Bucherkiste

Bücher 2010

Terror
Martin Maurer, verlag dumont

Am Sonntag, den 28.11.2010 habe ich mal wieder einen Tatort gesehen. Exzellent besetzt mit einem sehr guten Ulrich Tukur. In der Woche davor habe ich einen Roman namens –Terror -beendet und ich wunderte mich über die Duplizität der Inhalte. In beiden Fällen ging/geht es um die/unsere unbewältigte Terrorismusvergangenheit. Wenn ich mal aus dem Buch zitieren darf, wie gesagt es deckt sich mit dem Tatort, haben wir es mit folgendem zu tun: „Die RAF zum Beispiel gab es. Die Frage ist nur, wie lange es sie gegeben hätte, wenn man ernsthaft daran interessiert gewesen wäre, ihr das Handwerk zu legen. Keine zwei Monate, vermute ich. Genau das Gleiche gilt im Übrigen für die Rechtsextremen. Es ist völlig egal, aus welcher Ecke der Terror kommt, solange er sich in die Strategie integrieren lässt.“ (Zitiert aus „Terror“ Seite 333) Darum geht es in Martin Maurers Roman. Es wird, schon relativ spannend, der internationale Terrorismus beleuchtet und gibt ein paar unaufbereitete und rätselhafte Anschläge als Beispiel für das oben Zitierte. Der verheerende Anschlag auf das Oktoberfest 1980 zum Beispiel, oder der G8 Gipfel von Genua 2001 oder der kalte Krieg allgemein. Viele seltsame Ereignisse werden zusammen getragen und stellen verantwortliches politisches Handeln zur Disposition. Mehr noch. Der Terrorismus wird Teil der Geheimdienstmachenschaften. Leidtragende sind in dem Roman ein unbescholtenes Pärchen mit Kind, das, wegen der ständigen gesundheitlichen Probleme der Tochter, ein Häuschen im genuesischen Hinterland bezieht und sich da vom kalten Berlin erholen will. Hier werden sie Zeuge von diffusen (geheimdienstlichen) Aktivitäten und Marc, sonst biederer Werbekameramann, kann es nicht lassen, und mischt sich ein – und das rächt sich natürlich bitter. Aber alles in allem bleibt auch nach der Lektüre von „Terror“ die Frage, was ist jetzt? Was soll ich mit den immer wieder aufgeworfenen Fragen zur internationalen Geheimdienstverschwörungen, anfangen? Ich finde keinen Ansatz. Dabei ist mir sowieso bewusst, dass all die Morde, die RAF und der Staatsterror der Siebziger, nie für den Otto Normalo auf der Straße, durchsichtig waren. Der Verdacht, dass der Staat Teil des terroristischen System war, bleibt eh immer und wird immer bleiben. So blauäugig kann ja keiner sein und an „das Gute in der Politik“ glauben. Sieht man ja heute auch zur Genüge, dass die Politik nichts weiter ist, als Handlanger des Kapitals und seiner Interessensgruppen. Also, ich bleibe dabei: zwar alles spannend erzählt, aber irgendwie bleibt alles im Nebel. Nebel ist auch eine Metapher in diesem Buch. Nicht nur als Wetterphänomen im cinque terre, sondern auch Vernebelung der Wahrheit. Und einen Ausweg gibt es nicht.

 

Bruno, Chef de police
Martin Walker, verlag diogenes

Ich beschäftige mich zur Zeit viel mit der Frage, was würde eine König dazu sagen? Zu all dem Scheiß der läuft auf der Welt im Großen aber auch in Kinderzimmern im Kleinen. Ein König, der sowohl weise und jung ist, der bescheiden und reich ist, der hochsozial ist und der seine Mitbürger achtet und deren Geschichten und Dramen kennt, einzuschätzen weiß und immer einen guten ratschlag auf Lager hat. Auch der Bürgermeister des kleinen Provinzstädtchens Saint - Denis im Périgord (SW Frankreich) fragt Bruno, die Hauptperson, diese schon fast mit einem Heiligenschein umgebenen Dorfpolizisten (flic) um Rat und nimmt ihn selbstverständlich an. Dazu ist Bruno ein begehrter Junggeselle, außerordentlicher Gourmet und Kochkünstler, darünerhinaus noch der Trainer der örtlichen Rugby und Tennisjugendlichen. Also summasumarum: wir haben es hier mit einer völlig irrealen Figur zu tun. Aber egal. Wer sich für Essen und Weine, deer gegend, und jetzt kommt es - auch für das geschichtliche Versagen eines Teils der französischen Bevölkerung (Vichy regime, etc) interessiert, kommt auf sein Kosten. Man begleitet Bruno gerne, auch in dem Gefühl - es könnte alles so schön sein, und man wäre gern an seiner Stelle. Beliebt, begehrt, gefragt - kurz eine Heldengeschichte. Wie gesagt, so was gibt es nur im Märchen. Und es ist eine ASrt Märchen auf der Basis schrecklicher geschichtlicher Ereignisse, während und nach dem zweiten Weltkrieg. Es geht um Algerien, wer mit wem gegen wen gekämpft hat und wer hinterher dafür bluten muss oder die Lorbeeren einstreicht.
Bruno setzt sich im Laufe des Romans interessiert mit allem auseinander und verhält sich am Ende, wie sich ein König verhalten muss. Er wägt ab und kommt zu einer weisen Entscheidung und alle Mitwisser zwinkern ihm zu. Stolz, so einen Menschen zu kennen. Ob ich allerdings noch eine Roman aus der Reihe mit Bruno lese, weiß ich noch nicht. Vielleicht wenn ich mal ins Périgord fahre.

 

Juliet Naked
Nick Hornby, verlag kiWi

Es gibt diese Romane, oder eben Autoren, die in der Lage sind, einen umfassend zu unterhalten, auch intellektuell; und die, sagen wir mal, folgendes Talent haben: die komplizierten Dynamiken des sozialen und gesellschaftlichen Lebens, also die existierende versammelte Ungerechtigkeit der Welt, komplett außen vor zu lassen. Und man freut sich beim lesen wie ein Kind. Bei den deutschen Pendants ging es mir so bei Sven Regeners „Herr Lehmann“, bei Tom Liehrs „Idiotentest“ oder auch bei Heinz Strunk und sein „Fleisch ist mein Gemüse“. Alle drei, da halte ich jede Wette, sind Fans von Nick Hornby und ich setze noch 100 zum sehen, dass alle drei auch „Juliet Naked“ gelesen haben. Ich will nicht weiter auf  Hornbys „high fidelity“, oder „fever pitch“ und „About a boy“ eingehen. Sind schon Klassiker. Muss man eigentlich gelesen haben. Und wieder bedient sich Hornby bei seinen Figuren und ihrer Beschreibung aus der Riesenasservatenkammer des sympathischen Losers, des schrulligen Mittvierzigers und älter, des charmanten outsiders, der irgendwie durchs Leben stolpert und dessen Marotten, Lebensfehlplanungen bei gleichzeitiger genialer Naivität, wir alle so gut kennen. Es ist tatsächlich der Spiegel, in den ich sehe, wenn ich Hornby lese. Ich finde mich natürlich in der Figur des vor zig Jahren abgetauchten Rhythm `n blues – singer/songwriter Tucker Crowe wieder, und ich kenne auch eine Annie, die andere Hauptperson dieser wunderbar absurd konstruierten Geschichte. Andere mögen sich eher dem verrückten Duncan zuwenden und sich in der manischen Sammelwut wieder finden, die heute durch das Internet so explodiert ist. Da gibt es Foren, die so unglaublich sind und eine davon handelt von dem ominösen Tucker Crowe, den Duncan und seine weltweiten Mitstreiter derart heroisieren, wie es eben nur im Internet möglich ist. Da wird der Mythos gepflegt und die Verschwörung zum Diktat gerufen. Tucker Crowe selbst allerdings ist eben der, aber nicht der, den das Internet meint zu bloggen, sondern ein biederer Familienvater, bzw. wenn es nur so wäre, denn von seinen im Laufe seines Lebens mittlerweile fünf gezeugten Kindern bei vier verschiedenen Müttern, lebt nur noch der kleine Jackson bei ihm, der auch ständig Angst hat, dass Dad plötzlich stirbt. Nun gut, es gibt so wunderbare Dialoge in dem Roman, nehmen wir einfach mal die Seiten 256  und 346 im Taschenbuch, dass ich, obwohl ich alleine war, so laut gelacht habe, wie selten. Und ich habe im Moment nicht viel zu lachen. Deshalb kam Juliet Naked grade recht. Manchmal fasse ich mich auch an den Kopf wenn ich im Internet über mich lese, dass in irgendwelchen Liedermacherforen einer fragt, kennt einer Fred Ape? Er habe gestern den und den Song gehört. Tage später ein Sturm von Antworten, mit zum Teil völligen Quatsch, ich hätte doch alle Songs für die und die Band geschrieben aber auch, dass ich irgendwen sein Leben lang begleitet habe, bis hin, dass ich durch ein Lied sogar Leben gerettet haben soll. Mhm. Tucker Crowe kommt auch spät zu der Einsicht, das sein Leben, seine als Alkoholiker vernebelten 20 Jahre, doch einige Qualität besitzt und er kommt durch sein Zusammentreffen mit dem vermeintlich bescheuerten Überfan Duncan, doch drauf, das sein Leben was wert ist. Was wollen wir mehr am Ende des Tages?

