Bucherkiste

Bücher 2011

Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand
Jonas Jonasson, carlsbook
Ja, ein ganz lustiger Schelmenroman, der in Wortwahl, Gestus und Komödiantentum, an den großen Finnen Arto Paasilinna (u. A. „Der wunderbare Massenselbstmord“) erinnert. Aber auch an Forrest Gump oder ein Buch, welches ich vor kurzem genüsslich gelesen habe: Die Ballade von Trenchmouth Taggart von Glenn Taylor.
Die Gemeinsamkeiten sind folgende: eine fiktive Hauptperson stolpert  durch die Zeit, oder die Weltgeschichte, besonders die des letzten, des 20. Jahrhunderts, und begegnet dabei, ebenso fiktiv, die Kandidaten, die für ebensolche Zeitgeschichte verantwortlich waren. Da geht’s in den Romanen munter von Kennedy (Trenchmouth)  über Mao, Franco, Nixon (Forrest gump) Truman, Stalin bis hin zu nordkoreanischen Diktatoren und sonstigen Verbrechern, die in der Summe, sicher mehrere hundert Millionen Tote zu verantworten haben. Davon allein Mao, durch eine von ihm bewusst initiierte Hungersnot Ende der fünfziger Jahre, der - nach neuesten Schätzungen - fast 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Von Stalin will ich gar nicht mehr sprechen und Nordkorea – geschenkt. Auf diesem Hintergrund wirkt die Verkasperung dieser selbstherrlich mächtigen Führer, leicht unbehaglich. Trotzdem gelingt es dem Autor, geschichtliche Zusammenhänge in einer Schwerelosigkeit aufzubereiten, dass es doch vergnüglich ist, das Buch zu lesen. Und alleine die Skurrilität der zusammen gewürfelten Hauptpersonen, inklusive des Hundertjährigen, der aus dem Fenster seines Altersheimes steigt, auf der Flucht vor den Feierlichkeiten zu eben seinem Hundertsten,  ist schon ein Lacher wert. Und wie er dann an 50 Mil. Kronen kommt und die nach und nach mit noch mehr Witzfiguren teilt, ist nett. Und während dieser Abenteuerreise durch Schweden auf der Suche nach einem Platz für die bunte Schar, inklusive eines Elefanten, erzählt der Hundertjährige immer wieder aus seinem Leben.  Ob er auf Bali 15 Jahre in einem Liegestuhl lag oder in Los Alamos Oppenheimer den entscheidenden Tipp zum Funktionieren der ersten Atombombe gab, ist egal. Es mischt sich alles irgendwie und einem Hundertjährigen kann es letztlich egal sein, ob man ihm noch glaubt oder nicht. Hauptsache, die Geschichten haben einen Unterhaltungswert. Den hat das Buch auch zweifellos.

 

Die Herrlichkeit des Lebens
Michael Kumpfmüller, verlag kiepenheuer & witsch
Was, wenn es nicht um Kafka gehen würde? Ich bin mir absolut nicht sicher bei dieser Liebesgeschichte, die am Ende ein Plädoyer für die Hospizbewegung ist.
Wir begleiten Kafka in seinem letzten Lebensjahr auf eine völlig undramatische Weise. Denn wer erwartet denn eine zarte Begegnung mit einer jungen jüdischen Küchenhilfe, namens Dora, die seine letzten Tage begeleitet. Franz, oder der Doktor, je nach dem - nie Kafka - hat Tuberkulose im Endstadium und schleppt sich mitleiderregend durch sein letztes Jahr. Allerdings scheint es so, dass Dora ihm immer wieder Kraft gibt, sich in die Sonne zu setzen oder sogar hier und da eine Geschichte zu schreiben. Wir begleiten Dora und Franz von ihrer ersten Begegnung in der Sommerfrische am Müritzsee bis zu ihren letzten gemeinsamen Tagen im Sanatorium. Bitterkalte entbehrungsreiche Monate in Berlin, Geldnot und Inflation der zwanziger sind auch ein Thema. Aber nie ein Wort aus seinen bestürzend guten Romanen wie Die Verwandlung, Das Schloss oder Der Prozess. Muss ja auch nicht.
Aber wir gebrauchen in der Literatur - vor allen in der Kritik der Selben - oft genug das den Begriff des kafkaesken. Was meint, es gibt eine bedrohliche, undurchsichtige Situation, den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen angepasst, fokussiert auf einen armen Wicht, der verstört wirkt oder zerstört wird. Hier eben ein Liebesroman, herzzerreißend wie sich Dora um ihn kümmert - aber alles seltsam weit von mir. Zwiespältig. Was Kumpfmüller natürlich ehrt, ist seine weite, geistige Basis und Kenntnis vom Lauf der Dinge. Sein unbedingt lesenswertes Buch „Nachricht an alle“ ist schon fast grotesk anders als dieses milde Beziehungsdrama und hat mich wirklich tief bewegt.

 

Lieben sich zwei
Stefan Moster, verlag mare
Vor mir liegt ein gut beobachtetes Gesellschaftsportrait. Ein Roman, der sezierend und verstörend wirkt, denn keiner wird sich so leicht von den hier beschriebenen Problematiken einer Generation distanzieren können, die jetzt so in der zweiten Hälfte der dreißiger angekommen ist, die aber jetzt schon hier und da die Felle davon schwimmen sieht. Eventuell ist man auch froh, dass man es nicht genau so erlebt, oder erlebt hat, obwohl, kann ja noch kommen. Ines und Daniel, alleine die Namensauswahl stimmt mit dem Alter überein, leben in Hamburg, sind gut situiert, mit Blick auf die Elbe in einer mondänen Wohnung für eine irre Miete. Man kann es sich sogar leisten, denn Daniel ist so eine Art Raumplaner, spezialisiert auf Riesenprojekte um schneller von A nach B zu kommen. Ob in Dubai oder irgendwo im Baltikum, ist egal. Ines indes, hat den üblichen kleinen Laden, den Ehefrauen so betreiben, die sonst vielleicht depressiv werden. Beide kommen aus der Pfalz, sind in den elterlichen Winzerfamilien groß geworden und Ines war sogar mal Weinkönigen. Da liegt es nahe, in Hamburg eben eine kleine Wein – Boutique zu eröffnen, auch um die Eltern einigermaßen ruhig zu halten, in ihrer Enttäuschung, dass die Kinder nicht auf dem heimischen Hof wirtschaften, sondern in der Großstadt ihr Glück suchen. Doch in diesem Glück ist von Anfang an der Wurm drin, es sind die Gedanken der Protagonisten, die fein aufeinander abgestimmt sind, und die Blickwinkel immer neu justieren. Da wird ein bestimmtes Erlebnis völlig unterschiedlich, subjektiv bewertet und beobachtet. Über allem liegt also von Anfang an ein Schatten, wir begleiten diesen Schatten, der im Laufe des Romans immer größer wird und schon mal Beklemmungen auslösen kann. Ich will gar nicht weiter drauf eingehen, was den beiden zu ihrem „Glück“ fehlt, worum sie verzweifelt kämpfen und in absurde Erlebnisse stürzen. Wie gesagt, ein Gesellschaftsdrama, wie ein Theaterstück von Ibsen und im Stile moderner amerikanischer Autoren wie Frantzen oder T.C. Boyle, die es auch prächtig verstehen, die Klinge anzusetzen.

