Bucherkiste

Bücher 2013

Die Frauen, die er kannte
Hjorth & Rosenfeldt, verlag rowohlt polaris
Nachdem ich relativ zügig und gut unterhalten durch den ersten Roman der beiden Bestsellerautoren gekommen bin (Der Mann, der kein Mörder war) war ich doch relativ gespannt auf die Fortsetzung. Jetzt, nach der Lektüre, mit dem Blick und den Gedanken auf das vor mir liegende Buch, muss ich leider von einer Enttäuschung sprechen. Und somit werde ich mir den dritten Krimi aus der Reihe mit dem angenockten, arroganten, sexsüchtigen Profiler und Kriminalpsychologen Sebastian Bergman, schenken. Eine vorhersehbare Handlung, mühevoll konstruiert und mit Anleihen aus - Das Schweigen der Lämmer -. Edward Hinde ist so eine Art Hannibal Lecter für Arme, der aus dem Knast heraus (Hochsicherheitstrakt) ein psychopathologisches Spielchen mit seinem Staatsfeind Nr. 1, eben Sebastian Bergman, der vor 14 Jahren, eben ihn, Hinde, überführte. Jetzt scharrt Hinde zwei Jünger um sich,  die Frauen nach einem immer wieder kehrenden, von Hinde vor 14 Jahren vorgemachten,  Ritual ermorden, so dass sich Torkel (Leiter) und das ermittelnde Team genötigt sieht, Sebastian Bergman wieder ins Team zu holen. Dieser erkennt schnell einen furchtbaren Zusammenhang, der mit ihm zu tun hat. Und jetzt beginnt der berühmte Wettlauf mit der Zeit, der aber, wie schon gesagt, relativ vorhersehbar ist. Auch die eingeführten Charaktere im ermittelnden Team, mit all ihren Schwächen und Stärken, verflachen zusehends und kommen dann teilweise überhaupt nicht mehr vor. Am Ende wurde der Roman anstrengend.

 

Das größere Wunder
Thomas Glavinic, verlag hanser
Everestgeschichten haben mich schon immer fasziniert. Tensing Norgay und Sir Edmund Hillary. Ich kann mich noch erinnern, dass bei den wenigen Büchern, die bei meinen Eltern damals standen, eines dabei war, dass hieß: Sturm auf den Thron der Götter. In der Nachfolge habe ich dann die Bücher von Reinhold Messner verschlungen, oder auch John Krakauers „In eisigen Höhen“ Eben solche Extremsituation, wie sie auch von Christoph Ransmayr, in „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ beschrieben werden. Genug davon. Aber extrem ist das neue Buch von Thomas Glavinic auch. Und bei der Titelauswahl „Das größere Wunder“ sind wir auch gleich im Thema: ein wunderliches Buch. Es gibt zwei Handlungsstränge. In beiden spielt Jonas die Hauptrolle, es geht um sein Leben. Immer. Der eine Handlungsstrang ist die Gegenwart und sie führt uns gleich in das Basislager einer Everest Expeditionen. Und da sind gleich mehrere Expeditionen,  mit hunderten Gipfelverrückten, die auf den Aufstieg warten, quasi auf besseres Wetter, was ja im Himalaja nicht grad selbstverständlich ist. Dieser Teil des Romans wird umso langweiliger, je mehr das Buch zum Gipfel strebt. Endlose Husten - und Würge  Attacken, quälen Jonas, das Leben in den Lagern unterhalb der Todeszone ist kein Zuckerschlecken. Aber die Beschreibungen ermüden. Man fragt sich dann ernsthaft, warum machen die das? Haben die kein Zuhause? So banal diese Frage hingeworfen ist, beschreibt sie doch das Problem von Jonas. Seine Rastlosigkeit ist der andere Handlungsstrang. Der Start in sein Leben wird gleich erschwert, weil seine Mutter nicht in der Lage ist, Jonas eben ein Leben zu bieten, welches man landläufig als normales Heranwachsen bezeichnet. Seine Mutter ist Alkoholikerin mit ständig wechselnden Männerbekanntschaften. Dazu kommt ein behinderter Zwillingsbruder von Jonas, was alles nicht leichter macht. Über Umwege und die Freundschaft zu seinem Freund Werner wird er von einem gewissen, unerschöpflich reichen, Picco, adoptiert. Werner und Jonas wachsen ohne jegliche Geldsorgen heran, sind zu klug für alle Schulen, und können mit dem Leben experimentieren. Ein Experiment geht schief und Werner stirbt früh. Jonas begibt sich auf eine seltsame und nahezu endlose Reise, die mit wunderlich noch weich formuliert ist. Das Bucht driftet auch hier und da ins Metaphorische. Eine Sonnenfinsternis spielt eine durchgehende Rolle, ebenso wie die bizarre Fähigkeit von Jonas, fast alle Sprachen der Welt zu verstehen und zu sprechen, als hätte man ihm ein Sprachmodem ins Hirn gepflanzt. Das Buch ist alles in allem schon faszinierend, aber oft hat man das Gefühl, dem Autor ist die Phantasie durchgegangen. Aber, warum nicht? Mir geht auch oft genug die Phantasie durch, und es ist gut so.