 

Die Kunst stillzusitzen: Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung
Tim Parks – mein wahrer Freund, Verlag: Kunstmann

Was für ein Wunder, dass ich dieses Buch in den Händen halten darf. Ich will gar nicht über meine derzeitige Situation sprechen, aber es kann kein Zufall sein. Gut, die Geschichte von Anfang an: meine erste Begegnung mit Tim Parks war unsere gemeinsame Leidenschaft für den Fußball. Er hat m. E. eines der besten Fußballbücher der Gegenwart geschrieben: „eine Saison mit Verona“. Eine Geschichte von Auswärtsspielen und Heimspielen über eine ganze Saison mit seinem Heimatverein Hellas. Toll. Wer etwas über die Verrücktheiten des Fantums mit all seinen Schattierungen erfahren will, am Beispiel des (mafia-) Italiens, hier findet er es in Perfektion. Mit gleichzeitiger, ganz nebenbei hin gepurzelter Gesellschaftsanalysen. Tim Parks ist eigentlich Engländer und in Verona gestrandet und eben dort zum fan geworden. Er ist aber auch ein überzeugender Autor, was er durch seine letzten von mir wahr genommenen Bücher „Stille“ und “ Träume von Flüssen und Meeren“ eindrucksvoll bewiesen hat. Also lag es nahe, dass ich mir „die Kunst still zu sitzen“ besorgte. Und fortan bezeichne ich Tim Parks als einen meiner besten freunde, ohne dass er jemals davon erfahren wird. Es gibt ein paar entscheidende Gemeinsamkeiten über den Fußball hinaus: wir sind in etwa gleich alt, das heißt, wir sind als Männer in einem Alter, da stimmt, aus welchem Grund auch immer, das eine oder andere nicht mehr. Wir sind beides Autoren, gut –ich mit meinen vielleicht 1000 geschriebenen Songs kann mich natürlich nicht mit einem Romancier, der Welterfolge vorweisen kann, vergleichen, aber wir sind eben Künstler. Und fleißig. Und eitel. Und arbeiten ständig an uns. Wir beobachten argwöhnisch die Konkurrenz und  fragen uns beide oft, warum der und warum ich nicht. Ein ständiges Vergleichen, ein ständiges Messen des eigenen Stellenwertes - und jetzt kommen wir zum Thema des Buches - bis hin zu diversen Verkrampfungen und Verspannungen, die einem Rätsel aufgeben und die teilweise so schmerzhaft sein können, dass sie nicht mehr auszuhalten sind. Tim Parks ist ein Nachtpinkler, einer der ungrade, also mit krummen Rücken durch die Welt geht, weil er seit zwanzig Jahren Schmerzen hat und nun so weit ist, diese nicht mehr aushalten zu können. Er begibt sich also auf den übliche Pfad der Verlorenenen, der Ärzte- und Apparatemedizin und hat, ähnlich wie ich in meiner, in seiner Position, einflussreiche Freunde, eben auch bei den Weißkitteln. Er lässt Prostata und Blase begutachten, Nieren und Harnwege spiegeln, lässt psa - werte messen und sich nicht nur einmal komplett durchleuchten, alles ohne Ergebnis aber die horrenden Schmerzen bleiben. Seine ganze Lebensqualität steht auf dem spiel; er muss was tun, und er entscheidet sich, sich nach und nach zu öffnen, Auf seiner Suche nach Heilung und Gesundheit bleibt er aber immer ein Skeptiker (Untertitel) auch wenn er in Indien an einen Ayurveda - Lehrer gerät oder seine toskanischen Meditationsseminare durchleidet. Er beobachtet sich ständig dabei, hat zwischendurch überraschende Erfolge, über die er in dem Moment sofort wieder anfängt nach zu denken, und sofort entgleiten sie ihm. So ist es auf seinem ganzen Weg:  sein Denken steht ihm im Weg, er wird nicht DAS NICHTS (zen) erreichen weil er fortwährend darüber nachdenkt, wie er es hinterher in einem Buch formuliert. Das ist das Thema des Buches: für wen mach ich das? Warum ist mir der Erfolg so wichtig, wenn er mir doch ein wie immer geartetes Leiden aufzwingt? In diesem Fall die Verspannung aller Muskulatur des gesamten Urogenitaltraktes? Jemals davon gehört? Ich auch nicht. Aber mal ehrlich, über Psychosomatik und Ganzheitlichkeit haben wir uns ja wohl schon alle Gedanken gemacht, viele waren sogar in Indien und haben sich in folkloristischer Kleidung vor irgendwelchen Gurus auf eine Matte gesetzt um zu Hause ganz schnell wieder die gleichen Schmerzen zu erleben. Parks lässt nicht locker und stellt die entscheidenden Fragen des Lebens: warum mache ich das? Warum ist es mir so wichtig, wichtig zu sein? Warum kann ich nicht loslassen und die Dinge einfach so nehmen wie sie sind? Tim Parks nähert sich diesen unbeantwortbaren Fragen, dass es eine Freude und eine Hilfe ist. Wie ich, bleibt er Skeptiker gegenüber all den esoterischen Scheiß und therapeutischen Gurus nimmt aber Niemanden den Weg dorthin. Er akzeptiert. Er lernt mit der Krankheit, mit seinen Verspannungen umzugehen und wird im Geist ruhiger und wird hoffentlich, als mein Freund, noch viele wunderbare Bücher schrieben, und mir so immer nah bleiben. Ich sage einfach nur danke Tim, du Bruder im Geiste; Du hast mir geholfen, die Dinge zu sehen wie sie sind. Oder zumindest, die Richtung. Z.B. mich in Frage zu stellen und am Ende des Tages nicht über alles zu jammern.

 

Schändung
Jussi Adler Olsen, verlag dtv

Ein wenig enttäuscht bin ich vom neuen Adler Olsen. Machte "Erbarmen", als Debüt, wirklich Lust auf mehr, hält "Schändung" die Qualität leider nicht. Trotzdem bleibt natürlich die große Sympathie für das Ermittlerteam im Sonderdezernat für ungelöste Fälle bestehen. Das ist letztlich auch die einzige Stärke dieses Buches. Carl Morck, Assad und, neu dazu, Rose, sind einfach Typen, mit denen man gerne auf Tour geht. Nur ist, wie gesagt, dem guten Jussi die Phantasie dermaßen durchgegangen, dass es mir zuviel wurde. So viele im Kopf kranke Menschen, mit den eigentümlichsten Sadismen und Defekten, die nicht mal mehr verstören sondern durch die Anhäufung schnell beginnen zu langweilen. Wären da nicht die Gedanken und Unterhaltungen des Teams, wo die arabische Welt auf den liebenswerten Kauz Carl trifft und die nunmehr zusammen mit Rose weiter machen müssen, in ihren beengten Kellerräumen. Nun gut, zur Geschichte: reiche Kids im Internat, schon in frühen Jahren mit Liebesentzug gequält und ruhig gestellt mit Geld, finden sich zusammen und terrorisieren Mitschüler und überhaupt alle, die ihnen nicht passen. Nach dem ersten Mord finden sie auch daran Spaß und dazu kommen noch die übliche Kokslines die zu allen möglichen Exzessen, bzw. widerlichen Orgien führen. Trotzdem schaffen sie es, dass ihre Untaten lange Jahre bedeckt bleiben, weil sie ja nicht nur als Blagen sondern später auch als Erwachsene, Teil der oberen Zehntausend sind. Ein Anwaltsapparat schützt sie und wo es notwendig ist, kauft man sich eben Politiker oder sonstige Schwachköpfe und macht sie sich zu willens. Einmal ist dieses Gewaltmuster wohl aus dem Ruder gelaufen und Kimmie, damals auch dabei, flieht vor den anderen Jungs, fortan psychisch völlig daneben aber mit Rachegelüsten. Das Buch treibt auf einen wahnwitzigen Showdown zu, in dem ein tollwütiger Fuchs und eine verletzte Hyäne helfen, dass Carl und Assad überleben. Dieses Ende ist so abstrus, das es schon wieder lustig ist, spannend kaum noch. Aber das Team hat sich nun mal in diesen, unaufgeklärten Fall festgebissen; lässt sich auch von merkwürdigen Befehlen - von ganz oben – die Ermittlung zu stoppen, nicht aus der Ruhe bringen. Am Ende sind alle tot bis auf Carl, Assad und Rose und ich hoffe deshalb, dass ihr nächster, unaufgeklärter Fall, nicht so fantasymäßig daherkommt.

 

Die Wiege des Windes
Ulrich Hefner, Inselkrimi

Sorry, dass ich hier einen Filmtitel des verehrten Filmemachers Hark Bohm nutze, aber er trifft. Die Nordsee im Winter, für mich immer eine bedenkliche Gegend - so nah am blanken Hans und so nah an der Nordseewintermelancholie. Die Orte sind für uns Ruhrgebietler äußerst geläufig durch Kinderkuren, erste Urlaube mit der Frisiafähre auf die Nordseeinseln, oder das Krabbenbrötchen in Norddeich.
Der Roman lässt sich wohltuend Zeit mit dem Aufbau der Geschichte, so dass wir uns sehr gut in die Protagonisten denken können. Auch die jeweiligen Beweggründe aller Handlungen werden dadurch sehr präsent. Und dass das Ziel der Russen - im Moment hat es ja der Russe in der Belletristik nicht leicht, zuletzt in dem großartigen Thriller "Oktoberfest" oder in dem für mich zur Weltliteratur gehörenden "Krematorium" von Rafael Chirbes, ist ja der Russe derjenige, der die neue gnadenlos brutale Geldmafia präsentiert und dabei ist es unerheblich ob er grad mal ein Fußballverein kauft, oder eben in der Nordsee nach... aber das will ich nicht verraten. Ulrich Hefner lässt sich die Zeit, die es braucht, um die Spannung hoch zu halten. Auch die privaten Probleme des Hauptkommissars Trevisan, sind nicht nervig dar gestellt, sondern nachvollziehbar und en vogue. Alles in allem ein Roman, der durch seine Atmosphäre besticht, die Dramatik hoch hält und äußerst sympathisch daher kommt. Wenn auch der Russe, wie gesagt, im Moment kein großes standing hat.
Ein guter Tipp, auch als Hörbuch sehr intensiv!

 

Mörderische Idylle
Leif GW Persson, Verlag btb

Da steht doch tatsächlich auf dem Umschlag "Der beste schwedische Krimi aller Zeiten!" Wer wurde hier geschmiert? Kennt der Urheber dieser Wertung eigentlich andere Schwedenkrimis? ich meine, wirklich gute? Arne Dahl, jemals was von gehört? Der Umschlagtext ist, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit. Eine Irreführung erster Sorte. Nun zum Buch: es geht um einen Polizistinnenmord, und das ist ja in der ganzen Welt eines der schlimmsten Verbrechen. Ich meine, immer dann, wenn ein Kollege oder hier eine Kollegin, dran glauben muss, wird mehr als der ganze Polizeiapparat in Bewegung gesetzt. Und ohne Ende Ermittler. So viel Ermittler sind bei diesem Roman am Werke, dass man komplett den Überblick verliert, wäre nicht der fette Bäckström, den ich mal hier als Beispiel für die geballte Inkompetenz dieser Ermittlung hervorhebe. Mühevoll wird er satirisch überzogen, indem er nichts anderes im Kopf hat, als eiskalte Biere zu süppeln und den Frauen nachzustellen. Endgültig nervig wird es, am Anfang geht es ja noch als Stilmittel, wenn Bäckström die Dinge die um ihn herum passieren, im Geiste kommentiert. Ach, was soll ich sagen, ich empfehle diesen Roman auf keinen Fall, wenn er auch in der Akribie am Ende doch seine Stärken hat. Denn zum Schluss werden die Konturen auch klarer, es gibt keine unnötigen sidefills mehr, bei denen man sich jedes Mal fragt, was hat das jetzt mit der Geschichte zu tun? Und das ganze Buch lang wird gespeichelt, gespeichelt, gespeichelt. Also mir läuft, auch im Nachhinein, das Wasser im Munde nicht zusammen. Da bleibt es bei mir so trocken, dass für eine DNA gar kein Material übrig bleibt. Fazit: eine Verunglimpfung guter schwedischer Krimiautoren. Nicht kaufen! Nicht lesen.