 

Jáchymov
Josef Haslinger, verlag s.fischer

Mir scheint, das Thema ist jetzt zunehmend dran. Nach Öffnung des Eisernen Vorhangs ist eine ganze Generation herangewachsen und die damals Beteiligten und Betroffenen verlieren ihre Sprachlosigkeit. Selbstverständlich gibt es jetzt Bücher und Filme, die alle lesenswert sind - von Uwe Tellkamps  „Der Turm“ bis hin zum vor zwei Jahren verstorbenen Fußballtrainer Jörg Berger „Meine zwei Halbzeiten“. Filmtitel wie „Das Leben der anderen“ sind jetzt präsent und grade jetzt erscheint ein neuer Film über DDR - Zwillinge, die sich am Balaton 1988 verlieben und eine abenteuerliche Flucht erleben. Aber auch andere seltsame und unglaubliche Begegnungen hat man jetzt mehr und mehr. Der Grund ist einfach: es wächst zusammen, was zusammen gehört. Und so habe ich neulich Fluchtgeschichten aus erster Hand gehört, die mich tief bewegten. Wer also in den Siebzigern die Flucht plante, der musste (und wusste es) sein Leben riskieren. Und es ist komisch, wie lange wir hier die Situation hinter der Mauer so wenig beachteten, ja, sogar manchmal positivierten, in dem wir dachten, lass die mal den Sozialismus üben, vielleicht klappt es ja. Haslinger nimmt sich nun Verbrechen der stalinistischen Ära an, von denen sicher kaum einer was gehört hat; und zwar die nahe Tschechoslowakei, die wir in unserer Jugend vor allem wegen ihres Eishockeys bewunderten - aber auch dem Prager Frühling mutlos zusahen. Jáchymov ist ein Radon - oder Radiumsol-Heilbad, das älteste der Welt, spezialisiert auf Rheuma, insbesondere der unheilbaren Krankheit Morbus Bechterew, die einen vor Schmerzen sogar bewusstlos werden lassen kann, ich kann auch ein Lied davon singen. In (vormals Sankt Joachimsthal), diesem „Heilbad“ fanden auch "politische Umerziehungsmaßnahmen“" statt. Dazu gehörte, dass die Häftlinge in den Stollen des Uranbergbaus mit bloßen Händen radioaktive Erz sammeln mussten, und das dadurch der nahe Tod lauerte, ob vor Hunger, oder die Sträflinge waren körperlich so geschunden, dass kein weiterleben möglich war.
Haslinger beschreibt die Nachkriegsgeschichte der tschechoslowakischen Eishockeynationalmannschaft, die in den späten Vierzigern und Fünfziger Jahren Weltmeister und Olympiasieger waren. Haslingers Hauptfigur ist der Torwart Bohumil Modry, dessen Geschichte exemplarisch erzählt wird. Müßig zu sagen, dass es auch ganz andere Sportler oder unbequeme Menschen gegeben hat, deren Geschichte wahrscheinlich genauso aufgeschrieben hätte werden können. Der Gulag Jáchymov
zermürbt über Jahre den tschechischen Supertorwart, der auch Angebote hatte,  in Canada Profi zu werden. Seine Tragik besteht darin, dass er dabei war, als flüchtig mal kurz, bei einem Gastspiel der Mannschaft in der Schweiz, intern kurz abgestimmt wurde, ab man im Westen bleibt. Mordry steht zu seinem Land und wird trotzdem verhaftet. Das Ende ist klar. Es wird zwar nach fünf Jahren amnestiert, stirbt aber dann an den Folgen der Verstrahlung. Seine Tochter, die Tänzerin, erzählt nun von dem, was sie weiß, was sie an Unterlagen gefunden hat und der an Morbus Bechterew erkrankte Verleger Anselm Findeisen, hört zu, notiert, ermuntert sie, die Chronik dieser Leidensgeschichte aufzuschreiben. Das Buch ist nicht leicht zu lesen.
Es gibt keine wörtliche Rede und manchmal ist es schwer zu verstehen, wer grade redet, und warum so plötzliche Brüche vorkommen, die einen stutzen lassen.

Josef Haslingers neuer Roman hat ein großes Thema. Es geht um kaum bekannte Verbrechen der stalinistischen Ära, Verbrechen im winzigen nahe der deutsch-tschechischen Grenze.

Auch die Spieler der tschechoslowakischen Eishockeymannschaft kamen in die Mühlen. Zweifache Weltmeister und Olympiasieger im Gulag - eine Pointe des Stalinismus, wie man sie bisher nicht kannte. Es ist die Tragik Modrys, dass er zu seinem Land steht. Er lässt die Gelegenheit, als Profi nach Kanada zu gehen, mehrfach verstreichen, kehrt mit seiner Mannschaft brav von internationalen Turnieren zurück. Die Zeit der schlimmsten Verfolgungen war eben zugleich die Phase der stärksten Aufbau-Euphorie. Bis die Maschinerie der kommunistischen Klassen-Justiz aus ein paar demokratischen Anwandlungen staatsverräterische Verbrechen ableitet und Modry und sein Team exemplarisch verurteilt: zu hohen Gefängnisstrafen und Zwangsarbeit in.