 

Cookys
Werner Köhler, Verlag kiepenheuer&Witsch
Eine Reise in die eigene Vergangenheit. Wunderbar und lustig, tragisch und schön. Gerd Krüger, genannt Cooky, macht all die Erfahrungen, die man macht, wenn man in den Fünfzigern geboren ist und den Hauptteil seiner Jugend und des Erwachsenwerdens in den Sechzigern und Siebzigern erlebt. So weit, so (mir) ähnlich. Erste sexuelle Annäherungen, Drogen, mehr oder weniger ausgeprägt, Trips, viel Alkohol, aber auch unermesslich tiefe und langanhaltende Freundschaften. Cooky erkennt früh seine Berufung. Er ist fasziniert von der Küche, vom Kochen überhaupt  und gierig saugt er schon früh alles auf, was an Rezepten, Genüssen, lukullischen Zaubereien von diversen Omas, bis hin zu italienischen Spitzenköchen, auf die Teller gebracht werden. Und am Ende macht er ein sensationell laufendes Restaurant auf und seine Truppe liebt ihn, so wie er sie liebt. Immer wieder wunderbare Rückblenden von frühen Verliebtheiten, vom schulischen Scheitern, der prägenden Rockmusik aus jener Zeit – das alles ist toll erzählt, nachfühlbar und teilweise melancholisch, und ich war oft geneigt, an die guten alten Zeiten zu denken und ein Bier aufzumachen. Aber wir haben genug zu tun. Cooky und ich auch. Als Koch steht man auch ständig auf der Bühne, eine einzige permanente Performance für eine leckere Küche. Das „Cookys“ so heißt auch sein Restaurant, ist ein Szenelokal mit ungeheurer Ausstrahlung und Qualität. Aber wichtiger  sind die Beziehungen zu den Menschen, die sich Cooky in den Jahren aufgebaut hat. Und als Tom stirbt, gibt es ein innehalten. Der erste Tote der Clique, aus dieser Gemeinschaft, da muss man erst mal mit klar kommen. Es geht auf eine Reise zu einer Beerdigung an die kalte französische Nordseeküste. Eine Liebeserklärung an das Leben, an die Liebe und an das Kochen. Toll.

 