 

Unsichtbar
Paul Auster, verlag rowohlt

Nicht fassbar!
Das ist einer jener Romane, wo man echt nicht weiß, nein, wo ich echt nicht weiß: weiterlesen, oder nicht? Aus Respekt vor Paul Auster habe ich natürlich zu Ende gelesen und das Buch dann zur Seite gelegt, nicht ohne die letzte Seite noch mal umzublättern, ob vielleicht Auster mir hilft, mit dem Roman klar zu kommen. Er hilft mir nicht. Mit der Story muss jeder allein zu recht kommen. Und der Roman wird mit Sicherheit höchst unterschiedlich bewertet werden,
Mir persönlich haben andere Romane, Leviathan, Das Buch der Illusionen, etc.. besser gefallen. Aber gefallen? Ein komisches Wort. Vor allem bei dieser Geschichte.

Wir begleiten den jungen Adam Walker, angehender Literat, durch sein verworrenes Leben. Ähnlich wie in Ruiz` Carlos Ruiz Zafón Roman „Das Spiel des Engels“ trifft Adam eines Tages den geheimnisvollen Franzosen Rudolf Born, der von nun an sein Leben verhängnisvoll bestimmt. Im - Spiel des Engels - erhält die schwerkranke Hauptperson David eine seltsame Offerte von einem dubiosem Verleger. Für das Schreiben einer Auftragsarbeit macht dieser dem Schriftsteller ein faustisches Angebot – ist es eine gute Sache oder ein Pakt mit dem Teufel?

Bei Auster ist es das Angebot von Born an Adam Walker, für viel Geld eine eigene Literaturzeitschrift herauszugeben. Dann passiert eine Art Überfall und das Leben ändert sich schlagartig. Nun kommen wir in den rätselhaften Bereich einer Inzestbeziehung, Adam Walker liebt in einer immensen sexuellen Körperlichkeit seine Schwester Gwyn, die diese erotische Beziehung auch erwidert. Gegen Ende des Buches wissen wir aber wieder nicht, wo wir in diesem speziellen Fall stehen. Adam Walker geht nach Paris und trifft, natürlich wieder auf Born und dessen ehemalige geliebte Margot, zu der Adam - von Born verkuppelt oder nicht? - ein ebenso intensives sexuelles Verhältnis hatte. In New York, zu Anfang der Geschichte und des Romans wird Adam Zeuge, wie Born den Überfall eines jugendlichen Ganoven, professionell abwehrt und – wie Adam meint – ihn umbringt. Dieses Wissen lässt ihn nicht los und holt ihn in Paris wieder ein. Er will sich an Born rächen, in dem er sich in dessen jetzige Beziehung hängt, um die Ehefrau in Spe von der Heirat mit Born abzubringen.

Unglücklicherweise verliebt sich die Tochter Cecile in Adam und durchkreuzt seine Pläne. Am Ende des Tages landen wir beim inzwischen gealterten Born auf einer Karibikinsel, wo ihn Cecile besucht. Man merkt schon, dieses Buch ist schwer zusammenzufassen, es bleibt ein Rätsel. Nicht fassbar. Ich würde es nicht einfach so verschenken und nur hart gesottene Austerfans, werden begeistert sein.

 

Entsetzen
Karin Slaughter, verlag blanvalet

Die Ausgangssituation ist gut gemacht. Eine Mutter interpretiert eine irrwitzige Situation völlig falsch, indem sie den Mann, der über ihrer vermeintlichen Tochter wütet, die blutverschmiert auf dem Boden liegt, umbringt. Dann stellt sich raus, es  war nicht ihre Tochter und der junge Mann wollte nur helfen. Eine auch für die Polizei in Atlanta zuerst schwer zu durchschauende Lage. Denn offensichtlich waren in dem Haus noch zwei weitere Menschen bei diesem Horrorszenario zugegen, als da wären Emma, eben die Tochter, wo man allgemein hofft, sie noch lebend zu finden und noch eine unbekannte Person.
Aber wenn man glaubt, da entwickelt sich jetzt eine Falllinie, bei der die ermittelnden Personen straight auf die Lösung des Falles hinarbeiten, ist auf dem Holzweg. Die Autorin verzettelt sich in ermüdenden Beschreibungen der handelnden Personen, Agent Will und seine ihm zugestellte Mitarbeiterin Faith haben alle ihre Säcklein und Schicksale zu tragen. Dazu eine Domina Polizei Chefin namens Amanda und die unglücksseligen Eltern von Emma. Sie alle haben irgendwie miteinander zu tun, weil in der Vergangenheit, bis in die früheste Kindheit, traumatische Begegnungen statt fanden. Zum Beispiel in einem Kinderheim, wo Paul, der Vater der siebzehnjährigen Emma, und Agent Will, einsaßen.
Will ist Legastheniker, und weiß (Vorsicht Witz) nicht mal,  wie man das schreibt. Und in diesem Umfeld von  Leseschwäche und Analphabetismus nimmt die Story dann doch etwas Fahrt auf. Aber begeistert nicht wirklich.

 

Süchtig nach dem Sturm
Norman Ollestad, Verlag S. Fischer

Mein (kurzes) Leben als Sohn
Sorry, dass ich hier frei Philip Roth grandiosen Vater-Sohn Roman zitiere, bzw. den Titel. Aber da endet auch schon der Vergleich. Roth sieht zwar auch seinen Vater sterben, der ist allerdings hoch betagt und das Sterben gehört nun mal zum Leben dazu. Bei Norman Ollestad ist es aber ein Flugzeugabsturz, der den 43 Jahre alten Vater unseres Autors, jäh aus dem Leben reißt. Und nicht nur den. Einziger Überlebender ist Norman, eben der Sohn und Autor (dieser Biographie?). Und zum Zeitpunkt des Unglücks grade mal 11 Jahre alt. Was er allerdings bis dahin mit seinem Vaterhelden erlebt ist schon eine starke Nummer und typisch amerikanisch aufgeblasen. Normans Vater ist so eine Mischung aus Robert Redfort und Bode Miller (Abfahrtsgold), Wayne Gretzky (kanadischer Eishockeystar)  und Robby Naish (24 - facher Surfweltmeister) Selten habe ich in einer Beschreibung des eigenen Vaters eine solche Verklärung gesehen. Wenn wir alle so einen Übervater hätten, man, wie sähe die Welt aus. Hier haben wir das südkalifornische pralle Leben, wo man morgens die Santa Monica Mountains hoch rast, um die irrsten Pulverschnee Erlebnisse zu haben um dann abends noch die perfekte Welle im Pacific zu erleben. Dann eben noch Eishockey Team mitnehmen und das alles vor dem 11. Geburtstag. Was für eine Kindheit.

Nun, wollen wir neidisch sein? Eher nicht. Obwohl, es ist schon ein Drama, wenn man als 11 jähriger - und dann als einziger - einen Flugzeugabsturz überlebt, in 2600 Metern Höhe, und bei dem Norman nach dem ersten Erwachen ungläubig und nach und nach feststellt, dass sein Vater tot ist.  Aus diesem unwirtlichen steilen Gelände rettet er sich. Das sind auch die stärksten Momente des Buches. Klug aufgebaut in zwei Handlungssträngen, eben auf der einen Seite, Norman, unter dem ständigen ( aber positiv dargestellten) Druck seines Vaters Höchstleistungen zu bringen, und die intensive Selbstrettung aus übelster Notlage.  Zum Zeitpunkt des Absturzes treffen sich die beiden Ebenen und dann quält sich das Buch durch eine südkalifornische Pubertät mit den üblichen Themen. Hier nur geprägt von dem Leben am Meer. Zuvor gehen wir noch auf eine Reise durch Baja California, übersetzen dann in die Dschungelregionen Mazatláns  und besuchen Normans Großeltern in Puerto Vallarta. Da kamen Erinnerungen hoch, denn Ende der siebziger war ich selbst mal dort und konnte sogar einige der Reisebeschreibungen gut nach vollziehen. Junge mexikanische federals, höchstens 15 oder 16, mit MP im Anschlag und willkürliche Straßensperren, um Gringos aus zu nehmen. Wir brauchten uns damals nur als Alemanos zu erkennen geben, brauchten hierfür nur das Stichwort Beckenbauer, schon waren wir durch. Aber eben in Mexico gibt es diese big waves , weil sich der Pacific aus unendlichen Tiefen plötzlich an den Strand wirft. Und durch eine dieser sogenannten Tubes surft Norman vor den Augen mexikanischer Eremiten und wird dort kurzfristig als Gottgesandter angehimmelt. Alles in allem ein Buch, das man lesen kann, aber nicht muss.

 

Oktoberfest
Christoph Scholder, verlag droemer

Wow. Was für ein Roman, was für ein Debüt. Ich muss sagen, der Christoph Scholder hat mich mit seiner Romanidee gefesselt. Obwohl, ein wenig erinnerte mich das an Haslingers "Opernball", na ja. Es sind diese Begrifflichkeiten, die sofort eine Aura entwickeln, eine Vorstellung von Menschengewaber, Eisbein, Maßkrüge, eben München, Oktoberfest. Jedes Jahr mehrere Millionen Besucher und ich hätte sogar auch mal Lust. Aber nach diesem Buch? Ich schlage vor, man bucht eine Pension, meinetwegen am Starnberger See, oder gleich mitten in München, und fängt an zu lesen. Und ich denke, so schnell legt man das Buch nicht aus der Hand. Ein ganzer Tag Oktoberfestbesuch als Geiseln zu nehmen, das ist schon ein starkes Stück. 70 000 Menschen in Bier - Zelten fest zu setzen und der Bundesrepublik eine Nase zeigen. Ich liebe Prosa, die mit der Wahrscheinlichkeitsgrenze spielt, und je näher sie an der Realität ist, gleichwohl fiktiv bleibt, um so besser wird sie. Irritiert hat mich die Namenswahl eines russischen Soldaten, eines Hauptmanns einer früheren Eliteeinheit, der bei dieser Aktion gegen Deutschland, mit dem Ziel, Rohdiamanten im Wert von 2 Milliarden zu erpressen, federführend ist. Oleg Blochin. Da werde ich als Fußballer natürlich hellhörig. Oleg Blochin war nicht nur ein erfolgreicher russischer Nationalspieler, sondern auch Europas Fußballer des Jahres 1975. Aber der 1967 geborene Autor kannte den Mann wohl nicht, und irgendeine Kausalität zu den Ereignissen auf der Festwiese, kann ich auch nicht erkennen. Da geht es nicht um Fußball. Da wird eine Demokratie in den Grundfesten erschüttert. Irgendwie schien die Romanidee schon lange zu schwelen, denn wenn es in der Story um Bundeskanzler oder Außenminister geht, hat man Schröder vor Augen, oder Fischer. Aber eben nicht Merkel und Westerwelle. Und trotzdem hat dieses Deutschland auch noch Kerle die sich in den Weg stellen. So ein James Bond neueren Typs, mit dem Allerweltsnamen Müller, nimmt den Kampf auf. Dazu wird alles garniert, das muss wohl so sein, mit einer kleinen Liebesgeschichte, Rettungen in letzter Sekunde, geheimste Geheimdienste und natürlich Familiendramen. Bei allem, bleibt man aber wohltuend nah an der Geschichte, die sich spannend von Seite zu Seite entwickelt, sich von kleineren - zu mittleren - und endlich zu ganz großen Höhepunkten steigert. Und immer wieder fragt man sich, ist das nicht genau so möglich? Schließlich war das Oktoberfest schon mal Anschlagsziel und wer erinnert sich nicht an München 1972. Die Welt ist so krank geworden, und ich gebe deshalb keinen Pfifferling auf die internationale Soldateska, in diesem Fall wieder mal aus dem Osten, aber egal. Diese Jungs sollten a priori in dem Verdacht stehen, irgendwann durchdrehen zu können um sich dann die Welt nach ihrem Sinn neu durch zu deklinieren. Begriffe wie Ehre, Vaterland, Heimat sind auch heute bei weitem nicht frei von Ballast des letzten Jahrhunderts und der Weltfrieden steht uns nun mal überhaupt nicht bevor. Im Gegenteil. Öl, Wasser und weitere Ressourcen geben eher einen Grund darüber nach zu denken, was der Mensch für Waffen entwickelt hat, und wer in der Lage ist sie einzusetzen. Keine Weltpolitik jetzt, wir haben einen klasse (Männer-) Roman vorliegen, den ich einfach nur empfehlen kann, und bei dem ich den Film, während des Lesens schon in Gedanken gedreht sah. Ich weiß auch schon wer Oleg Blochin spielt: Brad Pitt, sein westlich orientierter Gegner: Daniel Craig! Oder umgekehrt, ist egal!