 

Das Jahr magischen Denkens
Joan Didion, verlag claassen

Ein Freund gab mir das Buch und meinte, ich denke, das ist was für Dich. Aus meinem Bekanntenkreis wissen a) sicher viele, dass ich ein Lesefreund bin und b) dass ich vor ziemlich genau einem Jahr meine Frau beerdigen musste. Deshalb ist so eine Buchempfehlung, mit dem Thema, sehr sensibel anzugehen. Ich hätte es umgekehrt nicht gemacht. Um kurz zu erzählen um was es geht: die Autorin verliert ihren Lebensgefährten ganz plötzlich, aus der Mitte. Zitat zu Anfang -Das Leben ändert sich schnell. Das Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf - Oder anders und drastischer, plötzlich ist die Kacke am dampfen (Zitat).
Es ist ein Buch, bzw. der Versuch, irgendwas zu verstehen, was man nicht verstehen kann. Wir nehmen hautnah Teil an der Aufarbeitung und manche Erlebnisse kommen einem – kommen mir – so gefährlich nahe, dass ich drauf und dran war, das Buch weg zu legen. Warum muss ich das lesen? Mir geht es auch scheiße. Aber so einfach ist es nicht. Wir tauchen gemeinsam mit Joan Didion, in literarische Tiefen – mit so viel neuen Aspekten und Betrachtungsweisen, dass es sich lohnt immer weiter zu lesen. Wenn man auch das Unglück der Autorin irgendwann fast leid wird, denn zu allem kommt noch eine schwere Erkrankung der einzigen Tochter dazu, die sich grade noch dem Tod entwindet. Und das alles in einer Zeitgleichheit, die ziemlich sprachlos macht. Warum hat ein Mensch soviel  Elend verdient?
Wir erleben die ganze Geschichte der Beziehung. John, der plötzlich Verstorbene und die Autorin, sind beide erfolgreiche Schriftsteller – sie haben sich ergänzt, bekämpft, gehalten und wieder gestritten. Ein ganz normale Ehe eben. Wir sind mittendrin, statt nur dabei, das gelingt ihr gut. Und immer wieder diese philosophischen, pathologischen Gedanken über den Tod, bzw. über die Trauerphase. Hier wird mir ein Zitat immer im Gedächtnis bleiben, denn das ist es was ich an mir verspüre, bzw. ich hoffe, verspürt habe: 

Melanie Klein kommt in ihrem 1940 (!) erschienenen Aufsatz DIE TRAUER UND IHRE BEZIEHUNG ZU MANISCH – DEPRESSIVEN ZUSTÄNDEN zu dieser Einschätzung: DER TRAUERNDE IST TATSÄCHLICH KRANK: DA UNS DIESE GEMÜTSVERFASSUNG ABER SO HÄUFIG BEGEGNET UND ALS ETWAS GANZ NATÜRLICHES ERSCHEINT,  BEZEICHNEN WIR DIE TRAUER NICHT ALS KRANKHEIT…ICH MÖCHTE MEINE SCHLUßFOLGERUNGEN NOCH PRÄZISER FORMULIEREN UND BEHAUPTEN, DASS DAS SUBJEKT IN DER TRAUER EINEN MODIFIZIERTEN UND VORÜBERGEHENDEN MANISCH – DEPPRESSIVEN ZUSTAND DURCHLÄUFT UND ÜBERWINDET. (Zitat ende)

Fazit: schwere Kost; kein Buch zur Hilfe bei akuter Trauer und sehr zu empfehlen, grade denen, die mit dem Thema – im Moment noch – nichts zu tun haben, aber „ihm“ – dem Thema und dem Tod – logischerweise auf Dauer nicht entrinnen.

 

Der Hase mit den Bernsteinaugen
Edmund de Waal, verlag zsolnay

Ich will es kurz machen, gleich zu Anfang. Das Buch hat mich auf faszinierende Weise überfordert. Das heißt, dass ich es, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, zur Hälfte gelesen und dann weggelegt habe, um es gleichzeitig absolut zu empfehlen. Es ging mir ungefähr so wie bei Stephen Hawkings „Kurze Geschichte zur Zeit“: zu Anfang geht es um „astrophysikalischen Kleinkram“, wohl auch zur Allgemeinbildung gehörend. Und plötzlich fühlt man sich nicht mehr dabei, quasi ausgeschlossen, weil die Grundlage, das Wissen, eben das Studium fehlt, um dem allen zu folgen. Edmund de Waal geht in seiner Familienchronik wunderbar vor, er spaziert durch die Geschichte, in dem er die dazugehörenden Orte, Villen, Paläste besucht – sofern die noch stehen - und die jeweiligen Epochen beschreibt. Und mehr; in einer unvergleichlichen Mischung zitiert, malt, fabuliert er Künstlerinnen und Künstler der dazugehörenden Zeit und lässt sie aufleben: da streift Proust durch die Zimmer, die über und über voll hängen mit Bildern und Gemälden von Morisot, Cassatt, Degas, Maent, Monet, Sisley, Pissarro und Renoir. Und wenn ich an dieser Stelle ganz ehrlich bin, dann weiß ich erst jetzt genau, dass es Manet und Monet gab. Das ist so peinlich wie berührend. Was ich sagen will, ist dies: alle die kunsthistorisch unterwegs sind, die interessiert sind an einer weiteren Familiengeschichte (Aufstieg und Fall) durch fünf Generationen Zeitgeschichte, von der belle Epoque  bis zum Zusammenbruch durch Arisierung, die von unvorstellbarem Reichtum bis zum Ende im KZ lesen wollen, die sollten mitreisen zu  den damaligen Kunsthauptstädten, wie Paris, Wien, Tokio London, etc….steigt alle ein, nehmt dieses Buch. Es ist eine Offenbarung für Kunstkenner und Geschichtslehrer. Edmund de Waal, mein Hochverehrter, ich war Ihnen nicht gewachsen – Sie haben mich besiegt – aber vielleicht doch nicht ganz. Ich weiß jetzt zum Beispiel was Netsuke sind – bin also gewappnet für eine  mindestens 500 000€ Frage bei Günter Jauch.

