indochina, sein hautnahes dabei sein in Vietnam, Laos, Kambodscha, seine Zeit in Japan und Indien. Und hier vor allem seine ganz starken Einlassungen über Krieg und Frieden, und was der Journalismus dazu beiträgt, oder eben nicht. Hochaktuell seine Darstellung über die peinlichen Pressekonferenzen in Saigon, Anfang der Siebziger, wo irgendwelche US Generäle die Vernichtung ganzer Länder strategisch erklären, die Bombenteppiche verharmlosen, und die Leichenberge der Zivilbevölkerung vertuschen. Das kennen wir jetzt wieder aus dem Irak. Taziani war damit nie einverstanden, schrieb nicht mit, was irgendein Presseoffizier in die Federn diktierte, sondern suchte immer die Dinge hinter Dingen. Das war sein Leben als Journalist. Er geht einen ungeheuren Weg, gründet eine Familie, wird Fernost- Experte, mehr als einmal in extremster Lebensgefahr. Das liest sich spannend und frischt eine Geschichte auf, die ich selbst, zwar jung, doch moralisch empört, selbst ein wenig erlebt habe. Nur waren meine Vietnamdemonstrationen damals aus heutiger Sicht zwar wichtig, doch alles in allem auch ein wenig infantil und diffus. Wenn man darüber nachdenkt, wie man kurzerhand mal eben Mao, oder evtl. auch den Kommunismus nacheiferte. Wie gesagt, eine ganz wichtige Aufarbeitung. Polpot, rote Khmer, alles wird wieder unheimlich lebendig und man wird fassungslos ob der Millionen Toten.
Nun ist Terzani krank, er hat Krebs. Sein Anliegen ist es nun, seiner Familie, insbesondere seinem Sohn Folco, sein Leben zu erzählen. Terzani muss sich beeilen, der Tod ist nah, aber wie ein Erleuchteter so ist, er heißt ihn freudig willkommen. In seinem Haus in den Bergen der Toskana, berichtet er nun von seiner gegangenen Strecke. Doch das letzte Drittel des Buches  wird dann doch zu einem  Endlosratgeber in Sachen: wie lebt man richtig. Das wird zuweilen etwas ermüdend und ich habe oft an die schon lange existierenden, fast gleich lautenden Schriften meiner alten Bezugsgruppe gedacht:
Häuptling Seattle, Rede an den amerikanischen Präsidenten aus dem Jahre 1855;
Henry D. Thoreau, Walden; Robert M. Pirsig, Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten; Carlos Castaneda, Die Lehren des Don Juan; Dee Brown oder Jack D. Forbes und nicht zuletzt Hermann Hesse. Ich will das Buch, wie schon eingangs gesagt, sehr gerne empfehlen, es löst aber zum Ende hin – was für ein Bild –
durch die ständigen Wiederholungen und Einschärfungen, wie man leben sollte -und dann wird es schon werden- eine leichte Beklemmung aus. Nämlich, das schon damals für den Lauf der Welt, und den Sieg des Materialismus über die Spiritualität, Häuptling Seattle umsonst gesagt hat: Ich weiß nicht – unsere Art ist anders als eure. Der Anblick eurer Städte schmerzt die Augen des roten Mannes. Das Geklappere scheint unsere Ohren nur zu beleidigen. Es gibt keine Stille in den Städten der Weißen. Keinen Ort, um das Entfalten der Blätter im Frühling zu hören oder das Summen der Insekten. Was gibt es schon im Leben, wenn man den einsamen Ruf des Ziegenmelkervogels hören kann, oder das Gestreite der Frösche am Teich der Nacht. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Am Ende des Tages wüsste ich nicht, ob es von Taziani oder Seattle ist. Aber einigen wir uns mal so: vielleicht war Taziani der wiedergeborene Seattle. Und dann schließt sich der Kreis doch.

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