 

Der Sünde Sold
Inge Löhning, verlag ullstein

Guter Sommerkrimi für Strand und Eckbank
Ein grundsolides Krimidebüt liegt mir hier mit diesem munteren Taschenbuch vor. OK, wir haben ein paar mankellsche Elemente, wie den Kommissar mittleren Alters, der mehr seinem siebten Sinn folgt, als die Dinge einfach oberflächlich zu bewerten. Der sich einsam seine Mahlzeiten zu bereitet und von einer Beziehung träumt und der das Verhältnis zu seinem Vater, der gerade 70 wird, noch nicht geklärt hat. Auch ist mir der Einstieg in diese Geschichte etwas zu bekannt. Geht es da im Prolog um viel psychopathologisches, um Grausamkeiten die an Kindern begangen wurden und die sich heute in Wahn und verdrehter Wirklichkeit äußern – hochaktuell durch die Missbrauchanklagen die just unser Land heimsuchen (aber wie wir wissen schon immer da waren – so ist eben Kirche)  - und eben die Grundlage für diesen Krimi bieten. Trotz allem liest sich das Buch spannend und man wird von dieser Geschichte mitgerissen, weil man, trotz unverhältnismäßig vieler Toter, endlich den, oder die Schuldigen, gefasst lesen will. Kommissar Dühnfort und sein Team, alle auch mit kleinen Päckchen versehen, die ihnen das Leben erschweren, ermitteln zäh aber eben auch lange erfolglos, bis ihnen irgendwann der Durchbruch gelingt. Garniert wird das Ganze von einem zarten, na sagen wir Flirt, von Dühnfort und Agnes, die ihren Ehemann und Ihre Tochter bei einem tragischen Brand, vor kurzem verloren hat. Auch Agnes ist auf der Suche nach sich selbst und erlebt Rückschläge, die man sich auch nur in einem Roman vorstellen kann. Also, der kleine idyllische bayrische Herbstort Mariaseeon, ist Schauplatz einer Tragödie, von der man im wahren Leben in der Bildzeitung lesen würde: Horrorkiller am Werk, wer ist die Nächste? Sei’ s drum. Passt schon

 

In weisser Stille
Inge Löhning, verlag ullstein

Noch ein guter Sommerkrimi für Strand und Eckbank
Nach ihrem grundsolides Krimidebüt (Der Sünde Sold)  liegt mir hier ein weiteres spannendes Taschenbuch vor. Auch hier fällt mir die Nähe zu einem großen Vorbild auf, denn wir haben ein paar mankellsche Elemente, wie den Kommissar mittleren Alters, der mehr seinem siebten Sinn folgt, als die Dinge einfach oberflächlich zu bewerten. Der sich einsam seine Mahlzeiten zu bereitet und von einer Beziehung träumt und der das Verhältnis zu seinem Vater, der gerade 70 geworden, noch nicht ganz geklärt hat. Auch im neuen vorliegenden Fall geht es um viel psychopathologisches, um Grausamkeiten die an Kindern begangen wurden und die sich heute in Wahn und verdrehter Wirklichkeit äußern. Man wird von dieser Geschichte mitgerissen – allerdings nicht ganz so dramatisch wie im Debütroman - weil man endlich den, oder die Schuldigen, gefasst lesen will. Kommissar Dühnfort und sein Team, alle auch mit kleinen Päckchen versehen (hier ein Krankheitsverdacht, da eine unglückliche Liebe), die ihnen das Leben erschweren, ermitteln zäh aber eben auch lange erfolglos, bis ihnen irgendwann der Durchbruch gelingt. Garniert wird das Ganze von der sich fast vertiefenden Beziehung von Dühnfort und Agnes, die ihren Ehemann und Ihre Tochter bei einem tragischen Brand, vor kurzem verloren hat. Auch Agnes ist immer noch auf der Suche nach sich selbst und erlebt Rückschläge in ihrem Standing und auch sie muss bitter einsehen, dass sie für eine neue Beziehung noch nicht die Richtige ist. Pech für Dühnfort, der allerdings überreagiert. Mal sehen ob sie irgendwann zueinander finden. Es wird nicht der letzte Krimi von Inge Löhning sein. Im vorliegenden Fall wird eine an eine Heizung gekettete Leiche gefunden, qualvoll verdurstet, bewusst so ermordet. Ein Familiendrama deutet sich an und wird mit zunehmender Seitenzahl immer offenbarer. Vielleicht ein wenig zu viele sidefills die dem Roman im Ganzen nicht gut tun. Sei’ s drum. Passt auch.

 

Cash
Richard Price, Verlag S. Fischer

Es ist wie wohl so, wie ich mir einen guten New York rap (Gangsta rap?) vorzustellen habe.
Dieser Roman ist nicht leicht. Man kommt schwer rein. Ich rate allen, die durchhalten wollen, - denn es lohnt sich - sich Notizen zu machen. Also aufzuschreiben, wer, wer ist. Und dazu die Rolle, die gespielt wird. Nach und nach schälen sich Hauptpersonen raus, die Detectives Matty, familiär und beruflich angeschlagen, allerdings gibt er nicht auf - und die zynische Yolanda. Ihrerseits desillusioniert aber weiterhin kämpferisch auf ihre Art. Dazu ein Haufen Beamte aus dem Bezirk. Wie gesagt, Namen notieren. Und dann die andere, die dunkle Seite des Viertels. Die Typen, die Gangs, die Führer, die Loser, die Latinos, diese unglaublichen Spitznamen, etc. Es geht um einen Mord: drei Zecher verlassen eine Bar, unter ihnen Eric Cash, sie werden überfallen, und einer der drei, Ike, wird nach seinen letzten Worten – Heute nicht, mein Freund – über den Haufen geschossen und in der Folge beginnt die zähe Ermittlung. Zuerst wird Eric Cash selbst verdächtigt und ausgequetscht, nicht grad gefoltert, aber fast, bis die ermittelnden Beamten eingestehen müssen, dass er es nicht war. Weiter geht die  zermürbende Suche. Ganz anders als in den bekannten New York Krimis, wird hier ganz nah am Menschen ermittelt. Eine großartige Sezierung gesellschaftlicher Realität auf kleinstem Raum. Eine nahe Sprache, man glaubt man steht daneben. Man riecht die verpissten und stinkenden Flure durch die sich die Ermittler quälen. Es ist alles so eng, dass man Atemnot kriegen könnte. Und es ist so konsequent chronologisch, wir kennen als Leser zwar die Täter, aber können nicht helfen, den Knoten zu lösen. Man ist zwar immer drauf und dran das Buch zu Anfang weg zu legen, aber dann fesselt es nach und nach. Eine ganz neue Sprache, wie gesagt, ein SnoopDogg -, Eminem Rap, aber als Prosa. Gewöhnungsbedürftig aber gelungen.

 

Einfache Gewitter
William Boyd, Berlin Verlag

Adam Kindred erlebt Murphys Gesetz am eigenen Leib. Und zwar so dramatisch, dass so etwas nur in einem Roman vorkommen kann. Das ist vielleicht ein Kritikpunkt an dieser Story, denn so viel Zufälle, bzw. diese Anhäufung von spektakulären Szenerien, kann eben nur der Roman leisten. Aber der ist spannend. Das ist die Hauptsache. Wir begleiten Adam vom ersten Moment seiner Krise bis zu seinem, sagen wir „happy end“ ohne viel zu verraten.

Der Diplom Meteorologe Kindred kommt nach London um ein Bewerbungsgespräch zu führen. Dazu kommt es auch, und er wäre auch eingestellt worden, wenn nicht, tja, wenn nicht diese Kette von unvorstellbaren Ereignissen, ihn zwingen würde, in den Untergrund zu gehen. Er schafft genau dies, und agiert fortan aus seinem Unterschlupf unter der Chelsea bridge. Aber er wird natürlich von Anfang an gejagt, denn er ist, wiederum zufällig, in den Besitz brisanter Informationen gekommen. Also ist nicht nur die Polizei hinter ihm her, denn ihm wird ein Mord angehängt, sondern auch ein ehemaliger Söldner der ihn ebenso jagt. Die globalisierte Pharmaindustrie, mit ihren fragwürdigen Patent- und Zulassungsproblemen, agiert im Hintergrund und man ahnt es schon, die gehen über Leichen. Denn es geht um zu verdienende Milliarden, die bei der Freigabe eines Asthmamittels fließen würden, wenn nicht in der Erprobungsphase, 14 tote Kinder im Weg stehen würden.

Wie gesagt, dass ist alles sehr spannend gemacht, und man geht den Weg mit Adam gerne, will man doch mit ihm zusammen, diese skrupellosen, globalen Hyänen, zur Strecke gebracht sehen.