 

Vorsicht vor Leuten
Ralf Husmann, verlag scherz
Es ist immer was besonderes, wenn man die Kollegen persönlich kennt, die irgendwann im Laufe ihrer Karriere anfangen, Bücher zu schreiben. Beäugt man die kritischer? Ist man etwa neidisch? Nein, ganz ehrlich - ich freue mich. Letztens Frank Goosen oder jetzt Ralf Husmann. Wir haben uns auf diversen Kabarett Bühnen getroffen und ich wusste immer, dass er ein erfolgreicher Comedy- und Formatautor geworden ist. Und jetzt mein erstes Buch von ihm. Und ich habe des Öfteren laut gelacht, was ich eigentlich selten mache, wenn ich alleine lese. Einige seiner Sätze haben Kultstatusreife, so wie gleich der Erste dieses unterhaltsamen Romans: - Solange sich ein Mann noch eine Bratwurst macht, hat er nicht aufgegeben -! Oder: - Ob Pub oder Krankenhaus, wenn es kein Bier mehr gibt, geht der Engländer-! Usw.
Die Geschichte kommt einem immer bekannt vor; es ist halt die übliche Köpenikiade , oder ein Felix Krull - Verschnitt, die man sich durch die Altmeister Loriot oder Polt bestens verfilmt vorstellen kann. Es ist die Geschichte von hanebüchenen Missverständnissen, die Lorenz Brahmkamp an die Sonne spült. War er doch bisher eher auf dem Weg nach unten, als fauler Verwaltungsangestellter nicht mehr tragbar und er sah sich schon in der Gosse oder in Hauseingängen schlafen und in seinem Selbstmitleid nicht zu toppen.
Aber auf dem Mund gefallen ist er nicht, blitzschnell kombiniert er und lotet seine Chancen aus. Als er dem smarten Alexander Schönleben über den Weg läuft, wird alles anders.
Brahmkamp erobert die Welt. Kriegt seine Frau zurück, wirft in Mallorca mit Geld um sich und wird auf einmal zu Hause vom Bürgermeister und seinen ehemaligen Chefs hofiert.
Wer auf der Suche nach Kleinsstadtprovinzkomödien ist, der trifft mit diesem Buch ins Schwarze. Eine echte Gute Laune Nummer.

 

Die Entdeckung des Sonnenaufgangs
Walter Vetroni,  verlag klett-cotta
Das Buch ist ein kleines Wunder! Ich komme mir vor wie ein Muschelsucher. Ich öffne zig Muscheln und plötzlich finde ich eine Perle. So ging es mir bei diesem schmalen Büchlein, grade mal 156 Seiten, aber voller Poesie, Weltklugheit und Spannung. Qualität zeigt sich nicht an der Vielzahl der Seiten. Dies belegt Walter Vetroni. Und fangen wir mal mit dem einfachsten an: selten habe ich eine Umschlaggestaltung mit dem Buchinhalt so korrespondierend gesehen. Der Ich-Erzähler schreibt eine Art Tagebuch, ist seines Zeichens auch beruflich damit befasst, die Dramen und Geschichten von Menschen zu archivieren, die ebenfalls Tagebuch geschrieben haben oder schreiben. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in einer noch halbwegs funktionierenden Familie seinen Platz gefunden hat und die Farben, Stimmungen und Gerüche des Sonnenaufgangs als wichtigsten Bestandteil seines Lebens entdeckt hat. Kurz umreißt er die Geschichte seiner Familie; die, seiner der Karriere verfallenen Frau, die, seines hochintelligenten Sohnes Lorenzo und die seiner Tochter Stella, mit einem Down Syndrom geboren. Neben all den einfühlsamen Beschreibungen allen Lebens um ihn herum, faszinierte mich noch eine kleine Geschichte, quasi nebenbei erwähnt. Stella, das Down Mädchen, mittlerweile 12 Jahre fängt an zu menstruieren. Unvorbereitet von der fast schon gefühlskalten Mutter und dem vor sich hin philosophierenden Vater. Lediglich Bruder Lorenzo ist in diesem Moment, wie so oft, zur Stelle und bei Stella. Mal ehrlich, wann habe ich über diese Dinge mal nachgedacht? Es geht um italienische Geschichte, über dreißig Jahre vorbei, die Zeit der roten Brigaden, des Terrorismus in den Siebzigern. Giovanni Astegno ist der Ich Erzähler und der Sohn eines Professors für Architektur, der, eben vor 30 Jahren, seine Frau und seinen Sohn Giovanni plötzlich verlässt und nie wieder aufgetaucht ist. Bis zum heutigen Tag bleibt dies alles ein Rätsel, bis Giovanni sich entschließt, das frühere Ferienhaus der Astegno Sippe zu besuchen. Wie ein verwunschenes Hexenhaus steht es immer noch da und verwildert vor sich hin. Giovanni betritt das Haus, voller Erinnerungen an großartige Feste, mit lachenden Gesichtern und Geschichten. Irgendwo steht ein altes schwarzes Gabeltelefon. Zu seiner Verwunderung hört er ein Freizeichen. Er wählt zufällige Nummern, so aus den aktuellen Bekanntschaften - aber nichts funktioniert. Als letztes probiert er die Nummer des Telefonanschlusses seiner Familie, die als sein Vater noch lebte und er kleiner Junge dem Leben entgegenstrebte. Wie durch ein Wunder hebt jemand ab. Es beginnt eine Aufhebung von Raum und Zeit, aber so charmant und bewegend, dass die Unmöglichkeit dieser Situation vollkommen unwichtig wird. Ich will hier abbrechen, denn ich würde zu viel verraten. Das Buch ist ein kleines Wunder. (kann auch 2 x gesagt werden)

 

Der Assistent der Sterne
Linus Reichlin, Verlag Galiani, Berlin
Das ist ja mal was ganz anderes. Ein frühpensionierter Kommissar aus Süddeutschland ist im belgischen Brügge gestrandet, verliebt sich hier in eine blinde Schönheit, die auch ein Kind von ihm erwartet, wobei die Beziehung trotzdem auf wackeligen Füßen zu stehen scheint. Annick ist eine selbstbewusste „Behinderte“, die es aber immer im Leben immer noch selbst wissen will. Sie lässt sich nicht am Arm führen sondern die Richtung ansagen, in die sie zu gehen hat. Skurril das alles. Dazu kommt die Vorliebe, bzw. das Interesse des Ex - Kommissars Hannes Jensen an der Naturwissenschaft im Allgemeinen und der Astrophysik im Besonderen. Es gibt seitenlange Darstellungen über Quantendiffusitäten und Licht-Raum Phänomene mit der kausalen Frage: was ist Zeit? Wann findet Zeit statt und wann nicht? Etc…Das wird ihm auch zum Verhängnis, wird er doch von einem VHS Seminarleiter gebeten an einer Exploration nach Island teilzunehmen. Auch diese Reise ist bescheuert und alles ballert an die Grenze eines satirischen Romans. Die Handlung ist leidlich spannend, weil immer, zwischen Zukunftsvorhersage via Fetisch und tatsächlichen Begebenheiten die dann kommen, die Übersinnlichkeit nistet. Aber Hannes Jensen ist Realist und will den Dingen auf die Spur kommen, auch mittels Relativitätstheorie und Quantenmechanik, die er jeweils in Erklärungsmuster dieses Falles einordnet. Der Fall ist eine abstruse Geschichte von Kindesentführung, Menschenhandel und Rachefeldzügen. Es liegt an dem Ex Kommissar, da die Zügel in der Hand zu halten und am Autor Linus Reichlin, selbst den Faden nicht zu verlieren. So wird es zuweilen anstrengend zu folgen, aber man legt das Buch nicht aus der Hand. Es kommen eben immer wieder überraschende Wendungen, vorher prophezeit oder auch nicht. Egal. E= mc² sagt Einstein dazu und so würde ich es auch sehen.

 

Die Unperfekten
Tom Rachmann, verlag dtv
Manchmal fühlte ich mich an das großartige Buch „Fabian“ von Erich Kästner erinnert. Das war wohl einer der ersten Romane, die sich kritisch mit dem Innenleben (newsroom) einer Redaktion auseinandersetzte. Fabian, als Neuling, fragt (wenn ich das recht erinnere) was denn der nächste Aufmacher sein solle? Es gäbe nix. Da antwortet der Chefredakteur, man solle einfach schreiben „8 Tote bei Zugunglück in Peking“ - ob das stimme oder nicht, interessiert morgen keinen mehr.

Und so ist man immer auf der Suche, nach sensationellem, eben das was Auflage bringt - und die Auflage garantiert das Überleben. Tom Rachmann allerdings stellt die Menschen, die unmittelbar mit der Zeitung zu tun haben, anders vor; nämlich in ihren persönlichen Dramen, Konflikten, Ängsten, Hochmütigkeiten, etc... Das macht diese Geschichten so anders. Es sind meist abgeschlossene Einheiten von Lebenskrisen der einzelnen Protagonisten, die auch allesamt unterschiedlich mit der in Rom erscheinenden englischsprachigen Zeitung zu tun haben. Vom Redakteur bis hin zur Chefbuchhalterin. Das ist nicht immer interessant, teilweise nervt es auch, wie zum Beispiel die Story aus Kairo. Da kommt so ein professioneller Kriegsberichterstatter, der in seinem comedyartigen Duktus eher in einen Film von Monthy pythons oder M.A.S.H. gepasst hätte. Alles in allem fand ich wieder mal, nach den ungeheuren Vorschusslorbeeren, dass echt übertrieben wurde. Ich teile die Einschätzung eines Freundes, der dies Buch zur gleichen Zeit gelesen hatte. Er sagte,… na ja….normale Menschen, mit normalen Fehlern, aber alles war entweder zu vorhersehbar oder zu banal…..das Leben von außen betrachtet ist vielleicht immer genauso und nur wenn wir in der Mitte davon stecken, erscheine es manchmal mysteriös oder Besonders. Er habe das Buch zügig durchgelesen und sich auch nicht gelangweilt…..aber irgendwie war ihm schon immer klar, was auf der nächsten Seite stehen würde. Spannender,  und deshalb legt man das Buch auch nicht weg, ist da schon die in kursiv gehaltene Geschichte der Zeitung, die sich jeweils nach den einzelnen Kapiteln, historisch langsam dem Heute nähert. Das ist deshalb interessant, weil wir einerseits die Dekaden der zweiten Hälfte des  letzten Jahrhunderts durchschreiten und man wieder an geschichtsträchtige Ereignisse erinnert wird, und andrerseits die Personen kennen lernen, die dahinter stecken. Vom großen Cyrus Ott als Gründer der Zeitung und im Vorstand bzw. der Besitzer eines Multinationalenkonzerns, bis hin zu seinem degenerierten Enkel, der das große Erbe dieses Unternehmens und somit auch der Zeitung an die Wand fährt.

Die großen Veränderungen im Nachrichtenmarkt tun ein Übriges. Das Internet lässt grüßen. Lesenswert allemal, aber nicht der große Wurf, den ich erwartet habe.
 

Der Koch
Martin Suter, diogenes – verlag
Ich habe das Buch immer wieder zur Seite geräumt und was anderes vorgezogen. Heute weiß ich, es war keine schlechte Entscheidung, denn dieser Roman ist schwerlich dazu geeignet, Begeisterung zu wecken (Außer bei Köchen). Er ist einfach zu speziell. Und die Rahmenhandlung, also die politischen Wirrnisse in und um Sri-Lanka, vermischt mit einer verrückten Geschäftsidee (Der Koch, der Tamile Maravan, fertigt mit sensationeller Kochkunst erotische Liebesmenüs namens Love food), im seltsamen Schweizer Umfeld - inmitten der Finanzkrise - ist einfach zu einfach. Maravan und Andrea sind Kollegen in einem angesagten Schweizer Nobelrestaurant und von hier aus nimmt das Schicksal seinen Lauf. Dalmann, ein nicht immer gern gesehner Gast im Huwyler, so der Name dieser mehr Schein als Sein Restauration, ist ein Geschäftevermittler, also einer der alle Leute skrupellos zusammenbringt um dann stillschweigend Provisionen einzustreichen. Und er wird auch in Pakistan und Sri Lanka aktiv - und es ist ihm egal welche Seite er beliefert. Irgendwann wird ihm das zum Verhängnis, das wird früh klar. In dieser Grauzone gibt es natürlich ohne Ende Callgirls, diskrete Vermittlungen und die Love Food Idee hat hier die ersten Erfolge. Maravan und Andrea sind im Geschäft. Das läuft so mit Höhen und Tiefen und Maravan hat noch tiefe emotionale und religiöse Verbindungen zu seiner tamilischen Heimat und muss mit ansehen, wie diese zerbombt wird. Sein sehr schlechtes Gewissen beruhigt er mit Geldspenden - wo aber auch nicht klar wird, wo die eigentlich hingehen.
Egal jetzt - für jemanden, der sich für solche Kochkünste interessiert, ja, dies mal ausprobieren will, also wer mit den Begriffen Buchenholzräuchermehl. Kardomon, Blattsilber, Garam, Masala, Kaschmir Currypulver, Xanthan, etc...,was anfangen kann, bitte, das Buch lesen oder sofort hinten anfangen - denn da stehen die Rezepte. Und dann, ja und dann - ab ins Schlafzimmer. Da geht dann die Post ab. Ich werde jetzt zum Spargel essen gehen. Mal sehen, ob ich was merke.