 

Der Feind im Schatten
Henning Mankell, Zsolnay

Diese Kritik kann man kurz halten. Wer mit Mankell (bzw. Kurt Wallander)  alt geworden ist, und irgendwann angefangen ist, mit  z.B. Mörder ohne Gesicht  bis hin zu Die Rückkehr des Tanzlehrers, all seine Sidefills genossen hat, wie Der Chinese oder Die Tiefe und sich auch noch mit seinen afrikanischen Dramen angefreundet hat, der wird auch Der Feind im Schatten mögen. Ja, es ist sogar ein Muss! Denn wir erleben die langsame Auseinandersetzung mit dem Alter von Kurt Wallander so hautnah mit, dass es weh tut. Wir müssen uns also von der geliebten Hauptperson verabschieden, wir haben alle Höhen und Tiefen mit gemacht, von seiner gescheiterten Ehe mit Mona, von seiner Tochter Linda und ihrer Karriere und all den pubertären Schwierigkeiten, wir haben uns mit Beiba, seiner Geliebten aus Riga gefreut, und erlebten bestürzt wie Wallanders Vater senil und verbittert, die ewig gleichen Bilder malte und starb. Nun ist Wallander grad mal sechzig, aber er merkt, dass irgendwas nicht stimmt. Doch zum Buch: Der Feind im Schatten ist eine Agenten U-Boot Story, die so mit läuft; ich habe sie quasi nebenbei akzeptiert und nur halbherzig die Geschichte von Håkan von Enke, seiner Frau Louise, die zukünftigen Schwiegereltern seiner Tochter Linda, die übrigens ein Töchterchen namens Klara bekommt und somit Kurt zum Opa macht, mitgenommen. Vielmehr habe ich die Gedankenwelt von Wallander, manchmal auch etwas beklommen, genossen. Man zieht sogar Vergleiche. Was ist wenn ich so alt bin? Und eigentlich ist doch sechzig Jahre überhaupt –noch kein Alter-? Aber die Zeichen mehren sich und münden tatsächlich bei dem Kommissar  in so genannten  black outs und zeigen eine mögliche Demenz an. Das ist, wie gesagt, beklemmend, freut man sich doch über Wallander und seinem Entschluss mit seinem neu erworbenen Haus am See und seinem Hund  Jussi, alt zu werden. Wallander ist trotz allem in der Lage, diese verworrene Agentengeschichte nach und nach zu entzerren. Aber es strengt ihn unheimlich an. Als ich am Ende  schon ahnte, wie der Roman seine Auflösung erfährt, war es, wie jetzt schon mehrmals gesagt, gar nicht so wichtig.
Das Buch von Mankell lebt von Kurt. Und Mankell lässt es sich nicht nehmen, in einem Epilog und einem Nachwort, das Krankheitsbild von Wallander schlimm zu präzisieren. Tschüss Kurt, Danke Henning Mankell. Mach mit Linda weiter!

 

Malibu
Leon de Winter, diogenes

Dieses Buch von Leon de Winter würde ich mal als philosophischen Schicksalsroman bezeichnen. Denn es scheinen zwischen den Seiten und Zeilen immer die großen und letzten Fragen durch: was hält die Welt im innersten zusammen, warum passieren Dinge, gibt es den Zufall, was ist vorherbestimmt und natürlich, gibt es einen Gott? Wer sich sowieso schon mal mit all diesen Fragen beschäftigt hat, und daran nicht zerbrochen ist, denn auf all dies kann es keine Antwort geben, der findet mit Leon de Winter und vor allem in diesem Roman eine zwar verstörende, aber doch große Literatur.

Der Roman hat mehrere Ebenen und Joop Koopmann, die Hauptperson taumelt dazwischen hin und her. Hat er sich grade mal gedanklich auf etwas eingelassen, zum Beispiel ein Herz zu suchen, dann kommt ein Anruf aus einer Agentenwelt, und wenn er sich mal grad da aufhält, fliegt die buddhistische Weisheit und verdreht ihm völlig den Kopf. Alles fängt an mit dem plötzlichen Unfalltod seiner geliebten 17 jährigen Tochter – davon erholt er sich nicht, und will es auch nicht wirklich. Es fällt ihm schwer, den Kopf über Wasser halten, ganz einfach weil die Situationen und Dramen, die er erlebt, einen völlig kirre machen. Fast möchte man ihm beispringen bei all dem, und sagen, tu dies und das nicht. Zum Beispiel das besagte (transplantierte Herz) seiner Tochter suchen. Das Buch ist voller Symbolik, trefflichen physikalischen und philosophischen Andeutungen und stellt nicht zuletzt, die alles entscheidende Frage, nach dem Sinn des Lebens. Oder besser: was soll das alles? Gut! Denn darauf habe ich glücklicherweise auch keine Antwort!

 

Der Vormacher
Ferdinand Delcker, Atrium Verlag

Man nehme Henri Hiller ( was soll die Nähe zu Henri Miller?) einen dieser fiesen aber notgeilen, egozentrischen Werbewiderlinge, die nicht erwachsen werden, so um die 40; ein Mäuschen das zu Hause wartet und ein Kind möchte, eine verhärmte Schwiegermutter, eine Prise trivialer chinesischer Weisheiten, deftige bis saftige sexistische Träume und Erlebnisse, dazu eine Art lebensbedrohende Diagnose bei dem Mäuschen und dann geht die Jagd nach Theodora los. Denn auf die ist unser Hiller dermaßen schwanzgesteuert scharf, dass aller Verstand aussetzt. Und ausgerechnet das kommt ihm in seiner Werbeklitsche noch zu Gute, denn sein Chef erwischt ihn im Büro wo er sich grade mal von Linda, auch so eine Büromieze, einen blasen lässt. Da fragt sich der Chef doch, was habe ich in meinem Leben falsch gemacht? und übergibt die Firma an eben diesen Hiller. Der weiß kaum wie ihm geschieht, und dann noch folgendes (soll ja ein modernes Märchen sein), wenn sie nicht gestorben sind (!) dann leben sie noch heute. Ich will zwar keinen Plagiatvorwurf los werden, aber wenn jemand dieses Thema noch mal ein wenig literarischer angehen will, so empfehle ich „Mitten ins Gesicht“ von Kluun im Fischer Verlag. So!

 

Letzte Nacht in Twisted River
John Irving, diogenes

Nehmen wir an, ich komme mit einem Bekannten über Bücher ins Gespräch und er würde fragen, was ich grade lese. Ich würde ihm sagen, ich hätte grad den neuen Irving zu Ende gebracht. Er: Irving? Ich: Ja, du kennst John Irving nicht? Nie gehört von Garp, oder -Gottes Werk und Teufels Beitrag- oder - Owen Meany-? Er: Nein?! Was schreibt der denn so? Ich: vergiss es, denn wenn Du die oben als Beispiel aufgeführten Werke nicht gelesen hast, dann lohnt es sich gar nicht erst, dass ich Dir von -Letzte Nacht in Twisted River- erzähle. So, das wäre so ungefähr der Dialog und es sagt schon alles. Als Jahrzehnte langer Irvingfan, wird man nach einer Durststrecke, die mit – Witwe für ein Jahr – anfing und bei mir bis – Bis ich Dich finde -  ging, fühle ich mich endlich mal wieder durch einen Irving ruhig gestellt, allerdings gleichzeitig wehmütig! John Irving hat in – Twisted River – noch einmal alles in die Waagschale geworfen, was ihn in seinem Literatenleben so individuell auszeichnete. Die Kausalität von Ereignissen die Jahrzehnte später durch irgendein anderes Ereignis ihre Bestimmung finden. Ich habe alle seine Lieblingsthemen wiedergefunden, seine sportlichen Vorlieben wie Squash und Ringen, auch tauchen Elemente aus all seinen Büchern auf wie die tätowierte Lady Sky (Bis ich dich finde) seine Vorlieben für absurde Tiere, vor allem die Bären, und noch absurdere komische Situationen, die bei Twisted River in einer gusseisernen Pfanne ihren Höhepunkt finden. Nach diesmal recht angenehmen ca. 135 Seiten, kommt der erste Plot und die gusseiserne Pfanne wird zum zweiten Mal eingesetzt, nachdem sie 10 Jahre zuvor Teil einer Bärenverjagung war. Die Figuren dieser über 700 Seiten Geschichte, wachsen einem tatsächlich ans Herz, zumal man immer wieder glaubt mit oder in dem Schriftsteller Daniel, Irving selbst zu erkennen. Also man fängt an zu glauben, hier läge eine Art Autobiographie vor, was Irving selbst wohl entschieden zurückweisen würde. Er lässt auch Autorenkollegen zwischendurch auftauchen, wie den genialen Kurt Vonnegut, oder John Cheever und nicht zuletzt Salman Rushdie. Sein Meisterstück ist aber das Ende, denn mit dem ihm eigenen Stil beschreibt er, wie er Romane schreibt, exemplarisch das Vorliegende. Denn am Ende, wie gesagt, macht er sich über den ersten Satz eines Romans Gedanken und tatsächlich, es ist der erste Satz aus dem Buch -Letzte Nacht in Twisted River-.
 

Mein Leben als Sohn
Philip Roth, Verlag – dtv

Als „alter“ Philip Roth fan habe ich ja in den letzten Jahren kein Buch vom Altmeister versäumt. Auch sein letzter Roman (Empörung) hat mir sehr gefallen. Und wenn einer nach John Updike noch ein Nobelpreiskandidat ist/war, dann auf jeden Fall Philip Roth. „Mein Leben als Sohn“ hatte ich bislang immer vor mir her geschoben, vielleicht weil ich das Thema für mich persönlich uninteressant fand, also das langsame Sterben eines Übervaters, den ich zum Beispiel  nicht hatte. Mein Vater war ein netter, fleißiger Arbeiter, der uns liebte, wie es sich gehört; der einer Generation voller Entbehrungen angehörte und der nach der Schicht noch irgendwo schwarz weiter werkelte. Ein großer Bastler, sein Spitzname war „Werner, der Fuchs“. Aber sonst? Ich habe mich früh von meinen Elternhaus gelöst (lösen müssen), aber ich denke, ich war Ihnen, solange sie lebten, ein guter Sohn. Nun hatte ich das zweifelhafte – Glück -, dass meine Eltern sehr früh verstarben, es gab keine jahrelange Bettlägerigkeit, keine Altenheime und keine notwendige Pflegeversicherung. Ich hole so weit aus, weil Philip Roth das fast vollkommene Gegenteil beschreibt und aus heutiger (und deutscher) Sicht, ist diese wahre Geschichte, die vor 20 Jahren zum ersten Mal erschienen ist, wie ein Relikt aus der Steinzeit. Roth nimmt uns mit in eine Selbstverständlichkeit des „kümmerns“ um die Altvorderen. Das Herman Roth, also sein Vater, sein Leben lang ein Hüne war, ein 100% Amerikaner, ein guter Ehemann und praktizierender Jude, also alles, was einen gestandenen Mann des 20. Jahrhunderts in Amerika ausmacht, ist a priori klar. Nun ist aber Herman Roth 86 Jahre alt und da kommen doch aus meiner heutigen Sicht ein paar Sachen zusammen: 1. sein Vater lebte schon länger als Männer im Allgemeinen werden und 2. sind die Gebrechen in dem Alter ja fast schon normal. Aber Philip Roth will sich mit dem Sterben seines Vaters nicht abfinden, und auch Herman selbst kann nicht loslassen. Wenn die Zeit kommt, dann kommt sie eben, sag ich mal pragmatisch. Aber Philip Roth nimmt uns mit auf Reisen durch seine Jugend, immer hat das irgendwas mit seinem Vater zu tun, mit dem, wie er früher war und wie gebrechlich er jetzt ist. Dieses entsetzliche älter werden, oder das Altsein, stand nicht auf Philips Stundenplan und er muss sich da rein kämpfen. Muss den Abschied lernen. Hörst sich mit dem Vater gemeinsam an, was mit einem Mann der 86 Jahre alt ist, passieren kann, wenn der festgestellte Hirntumor, operiert wird. Wie selbstverständlich da um das Leben des Vaters gerungen wird, die Familie immer an der Seite. Mein Leben als Sohn ist ein Buch voll tiefer Menschlichkeit, von der persönlichen Unsicherheit im Umgang mit dem Abschied, und es birgt einen gewissen palliativen und Hospiz ' Ansatz, bei dem die Angehörigen, und hier eben Philip seinem Vater, beim Abschied nehmen, bis zum letzten nah sind.

 

Der Jukeboxmann
Ake Edwardson, verlag claasen

Edwardson gehört zu den führenden schwedischen Krimiautoren und steht in einer Reihe mit Arne Dahl oder Henning Mankell. Wie bei vielen seiner Thrillerautorkollegen scheint er sich nicht auf ein Genre festlegen zu wollen, auch um mindestens einmal zu zeigen, dass er zu anderer Prosa fähig ist, bzw. mehr Talent in ihm schlummert.

Heraus kommt meist was völlig unerwartetes, denn wie gesagt, auch in diesem Fall ist es kein Krimi, sondern es ist ein bewegendes Zeitdokument. Wir schreiben das Jahr 1963 in der schwedischen Provinz. Die Ermordung Kennedys erlebt Johnny, der Jukeboxmann, in einer Bar namens Detroit. Wie immer repariert er an einer Jukebox rum. Das ist sein Job. Es scheint, es war schon immer so, und es wird immer so bleiben. Doch auch hier macht der Lauf der Zeit, der Wandel die Dinge, der Einzug der Moderne, nicht halt. Fast zärtlich beschreibt er die Modelle an denen er herumzaubert; exzellent recherchiertes Material, eine Wurlitzer ist für ihn etwas Heiliges. Meine eigenen Erinnerungen kamen hoch. Die erste Eisdiele, die ersten Kneipen, überall standen diese Geräte, mit Singles mit A und B Seiten, oder die Geräte hingen an der Wand und für ein paar Pfennig konnte man sich -We can work it out - oder -The last time- spielen lassen. Erst durch dieses Buch verstehe ich, dass jemand dahinter gestanden haben muss. Wenn eine Platte ununterbrochen gespielt wird, dann muss jemand sie auswechseln. Dieser Jemand muss ein Gespür haben, was sein Klientel als nächste drücken will und er reist an, wenn das Gerät kaputt ist. Er ist über die Hitparade informiert und er wird von der Plattenindustrie beliefert. Es gab einen Deal mit dem Barbesitzer, also ein Prozentdeal, wohl ähnlich wie heute die Geldautomaten, und man kannte sich. Fuhr immer die gleichen Strecken ab – war per Du mit dem Wirt und seiner Familie. Und wenn sie nicht gestorben sind…! Aber nichts da. Edwardson versteht es, uns den Wandel am Beispiel dieses bisher völlig unbehandelten Themas höchst gefühlvoll näher zu bringen. Keine Leichen, keine Gewalt, keine großen Tränen. Es ist so wie es ist. Und Johnny, so heißt unser Jukeboxmann, nimmt lakonisch zuerst den Kampf auf, sieht aber frühzeitig ein, das er nicht gewinnen kann. Ein zutiefst melancholischer Roman. Ich sage einfach mal – Danke - dafür!

 

Mensch ohne Hund
Hakan Nesser, verlag btb

Was für ein grandios komponierter Roman. Und obwohl man die Ausgangsposition schon leidlich zu kennen glaubt, versteht es Nesser immer noch einen drauf zu setzen. Eine Familientragödie bahnt sich langsam aber sicher einen Weg und teilweise wissen wir als Leser dieser brillanten Story natürlich mehr, als die Protagonisten. Aber auch nicht wirklich - und grade deshalb fesselt dieser Roman bis zum Schluss. Nesser führt einen neuen Kriminalbeamten ein und der ist dermaßen sympathisch, dass man ihm quasi auf die Sprünge helfen will. Denn für die meisten der Beteiligten, bleibt das spurlose Verschwinden von zwei Familienangehörigen ein Rätsel. Nesser gelingt es zudem, alle Rollen psychologisch fein zu zeichnen. Vom 14 jährigem Problemkind bis zum Schulmeister der mit 65 nun in den Ruhestand geht, seinen Geburtstag feiert, wobei die Lieblingstochter am gleichen Tag 40 wird. Kann ja alles nicht gut gehen. Das ist ein Roman, den man nicht zur Seite legen will.
Großartig!

 

Drachenläufer
Khaled Hosseini, Berliner Taschenbuchverlag

Den Roman hatte ich schon seit drei, vier Jahren liegen. Und das war auch gut so. Was wurde ein hype darum gemacht, als er erschien. Im Abstand heute, geht man die Lektüre wohl ein wenig unaufgeregter an und es ist auch nicht wirklich der Hundertprozenter, von dem damals gesprochen wurde. Aber ein Zitat spielt mir durchaus in den Fuß, wenn ich bedenke, was heute dieses mittelalterliche Gesocks von Mullahs und Ayatollas angeblichen Korandeutern und was weiß ich, für einen Quatsch verbreiten, bzw. ableiten. Amir – die Hauptperson und Icherzähler – hat einen klugen Vater und der sagt folgendes und ich meine, das gilt genauso noch heute; also Amirs Vater sagt: - Du wirst von diesen bärtigen Idioten niemals irgendwas von Wert lernen. Ich meine damit alle. Man sollte auf die Bärte dieser ganzen selbstgerechten Affen pinkeln. Sie tun nichts anderes, als ihre Gebetsperlen zu befingern und aus einem Buch aufzusagen, das in einer Sprache geschrieben ist, die sie nicht einmal verstehen. Gott stehe uns bei, sollte Afghanistan jemals in ihre Hände fallen.  (Zitat Seite 24) Das ist der Schlüsselsatz dieser Geschichte über eine Männerfreundschaft, die sich über mehrere Jahrzehnte entwickelt und die das Land Afghanistan begleitet von den Blüten und Hippiejahren der Siebziger bis zum grauen Elend des heutigen Kabul. Es offenbaren sich auf dem Weg ein paar Geheimnisse und das ist alles recht lehrreich und oft brutal. Aber als Amir schließlich mit seinem Vater in den USA landet, da wurde für mich die Strecke etwas zu lang. Es interessierte mich nicht so sehr, wie Amir eine Frau findet und wie sich die geflüchteten Afghanen weiter in ihren Ethno- und Kastensystemen verzetteln.

Allerdings ist der Roman auch eine Geschichte von Zivilcourage und damit durchaus wieder hochaktuell. Amir hat Hassan, eben seinen Freund gleich zwei Mal verraten, einfach aus Feigheit und Neid. Und erst als er Gelegenheit hat, es wieder gut zu machen, wird auch endlich der Mann aus ihm, den sich sein Vater schon von klein auf gewünscht hat. Na ja, Afghanistan ist heute kaputt – wir erfahren viel darüber! Russen, Taliban, Amerikaner und wir mischen auch noch mit. Warum? Weil Afghanistan so strategisch nahe am Öl liegt. Und da kennt der Amerikaner keine Verwandten. Auch macht das Buch klar, dass es für das Land niemals zu einer Demokratie kommen kann, da sind die Ethnogeschichten untereinander genau so ungeklärt wie in all den Jahrhunderten davor. Zwiespältig, alles.

 

Der Fledermausmann
Jo Nesbo, verlag ullstein

Mann, was bin ich froh dass ich von Nesbo zuerst DAS FÜNFTE ZEICHEN gelesen habe, und nicht diese Einführung, bzw. seinen ersten Roman mit Harry Hole, dem sympathischen Osloer Ermittler mit einem Alkoholproblem. Es handelt sich nämlich beim Fledermausmann eher um einen Reiseführer für Australien, mit absolutem Tiefgang, was die Information über die Ureinwohner angeht und das Leben down under überhaupt. Ein Thriller kommt erst ganz langsam in Fahrt und es bleibt auch seltsam flach alles. Jetzt, da ich weiß, wo sich das Talent noch hingeschrieben hat, nämlich die ganzen Harry Hole Stories die danach kamen, ist es schon fast putzig, wie Nesbo uns in seinem ersten Roman den Reiseleiter spielt. Hole wird nach Australien geschickt um einen Serienmörder dingfest zu machen. Eine junge Norwegerin ist ermordet worden. Blond und erwürgt. Das sind aber auch schon die einzigen Indizien. Harry bekommt Andrew zur Seite und der spielt das ganze Buch über den Erklärbär was Australien angeht. Das wirkt manchmal komisch bis lächerlich, ich hatte fast schon Derrick und Harry im Ohr. So gestelzt sind die Unterhaltungen. Aber wir erfahren auch, was mit Harry los ist. Serin Trauma, seine Alkikarriere. Gut, wir wiessen es jetzt, aber wie gesagt, nicht mit diesem Roman anfangen, dann greift man sich den nächsten Nesbo garantiert nicht.

 

Blutiges Erwachen
Roger Smith, verlag klett-cotta

Ein Südafrika, das atemlos macht. Wenn auch nur ein Drittel von dem stimmt, was Roger Smith uns da über sein Land vor die Füße wirft, dann Gnade uns Gott. Sollten unsere Jungs von der Fußball Nationalmannschaft, dieses Werk lesen, ich glaube, die könnten vor lauter Beklemmungen gar nicht mehr pöhlen. Es ist alles so frei von jeder Moral, frei von jeder bekannter Ethik und voll von gnadenloser Brutalität auf allen Ebenen. Sei es sexuell oder kriminell. Es überschreitet jede Grenze und ich habe lange nicht mehr so etwas gelesen. Schlimm ist, dass der Autor in der Sendung Titel, Thesen Temperamente gesagt hat, das er nur aufgeschrieben hat was abgeht.

Es lohnt sich auch kaum eine Story zu beschreiben, denn entweder sind die auf der nächsten Seite schon wieder tot, oder liegen in einem Müllsack auf der Kippe – und sind noch nicht ganz tot. Und trotzdem empfehle ich das Buch. Wir haben Weltmeisterschaft – und wer dieses Buch zu Ende gelesen hat, der wird sich in diesem Jahr, was Südafrika angeht, über nichts mehr wundern. Wundern tu ich mich darüber, dass der Staat Südafrika überhaupt diesen Roman hat passieren lassen.

Aber vielleicht sind ja auch alle damit beschäftigt, die unzähligen Leichen zu verbergen, von denen Smith hier schreibt. Unglaubliches Buch.