 

Rubinrotes Herz, eisblaue See
Morgan Callan Rogers, verlag mare
Der Roman entwickelte sich bei mir wie die Pubertät der Hauptperson: zu einem guten Ende. Denn wie auch die Pubertät ein ziemliches Chaos in der Gefühlswelt der Heranwachsenden bedeutet, war ja bei mir nicht anders, fängt dieser winterliche Neu- England Roman sehr durcheinander an. Man muss schon genau lesen, wer zu wem gehört und wer, wer ist. Obwohl es sich tatsächlich um einen Mikrokosmos, eben ein kleines Fischerdorf in Maine handelt. Florine, die wir hier über ca. ein Jahrzehnt begleiten, die - Ich Erzählerin - verliert unter dubiosen Umständen ihre Mutter, sie ist einfach weg - spurlos verschwunden unauffindbar. Kein wirkliches Zeichen von Verbrechen, und das deshalb nur einsame Fragen übrig läßt. Im Übrigen auch für Florines verzweifelten Vater, der sich allerdings schnell Trost sucht. Er kann nicht alleine sein. Das führt zu ganz schlimmen, emotionalen Konflikten und Spannungen zwischen Vater und Tochter und noch schlimmer, mit Tochter und der Neuen, Stella, der Bettgefährtin des Vaters. Florine zieht zu Grand, ihrer Großmutter. Florine hält Grand für unsterblich. Aber auch hier nehmen die Dinge ihren weltlichen Lauf und irgendwann ist Florine (vermeintlich) alleine auf der Welt. Aber ganz langsam gibt es ein Licht am Ende des Tunnels. Aus dem, an dem Verlust der Mutter verzweifelten Mädchen, wird doch noch eine willensstarke Person, die sich dem Leben stellt. Hört sich an wie ein Mädchenroman, das würde ich auch nicht verneinen. Als Vater einer Tochter ist man auch vielleicht näher dran und versteht die Wirrungen des Zöglings eher. Genuss ohne Reue, nicht der ganz große Wurf, aber, wie gesagt, wenn man dabei bleibt, formt sich mit dem Charakter von Florine auch das Bild des Lesers, oder der Leserin, über den Roman zum Positiven.

 

Tarmac - Apokalypse für Anfänger
Nicolas Dickner, Frankfurter Verlagsanstalt
Tja, ganz ehrlich, ich habe mich auf das Buch gefreut. Und bin am Ende mehr als ratlos. Was habe ich da gelesen? Gut, die Grundidee war ja eigentlich das, was mich interessierte. Die Apokalypse als chronische Psychose einer Familienvita über sieben Generationen. Was ich aber dann zu lesen bekam, war (wohl) junge, kanadische Literatur, deren Hauptaugenmerk darin zu liegen scheint, auch für den dämlichsten Vergleich, immer neue Superlative zu finden. Ein Kopfschmerz ist nicht einfach ein Kopfschmerz, sondern gleich Golgatha. Das Auto auf der anderen Straßenseite ist Lichtjahre weg. Und wenn unser junger Ich - Erzähler von Hope, dass ist der letzte Spross dieser Apokalypsensklaven, einen Kuss auf die Wange bekommt, dann brennt der wie tausend Sonnen, und so weiter.
Wie gesagt, man hätte einen satirischen Roman daraus machen können, einen Blick auf die weltweiten apokalyptischen Reiter werfen und zum Spaß ein paar Runden mit reiten können. Aber nichts da. Es gibt die durch geknallte Mutter von Hope, Ann Randall, und eben Hope selbst und ihr Fan Mickey, eben als derjenigen, der zufällig Hope trifft und von dem hoch intelligenten Mädel fasziniert-, ja wohl auch verliebt ist Dabei kommt es aber zwischen den beiden nie zu irgendeiner erotischen Handlung, als wenn da der Bischof die Hand drüber hielte. Ach, machen wir es kurz: Hope kommt auch nicht von ihrer genetischen Prägung los, und ist alsbald fixiert auf ihr Weltuntergangsdatum, nämlich der 17.07. 2001. Durch eine Kette von Zufällen, meint sie, den Urheber dieser nostradamischen Ausrechnung suchen zu müssen, und fliegt überstürzt nach Tokio ab. Kurz leuchtet hier auf, weil ja grad so eine Art Apokalypse in Japan abläuft, dass ich ein Buch in den Händen halte, welches seinerseits, die ganze Scheiße mit Japan schon vorausgesehen hat. Also self filling prophecy. Aber nein, alles Quatsch. Japan ist eigentlich unbewohnbar, das wissen wir sowieso jetzt, eine wackelige Angelegenheit, gespickt mit Atomtod und den Horror Taifunen und Tsunamis ausgesetzt. Zurück zum Buch: ach nein, lieber nicht!

 