 

Der Trakt
Arno Strobel,  Fischer Taschenbuch - Verlag

Au Mann, in letzter Zeit habe ich immer öfter Pech, was die Auswahl aus dem Genre „Thriller“ angeht. Diesmal daneben gegriffen habe ich mit einem Buch aus dem Bereich, Gedächtnisforschung, Neurologie und Verpflanzungen von Hirnsoftware. Alles in allem eine  krude und bizarre Psychoneuropathologie – wenn es dieses Wort überhaupt gibt. Der Reihe nach: Sybille Aurich erwacht und meint sie sei weiter Sybille. Kein Mensch erkennt sie und das zieht natürlich verzweifelte Situationen nach sich, wenn sie zu ihrem (vermeintlichen) Ehemann kommt und der sie brüsk raus wirft, weil er eben nicht weiß wer sie ist. Ihr selbst entstehen aber immer Bilder aus einem früheren Leben und sie ist sich sicher, auch einen Sohn zu haben. Durchaus lesbar also der Anfang. Doch schon nach kurzer Zeit ertappe ich mich dabei, dass ich für den Autor hoffe, dass die ganze Sache nicht in so einer Frankenstein Monster Geschichte endet. Und was tut es? Es endet genau da. Ein sich selbst überschätzender Neurochirurg wagt sich wieder mal an diesen angeblichen Menschheitstraum und kopiert quasi die gesamte Elektrizität und Hirnströme samt Gedächtnis auf eine Matrix zum Zwecke der Übermittlung in ein anderes Hirn. Sogar mit den Optionen via Abschaltungen von bestimmten Synapsen (Dieses alberne Projekt heißt dann auch noch „Synapsia“) auch bestimmte Erinnerungen auszulöschen. (Siehe auch den nur halbwegs gelungenen Richard Powers Roman: Das Echo der Erinnerung) Man weiß, zugegeben, wenn man will, wieder mal ein wenig mehr über das Hirn, das unbekannte Wesen. Aber dieser hölzerne Roman ist nun wirklich ärgerlich. Der Autor ist im richtigen Leben bei einer großen deutschen Bank (!) beschäftigt und verantwortlich für IT-Projekte. Auch wenn ich dafür was ins Phrasenschwein werfen muss: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

 

Amok
Tom Bale, Goldmann – Verlag

Ich will mal vorsichtig anfangen, ohne jemanden Nahe treten zu wollen. Eigentlich habe ich, bis auf ein paar Ausnahmen, immer von Produktionen des Goldmann – Verlages die Finger gelassen. Ebenso ergeht es mir mit Bastei-Lübbe oder Econ. Dass dieser Roman so marktschreierisch von Goldmann angepriesen wurde, hätte mich auch stutzig machen können.

Ein Freund lieh mir den „Thriller“ und ich bin einfach mal angefangen. Der ganze Roman ist so, wie bei diesen englischen Krimis Sonntag abends im ZDF um 22:15h, da steht man auch oft mittendrin auf und sagt zu seiner Liebsten “ Weißt Du was? Ich geh schon mal ins Bett, ein wenig lesen“. Und bei diesem Roman ging es mir, um im Bild zu bleiben, ähnlich; quasi mitten im Kapitel: „Weißt du was, ich bin müde, gute Nacht´.“ Obwohl der Anfang durchaus Mankell Qualitäten in sich birgt. Ein Massaker in einem Dorf, das mich ein wenig an jenes Mankellsche Massaker in „Der Chinese“ erinnerte. So, aber jetzt fängt die mühsame Arbeit an. Bale nimmt sich die Freiheit, viel zu viele Charaktere einzubauen, und zwar auch so, dass man, wegen der oben beschrieben, schnell einsetzenden Müdigkeit, kaum folgen kann oder eben ungehalten wird. Das was als Amok und Massaker anfängt, hält den Spannungsbogen nicht und auch dieses „mörderische Schlachten“ gegen Ende, wo Bale wohl meint, einen gewisse Blutdurst beim Leser zu befriedigen, ist nicht mehr als unterer Durchschnitt.. Kaputte Beziehungen, Alkoholismus, Korruption…gut alles da. Aber wie gesagt: ermüdend. Nicht verschenken.

 

Erbarmen
Jussi Adler-Olsen, Verlag DTV

Irgendwo in Skandinavien muss ein Nest sein, oder zumindest eine Schule für Thriller-Autoren. Die Liste guter Schreiber wird mir langsam unheimlich, Mankell, Nesbø, Dahl, Larsson und wie sie alle heißen. Die hier genannten vier Autoren verbinden ihre wohl durchdachten Krimis immer noch mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik, was nicht immer gut ist, gleichwohl meistens gelungen. Man lernt viel über die skandinavischen Verhältnisse - ob in Schweden, Norwegen oder Dänemark. Finnland fällt -krimitechnisch- gesehen etwas ab. Jussi Adler-Olsens "Erbarmen" ist dänisch und hier geht es nicht um eine als Krimi getarnte politische Botschaft im Kampf um bessere Verhältnisse, sondern Adler-Olsen bleibt bei der Sache. Carl Mørck, die Hauptperson und Vizekommissar, ist durch einen gescheiterten Polizeieinsatz schwer traumatisiert, denn der eine Kollege stirbt dabei  und er überlebt mühevoll, in dem er unter seinem Kollegen Hardy liegt, der durch Schüsse danach lebenslang gelähmt ist. Da ist es schwer wieder in den Polizeialltag zu finden. Es gelingt ihm auch nicht wirklich und seine Vorgesetzten schieben ihn quasi ab (in den Keller) wo er mit Sonderaufgaben für ungelöste Kriminalfälle betraut wird. Er bekommt einen charmanten Moslem zur Seite, dessen Vita im Laufe des Buches immer undurchsichtiger wird. In den nächsten Adler-Olsen Büchern werden wir über ihn erfahren. Denn das Team wird wohl weiter zusammen ermitteln, denn sie ergänzen sich nach und nach großartig. Erstmal an einem Faden dieser unglaubliche Geschichte festgebissen, lassen die beiden nicht mehr los, und decken, Puzzle für Puzzle und durchaus spannend geschrieben, den Fall auf. Die zweite Handlungsebene ist das  dubiose Verschwinden der allseits beliebten Politikerin Merete Lynggaard vor fünf Jahren und deren Martyrium erleben wir hautnah mit. Dagegen ist Guantanamo eine Kaffeefahrt. Geschulte Krimileser wissen eigentlich aber von Anfang an, wo der Hase im Pfeffer liegt, spannend bleibt nur, ob Mørck und sein Assistent Assad das Rennen noch pünktlich entscheiden. Und das ist gut gemacht, man wartet ungeduldig auf das Weiterkommen in dieser zähen Ermittlung und man will dieses Buch auch nicht zur Seite legen. Kann ich - mit leichten Einschränkungen – empfehlen.

 

Armentafel
Heinrich Peuckmann, verlag aschenbach

Flach, unspannend und holprig
Wer Romane schreibt, muss sich der Kritik stellen. Wer an die Öffentlichkeit geht mit seiner wie immer gearteten Kunst, muss sich eine Bewertung gefallen lassen, Ich muss auch seit Jahrzehnten damit leben. Ich veröffentliche Songs. Manchmal weiß ich relativ schnell, dass ein grade fertig gestellter Text, lieber in der Schublade bleiben sollte. Und viele bleiben da auf ewig liegen. Heinrich Peuckmann hätte dieses Büchlein auch lieber nicht zum Lektorat gebracht, wenn es überhaupt eins durchlaufen hat. Was mich ärgert, ist,  dass plötzlich Autoren mit theologischer Ausbildung den Markt mit Krimis betreten und ich denke dabei, man, was müssen die Zeit haben. Einerseits sowieso gut bezahlt und unkündbar (Lehrer oder Pfarrer, oder in Personalunion), andererseits sich selbst noch das eigene Ego kitzeln, in dem man Romane veröffentlicht. Ich habe tatsächlich schon zwei Peuckmann Romane gelesen (-Schillers Vermächtnis- und –Teufelszeug-) und habe relativ milde abgestimmt. Gut durchdachte Krimis aus Dortmund. Man kann quasi mit dem Hauptkommissar die Straßen nachfahren. Das ist schon verrückt und auch nachvollziehbar. Auch die Stories relativ stimmig und er bemüht sich immer um ein überraschendes Ende.
Ein Krimi aus dem Neonazi Müll Bereich, der andere siedelt eher bei „Sekten“ an. Aber eben nur vordergründig. Schade ist, dass er immer wieder zeigt, was er gelernt hat: Theologie, Philosophie, etc…Man liest es und denkt, ach ja, das steht ja auch auf dem Buchrücken, dass der davon Ahnung hat. Und so hebt es sich irgendwie auf. Es ist etwas schal, wenn man die Erkenntnisse  seines Berufslebens unbedingt immer einarbeiten will. Seis drum.  Aber sein letzter Roman, eben "Armentafel", wirkt irgendwie lieblos dahin geworfen, und man denkt die ganze Zeit, und dann wird es wirklich kritisch: das kann ich auch! Und wenn man so weit ist, sollte man das Buch weg legen. Peuckmann wagt sich diesmal in das Obdachlosen Milieu, kariert schwarz weiß die "Reichen im Süden" (hoho, eine falsche Spur) und konstruiert eine wirre Geschichte über das Leben auf der Platte, oder in diesem Fall in einer Zeltstadt für Gestrandete im Wald der südlichen Reichen und Schönen. Er muss zwei Morde einarbeiten, ist ja ein Krimi und mäandert den Schluss und die wahren Schuldigen ins südosteuropäische Ausland. Dazwischen eine lachhafte Krise mit seiner aktuellen Freundin, denn als Kripomann hat man schon a priori gescheiterte Beziehungen hinter sich, die sich im heiteren Licht einer münsterschen Singlewohnung, inkl. ihrem Sohn aus erster Ehe, ins Nichts auflöst. Dazu nehme man noch eine Prise BVB und die offensichtliche Krise dieser Stadt auf allen Ebenen: fertig ist die Lauge. So geht das aber nicht.

 

Ausgebrannt
Andreas Eschbach, Bastei - Lübbe

Gut, dass ich das Buch in einem Streifen durchlesen konnte. Es hat mich gezogen wie ein Sog und absolut begeistert. So muss ein Thriller geschrieben sein. Und wenn dann noch eine oder mehrere messerscharfe weltpolitische, ökologische und gesellschaftliche Analysen, daher kommen, macht es den Genuss vollkommen rund. Nun muss man wissen, dass ich auf Wissenschaftsthriller und/oder Prosa mit philosophischen Erkenntnissen, oder zumindest mit deren Anregungen sich damit auseinanderzusetzen, absolut liebe. Dabei hatte ich allerdings Pech mit meiner letzten Buchauswahl. Das, mehr als geschriebener Comic daherkommende, und  völlig überladene Werk "Limit" von Frank Schätzing, war am Schluss nur noch ärgerlich. Bei "Ausgebrannt" ist man dem Thema persönlich auch viel näher. Wer sich heute über den Lauf der Dinge oder der Welt Gedanken macht, kommt an China und Saudi Arabien einerseits und dem Energieproblemen unseres Planeten andererseits, nicht vorbei.

Sowohl Schätzings "Limit" und Eschbachs "Ausgebrannt" bedienen sich hier, quasi dem Schlüsselgebiet für die Zukunft der Welt. Die ist in beiden Büchern nicht rosig, kann auch gar nicht sein. Denn die Plünderung unseres Planeten geht ja ungehemmt weiter. Jetzt muss man sich aber die Parameter genauer anschauen. China, 1,5 Milliarden energiehungrige Menschen?  Bei versiegenden Ölquellen? Religiöser Fundamentalismus auf der Basis eines Millionenheeres frustrierter, arbeitsloser, Sinn suchender junger Moslems, denen jeglicher Zugang zum weiblichen Geschlecht verwehrt ist und die, im Grunde testosterongesteuert, alles auf den westlichen Lebensstil projizieren und diesen hass- und botschaftserfüllt, im Namen Allahs, in den Tod bomben wollen, sich eingeschlossen? Und eine Scheichclique, die durch die Welt jettet, und den unfassbaren arabischen Reichtum in Dekadenz und Superluxus verschleudert? Die Unfähigkeit der Politik, mit den Problemen auch nur annähernd fertig zu werden, sollte sowieso jedem nachdenklichen Menschen klar sein. Aber selten habe ich  Gedanken der Hauptpersonen dieses Romans so nachvollziehen können. Alle Sackgassen, ob bei den ungelösten Energieproblemen, den daraus am Horizont aufkommenden Hungerproblemen oder den sich in persönlichen Ängsten

kanalisierenden schlimmen Zukunftsaussichten, sind quasi logisch, ja erkenntnistheoretisch ausgebaut. Eschbach beschreibt hier ein update der menschlichen Existenz, wohl wissend, dass es Milliarden von Toten geben könnte, aber, und dafür werfe ich 2€ ins Phrasenschwein: die Hoffnung stirbt zuletzt. Unbedingt lesen!

 

Die Bücherdiebin
Markus Zusak, Verlag blanvalet

Was soll ich sagen? Mich hat das Buch vollkommen umgehauen. Es hat mich so bewegt, dass ich am Ende die Tränen nicht zurück halten konnte. Ganz im Gegensatz zu dem seltsam unberührenden Buch "Der Junge im gestreiften Pyjama" wird hier das Thema NS-Zeit, Krieg, Judenverfolgung, drittes Reich, etc.,  in einer emotionalen Nähe angegangen, dass es mich fast sprachlos macht. Und eigentlich kann mich literarisch so schnell nichts erschüttern. Es ist vor allem auch die Idee, dass der Sensenmann selbst, als Ich-Erzähler, die Geschichte vorantreibt und dass er menschlich daherkommt, quasi Gefühle für seine Seelen zeigt, die er in dieser bitteren Zeit, millionenfach aufsammelt. Wir begleiten die Hauptperson dieses Romans, Liesel, von ihrer ersten Begegnung mit dem Tod, bis zu Ihrer Letzten. Dazwischen spielt sich die Geschichte, auch als eine Art Mikrokosmos des Dritten Reiches, eben vom Führerwahnsinn, Mitläuferverbrecher, leise heimliche Zweifler, Judenverstecker, usw. in einem kleinen Städtchen vor München ab. Es ist die Geschichte einer innigen Freundschaft von Liesel zu Rudi, einem mutigen und liebenswerten Rabauken. Es ist die Geschichte von Liesel und Max, dem Juden, den die Familie Hubermann, Liesels Pflegeltern, mutig versteckt. Wir erleben die Begeisterung für den Führer und seinen Verbrechen und bibbern ängstlich mit, in den erbärmlichen Luftschutzkellern, als dieser Wahnsinn schon längst verloren war. Wir nehmen teil an Liesels Annährung an die Bücher, sie ist die Bücherdiebin, ein Titel der so harmlos daher kommt, aber den Kern auch trifft. Ihren unbedingten Willen, die Dinge zu verstehen, und das kann sie nur indem sie lesen lernt. Die selbstverständliche Armut, die uns durch den Roman begleitet, der Gleichmut wie die Familien all dem begegnen, das ist großartig. Ein Australier legt hier einen Roman aus der Mitte Deutschlands vor, der zur Pflichtlektüre im Sozialkundeunterricht oder m Fach Geschichte werden sollte. Frei ab 12 Jahren und es ist dabei ein großer Roman für uns Ältere. Unbedingt verschenken, wo immer man das Gefühl hat, in dieser oder jener Familie wird noch gelesen und der Lauf der Zeit noch ernst genommen.

 

Winter in Maine
Gerard Donovan, Luchterhand

Daniel Defoe hätte seine Freude an diesem Roman gehabt. Wenn ich ganz quer denken würde, passt der Roman "Winter in Maine" auch zu "Verschollen", ,jenem Film mit Tom Hanks, bei dem mir vor allem die Szene im Gedächtnis bleibt, als er seinen einzigen Freund auf der Insel, einen Ball namens "Wilson" (stand auf dem Ball, war eben von dieser Sportausrüsterfirma)an die Fluten verlor.
Julius Winsome ist ein einsamer Mann, aber nicht nur das, eigentlich ist er krank, im landläufígen Sinne Psychopath. Aber da er in der "Ichform" schreibt, kann er sein Weltbild als geschlossenes System beschreiben,  und das ist bei den meisten Psychopathen in sich stimmig. Alles was drum herum passiert, ist eigentlich egal. Kommt man aber einem Psycho wie Julius nahe, dann wird es gefährlich, da braucht es einen kleinen Anlass und der Mann wird zur Bombe. Hier ist es der Verlust seines geliebten Terriers Hobbes, den er eines Tages erschossen im Umfeld seiner einsamen Hütte auffindet. Aber es ist keine normale Rachegeschichte, die dann folgt.  In den tiefen, kalten Wäldern von Maine, an der kanadischen Grenze, hat sich über drei Generationen (Großvater, Vater und Sohn - eben Julius) ein fast schon Eremitendasein etabliert und wie das so ist, es wurde viel von Großvater, auf Sohn und von dem wieder auf seinen Sohn, eben Julius, vererbt. Nicht nur ein sich immer mehr verdichtender Dachschaden, sondern auch eine Hütte mit über 3000 Büchern, mit denen Julius seine Zeit verbringt. Shakespeare - Sonetten und vieles andere mehr. Dazu ein Menschen vernichtendes, großkalibriges Gewehr (eine Enfield) das schon zu Zeiten des ersten Weltkrieges vom Großvater genutzt wurde. Scharfschütze eben und auch irgendwann durchgedreht. Der Ort Fort Kent ist nicht weit, ab und an fährt Julius dahin, besorgt sich was er braucht, aber sein Leben ist die Hütte, das Feuer im Kamin, Hund Hobbes und Shakespeare. Eines Tages taucht auch mal eine Frau auf, Claire, die einen Sommer mit ihm verbringt. Das alles bleibt aber nahezu unkörperlich, zumindest aus der Beschreibung. Und irgendwie hängt auch der Tod seinen treuen Hundes damit zusammen, denn im Nachgang zu der  "Affäre" mit Claire passiert ja auch dieser vorsätzliche Mord an dem Hund. Wer so einem Menschen wie Julius zu nahe kommt, muss mit Konsequenzen rechnen. Das ist sein Weltbild und er schreibt das so logisch, das man durchaus mit seinem "Rachefeldzug" sympathisiert. Ein enormer Thriller, ein winterharter Roman, durchgeknallt und einsam gut!

 

LIMIT
Frank Schätzing, Kiepenheuer & Witsch

So, jetzt habe ich die Tausend und die Schnauze voll. Ich schenke mir die restlichen 300 Seiten, weil ich glaube, dass auch diese das Buch nicht mehr retten werden. Mehrmals wollte ich es in die Ecke werfen, aber es ist so dick, dass vielleicht was kaputt gegangen wäre. Und mal ehrlich, der Schluss von „Der Schwarm“ war ja auch grade noch zu ertragen, aber bis dahin – spannend! Und jetzt ärgere ich mich über all die Zeit, die ich mit diesem Buch „Limit“ verplempert habe. Ich habe so gute Sachen da liegen (Winter in Maine, Nebelsturm), aber komm, egal jetzt.

Die Grundidee und die naturwissenschaftlichen Recherchen, Hut ab. Und die wirklich gekonnten Extrapolierungen unserer heutigen Zeit bis zum Jahre 2025 sind aller Ehren wert. Wie Schätzing die Zukunft der Öl- und Gasstaaten, bzw., deren Niedergang, nach der neuen und sicheren Energiesituation der Welt durch die Nutzung von Helium 3 beschreibt, ist auch sehr interessant. Wie schon in Mankells „Der Chinese“ kann es einem vor China Angst und bange werden. Wir werden also in Europa die Arschkarte haben. Auch Indien rasselt an uns vorbei. Im Grunde alles nicht neu - aber gut und mit einem globalen Verständnis erzählt. Vor fünf Jahren hatte ich die Gelegenheit, bei einer Mondrevue mit zu spielen. Thematisiert wurde tatsächlich dieser Weltraumlift, eben der Ausgangspunkt für den Schätzing-Roman und der auch die Grundlage für die Möglichkeit zum Abbau des Helium 3 vom Mond bildet.  Damals dachte ich, unmöglich. Heute sehe ich es anders, die geostationäre Einheit, die das Ende des Weltraumfahrstuhls bildet, ist eine Option. Festgenagelt im Weltraum in ca. 34000 KM Höhe im Mittel zwischen Gravitation und Zentrifugalkraft. Alles vorstellbar. Aber was sollen diese endlosen, über hunderten von Seiten gezogenen Jagden von Gut und Böse? Man wähnt sich in einem Nintendospiel, vielleicht war es auch genau seine Absicht: das ganz virtuelle Leben, Avatare, etc. in geschriebener Form. Man setzt sich eine Holobrille auf, oder gleich einen ganzen Helm und geht auf die Jagd. Und wie in einem Nintendospiel gehen die Gejagten auch nicht kaputt, sondern wirbeln wie androide Kampfmaschinen durch die Höllen der jeweiligen Level. Aua. Wiederum gut uns plastisch dargestellt ist die Oberfläche des Mondes; die Struktur, das Licht und die naturwissenschaftlichen Phänomene unseres begleitenden Kameraden. Wie viele meiner Rezensionskolleginnen und Kollegen komme ich zu dem Schluss, die Hälfte der Seiten hätte es auch getan. Aber ich wage auch jetzt nicht zu sagen, ob das das Buch dann einen Platz im Literatur - Olymp bekäme. Eher nicht.

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