Keller fehlt ein Wort
Patrick Tschan, verlag braunmüller
Man, das hätte ich nicht besser schreiben können. Ich will es gleich belegen. Zuerst das Thema: langsames auseinander leben einer Beziehung! Originalzitat (man muss ja heute vorsichtig sein) Seite 163:
"So erlagen er wie Edna den durch alle Ritzen pfeifenden Winden der Gleichgültigkeit, den brütendheißen Sonnenstrahlen, welche die letzten Halme des Eros verdorrten, und den sintflutartigen Gewittern, die Schicht um Schicht gegenseitigen Respekts abtrugen. Und irgendwann trat der nackte Fels hervor und Keller wusste, sie waren auf der dunklen Seite der Intimität abgekommen. Dort, wo jedes Wort als Forderung empfunden wird und sich jede Umarmung aus vorangegangenem Schmerz ableitet." (Zitat Ende) Oder Seite 187, hier speziell zu (Keller` s) seinem Aphasieproblem, um das es in dem Buch geht. Eine unglaubliche Zustandsbeschreibung einer Phase, doch auf dem Weg zur Besserung. Hat man jemals das Thema Wortfindungsstörung besser beschrieben? Hier bitte: "Vier Seiten, Papier, geschrieben im Abstand von wahrscheinlich wenigen Wochen, spiegelten die ganze Zerstörung wider: Worte, Sätze, Grammatik - ein zerbombtes Land. Durchzogen von umgeschichteten Schützengräben, in denen tote Wörter neben abgetrennten Satzgliedern lagen, aus denen noch im Stocken begriffene Buchstaben tropften. Ein Land, zerwühlt von Geschosskratern, an deren Rändern Konjunktionen verzweifelt um Hilfe schrien, in der Hoffnung, jemand möge ihrem unerträglichen Phantomschmerz ein schnelles Ende setzen. Und in all dem Chaos irrten Substantive blind und orientierungslos auf der Suche nach ihren verwaisten Artikeln umher." (Zitatende)
Also, ich bin begeistert über die Formulierkunst dieses Autors. Kurz zur Geschichte des von mir dringend empfohlenen Buches: Keller, 47, leidlich erfolgreicher Werbetexter mit Hang zur Baseler Gemütlichkeit, bemerkt einen leichten Hirnschlag nicht, der eine bestimmte Region des Gehirns so sehr schädigt, dass eine Aphasie einsetzt. Diese Wortfindungsprobleme werden immer mehr, zumal er ein zweites Mal von einem Aneurysma heimgesucht wird. Allein seine körperlichen Fähigkeiten bleiben erhalten, nur sein Sprachzentrum explodiert. Es geht um den weiten Weg, um den Kampf, aus diesem Dilemma rauszukommen; Synapsen und Neuronen so neu zu strukturieren, das irgendwann wieder was Verständliches aus seinem Mund quillt. Und es ist die Stärke dieses Buches, das diese tragisch - komische Geschichte immer unterhält - ja, dass man über das Handicap von Keller laut lachen muss, denn Patrick Schwan lässt seinen Keller in die absurdesten Fallen tappen. Aber Keller kämpft und wir mit ihm. Er kämpft um seinen verloren geglaubten Sohn und um eine neue Beziehung. Klasse.
Wer irgendwann mal an dem großen Neurologen Oliver Sacks vorbei gekommen ist und zum Beispiel "Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte" oder "Der einarmige Pianist" gelesen hat, der weiß eventuell schon ein wenig mehr über die neuronalen Hirn - Sackgassen, die Menschen heimsuchen. Patrick Tschan gelingt hier ein ganz großer Wurf und bringt uns dieses Aphasie Phänomen nahe, und - unterhält doch auf großartige Weise.

 

Solar
Ian McEwan, verlag diogenes

Spontan fiel mir ein älteres Werk des Großmeisters John Updike ein:
Das Gottesprogramm: Rogers Version. Irgendwann in den Achtzigern erschienen. Auch damals hat es mich unglaublich fasziniert, wie ein Romanautor naturwissenschaftliche Erkenntnisse, astrophysikalische Phänomene und den derzeitigen Stand der Forschung in Bezug auf Singularität, also die Entstehung des Universums, bis hin zur Suche nach der Weltformel, was also alles im Innersten zusammenhält, prosaisch aufbereitet. Da schreibt einer Romane und weiß so verdammt viel und noch mehr: er bindet das in eine Gesellschaftssatire ein und macht also daraus einen prallen, erotischen und gleichzeitig wissenschaftlichen Roman.

So, das Gleiche gilt hier für Ian McEwan. Großartig wie lakonisch er das wissenschaftliche Durcheinander um den Klimawandels aufbereitet und quasi nebenher mit Begriffen aus der Quanten-, Strings-, Quarkstheorie oder Unschärferelation um sich wirft.
Michael Baird, Mittfünfziger, schrullig, fettleibig, weiberverrückt und quasi zufällig Nobelpreisträger, führt uns durch sein skurriles Leben.
Nobelpreisträger deshalb, weil er Einsteins Relativitätstheorie mit irgendeiner theoretischen Formel ergänzt hat, die da nun als Einstein-Baird Theorem festgezurrt ist. Davon lebt er in Muße, hält hier und da Vorträge, erlaubt sich fünf gescheiterte Ehen und hat aber von den Frauen längst nicht genug. Dann und wann wird er in wissenschaftliche Beiräte gewählt und erhält sogar Forschungsaufträge, für die er sich aber selbst kaum noch interessiert. Immer wieder schweifen seine kruden Gedanken ab, und erlässt uns teilhaben an der Verrücktheit der Welt, aus seiner Sicht. Köstlich sein gesponserter Aufenthalt in dem eisklirrenden Spitzbergen, wo er mit einem Haufen esoterischer Künstler, den Klimawandel abwenden soll. Zumindest theoretisch. Eines Tages, hat natürlich alles mit sex und crime zu tun, beschäftigt er sich eher aus Langeweile mit einer Mappe eines ehemaligen Mitarbeiters, der, wie nach und nach erkennt, die Lösung für alle energiepolitischen Fragen der Welt hat. Nun, der ursprüngliche Autor ist unter  dubiosen Umständen (auch sehr lustig – auf einem Eisbärenfell ausgerutscht) zu Tode gekommen und Baird apostrophiert die Erkenntnisse einfach für sich. Er ist eben so, dieser Professor Baird. Macht sich deshalb keinen Kopf. Ach was soll ich weiter erzählen. Einfach lesen. Wer sich halbwegs für Naturwissenschaft interessiert und die Suche nach den kleinsten Teilchen auch schon fast für eine riesige Glosse hält, der ist hier zu Hause. Hier, bei dem sympathischen Professor – der Michael Baird in uns allen. Klasse!

 

Ein allzu kurzes Leben
Robert Enke, verlag piper

Am Anfang war ich skeptisch. Ich hatte ein komisches Gefühl. Deshalb, weil ich selbst immer Torwart war (und bin) und in dem Alter, als Enke sich das Leben nahm, sagen wir mal vorsichtig, eine depressive Phase hatte, an die ich mich nur noch ungern erinnere. Damals brach für mich eine Welt zusammen, alles passte nicht mehr, Zukunftsangst und was weiß ich. Vielleicht hat jeder Mann um die 30 herum mal so eine Phase; es ist die Zeit, da verlässt man die Unbeschwertheit der Jugend, des Unbesiegbaren, und man betritt schon fast den entscheidenden Teil des Lebens. Und wenn man da unfertig ist, nicht recht weiß, und dann an allem zweifelt...gut, man nennt das auch einen seelischen Schnupfen. Bei Robert Enke aber ist es eine klinische Depression. Eine schwarze schlimme Krankheit, ohne das man weiß, was sie auslöst, bzw. wie es zu solch dramatischen Schüben kommt. Als ich den Namen des Autors las, Ronald Reng, war ich von der Qualität des Buches überzeugt. Er begeisterte mich vor ca. 10 Jahren schon mal mit dem Buch "Der Traumhüter" und er ist bekannt, für seine sensible Herangehensweise an die handelnden Personen. Nicht zufällig lese ich in der Tageszeitung meiner Wahl heute wieder einen Artikel von ihm; über Timo Hillebrand. Auch einer, der es im Moment nicht leicht hat und auf der Ersatzbank von Sporting Lissabon schmort.

Ich will nicht viele Worte machen, vor mir haben viele tolle Rezensenten das Buch über alles gelobt. Ich will mich dem einfach anschließen. Diese Geschichte eines Leidensweges ist überzeugend dargestellt, alle Menschen die um ihn herum leben, bzw. lebten, sind auf dem Punkt gezeichnet und zitiert. Niemandem werden bittere Vorwürfe gemacht und bei allem, ist man so nah dabei, dass man meint, selbst Teil der Geschichte zu sein. Noch dazu, wenn man fußballbegeistert ist wie ich, und die zeitlichen Zusammenhänge, Teams, Trainer, Erfolge, auch sofort einordnen kann. Bei all dem bleibt natürlich klar, dass der Fußball eigentlich nur eine marginale Rolle spielt. Die Krankheit schlägt unabhängig von Beruf, Erfolg, persönlicher Leistung, gesellschaftlicher Stellung zu. Und es kann so schlimm werden, dass es für das Leben nicht mehr reicht. Man hat noch die letzte Wahl. Welch eine Energie das kostet, vermag ein "normaler Mensch" nicht ahnen. Geht auch nicht. Was bleibt, ist die Erkenntnis, den Umgangston bei Menschen, bei denen zumindest die Möglichkeit besteht, dass er/sie auf dem Weg ist in eine schlimme Melancholie zu verfallen, dieses ewige "Nun reiß dich doch mal zusammen" für alle erkenntlich das Gegenteil bewirkt. Es ist gut, dass ich das Buch gelesen habe und ich werde es immer weiter empfehlen.

 

Dunkelziffer
Arne Dahl, verlag piper

Tja, was soll ich sagen? Zum ersten Mal, nach all den 5 oder 6(?) Romanen mit dem A-Team, der Sonderermittlungsabteilung der Stockholmer Polizei, bin ich enttäuscht. Vielleicht liegt es an am Thema (Pädophilie, Internetpornographie mit Kindern und noch ein paar diffuse Geschichten) dass einen leicht überdrüssig macht. Auch stört mich diesmal - liegt es an mir? - das ich der Geschichte kaum folgen kann. Bei all seinen bisherigen Romanen, entwickelte sich schlüssig irgendwann ein Schlüssel zu der Story und man hat noch enorm viele gesellschaftliche Aspekte, quasi ganz nebenbei, für sich gelernt. Und das betrifft nicht nur Schweden, sonder alles hatte eine immense Globalität. Gut, heute sind die Pädophilenringe auch internationalisiert, aber ich will es nicht wissen - bzw. ich weiß es eben. Auch die mir ans Herz gewachsenen Mitglieder des A-Teams, deren familiäre Krisen, Schwächen und Stärken, wirken diesmal seltsam blass und statisch gezeichnet. So, als ob Dahl gar nicht bei der Sache war. Die Ausgangssituation, auf die Dahl dann notwendigerweise irgendwann zurückkommen muss, erschließt sich insofern kaum, das man denkt, das war doch ein ganz anderes Buch?!
Also, mein Fazit: Dahl nicht mit "Dunkelziffer" beginnen. Vielleicht war der Winter auch zu streng und ich war zu müde zum lesen. Aber nein, ich bleibe dabei: diesmal eine Enttäuschung!

 

Die Ballade von Trenchmouth Taggart
Glenn Taylor, verlag nagel&kimchle 

You better listen to the voices of the mountains…fällt mir ein. Ein alter amerikanischer Folksong. Und er kommt nicht nur aus der Gegend wo dieser wunderbare Roman spielt, sondern thematisiert auch revolutionäre Bergarbeitergeschichte in den Appalachen West Virginias. Bei Aufständen und Schießereien mit den Lakaien der Ausbeuterfirmen um 1920 herum, kamen viele Kumpel ums Leben aber auch die Staatsmaschinerie musste kräftig bluten. Die Gegend hat sich lange nicht beruhigt und die Schäden an der Natur durch den Steinkohletagebau sieht man bis heute. Einer hat, als eine Art Robin Hood, oder auch als verklärter Jos Fritz aus den Wäldern, vielleicht auch  als eine Mischung aus Jack London in  König Alkohol mit einem Schuss Robinson Crusoe, bei allem kräftig mitgemischt. Als Scharfschütze und früher Alkoholiker, als Eremit und hinterher als Journalist mit Pulitzerpreis der sogar John F. Kennedy bei seiner Wahlreise nach Bluefield und Mongo, West Virginia, begleitete. Um nachher wieder in den Wäldern und Gebirgen zu verschwinden. Wahlweise mal für Jahrzehnte oder je nach dem wie er grad gejagt wird. Am Ende erzählt er einem „Time“ - Journalisten sein unglaubliches Leben und als dieser Journalist ihm die rote Karte zeigt, in Form einer Sterbeurkunde aus dem Jahre 1903, wird ganz plötzlich dieser Roman zu einem Phantasieprodukt inklusive der Hauptfigur Trenchmouth Taggart. Ein Leben lang geschlagen von blutiger Mundfäule und frühem Alkoholismus. Aber anscheinend wächst die Leber ja mit ihren Aufgaben und Taggart behauptet sich immer wieder unter verschiedenen Namen und tritt mit Hillbilly- und Countrygrößen als exzellenter Harmonikaspieler auf. Trifft Chuck Berry oder Willie Dixon. Das macht den Roman so lesenswert, die realen geschichtlichen Zusammenhänge und Personen mischen sich mit dem - vielleicht ist das etwas zu weit beschrieben, - Phantom Trenchmouth Taggart. Alle Menschen die den Film „Little big man“ lieben oder Bücher von dem frühen Fabulierer John Irving mögen, sind hier richtig. Und auch Mark Twain scheint in dem Autor Glenn Taylor einen würdigen Nachfolger gefunden zu haben.

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