Der Mann, der kein Mörder war
Hjorth&Rosenfeldt, verlag rowohlt
Das ist mal ein Roman, den man als Paperback in die Tasche steckt, in den Urlaub fährt, und ihn, immer wenn man Lust, runter liest. Da machst Du nichts verkehrt mit. Und da Sebastian Bergmann, unser brillanter Kriminalpsychologe, die eigentliche Hauptperson dieser Story, ja ein ausgemachtes Arschloch ist, ein sexsüchtiger Egoist und Zyniker, sucht man an sich herum, wie viel von dieser Kaputtheit in einem selbst schlummert. Denn auf der anderen Seite staunt man über die psychologischen Fähigkeiten dieses Flegels. Alles hat ein Hintergrund: Bergmann verlor in den Weihnachtsferien 2006 in Thailand beim Tsunami seine Frau und sein Kind. Das ist ein Riss, der nicht zugeht. Seit der Zeit taumelt er durch Betten, zieht sich sofort zurück, wenn die Frauen anfangen von einem Wiedersehen zu flehen. Auf Grund seines Talentes kann eine bestimmte Mordermittlung ohne ihn nicht ablaufen. Das ganze Team steht eigentlich gegen ihn, außer eine Art Freund von früher, Torkel, der Leiter der Gruppe, die sich bemüht einen Mord aufzuklären. Torkel hat ihn ins Team geholt. Und immer wenn die Gruppe meint, einen Faden in der Hand zu haben, kommt Bergmann und stellt Fragen, auf die ihm eigene Art, und zerschießt die jeweilige Mordtheorie. Das ist alles solide geschrieben, spannend und macht durchaus Lust auf mehr. Es werden Fassaden runter gerissen und bürgerliche Fratzen tauchen auf. Eine Eliteschule, bzw. der Direktor wird nach und nach als ekliges Schwein entlarvt und am Ende des Tages ist der Mord zwar aufgeklärt, aber der Mörder selbst tut einem sogar leid. Dazu kommt eine Spurensuche die in Bergmanns Vergangenheit führt und die ganz plötzlich vor ihm steht, und ihn auch mal kurzzeitig demütig und sprachlos macht. Gut!

 

Die hellen Tage
Zsuzsa Bánk, verlag fischer
Ich sage von vornherein, dass es mir schwer fiel, bis zum Ende durchzuhalten. Hinterher fiel mir auch auf, dass ich „Der Schwimmer“ damals (ihr erstes preisgekröntes Werk) auch nach einem Viertel der Lektüre zur Seite gelegt habe und da blieb es auch. Nun hat mir ein naher Freund Zsuzsa Bánks helle Tage empfohlen. Kurz es ist eine Verborgie, eine Beschreibungsexplosion, die diese Story sowohl aufbläst als auch zusammenhält. Ich will nicht verhehlen, dass ich die durchaus vorhandenen  lyrisch - melancholisch – romantischen Ideen und Wörter, die vor den immer wieder benutzten Substantiven wie Sommer, Herbst, Winter, Frühling, Mond, Sonne, Weizenfelder, Maisfelder und gefühlte 500 Mal Klatschmohn, gestellt werden, manchmal genossen habe. Aber in der Fülle ging es mir eher auf die Nerven. Und wenn ich anfange Seiten quer zu lesen, dann stimmt was nicht. Vielleicht auch mit mir. Dabei ist die Ausgangslage für heutige Verhältnisse gar nicht so fremd. Drei  Kinder wachsen in den Fünfzigern als Freunde zusammen auf, eine davon führt Protokoll. Eine Gemeinsamkeit ist, dass sie alle mehr oder weniger nur von den Müttern erzogen wurden. Ein Vater ist Artist und in Übersee tätig, kommt aber ab und an als väterlicher Zirkusheld zurück, ein Vater ist plötzlich an einem Herzschlag gestorben und eine Mutter ist vom Verlust eines anderen Sohnes, der wohl einem Verbrechen zum Opfer fiel, also ein Bruder des männlichen Teils unseres Trios, derart traumatisiert, dass diese Ehe auch zerbrach. Einiges wird im Laufe des langsamen Erwachsenwerdens der drei noch mächtig kompliziert, jede der Mütter hat irgendwelche Geheimnisse oder Dramen, ob Zirkusvergangenheit oder eine Geschichte eines langjährigen ehelichen Betrugs, die irgendwann im Buch an die Oberfläche gespült werden. Unsere drei verlassen, erwachsen geworden,  ihr Kindheitsidyll und ziehen aus der Kleinstadt am Neckar nach Rom. Hier wird die Freundschaft auf die härteste Zerreißprobe gestellt, aber am Ende finden sich alle wieder in Kirchblüt am Neckar unter den Linden, am kleinen Waldsee und im Klatschmohn ein. Die Erwachsenen und die Kinder, die jetzt die Erwachsenen sind. Und alle halten sich aneinander fest. Achten einander, helfen einander. Eine Geschichte über Wege, Schicksal, Zeit, Liebe und Schmerz; über Zufälle, Begegnungen und Trauer. Also alles in allem, eine Geschichte des Lebens. Vielleicht aber doch eher ein Frauenbuch!

 

BACK to BLOOD
Tom Wolfe, verlag blessing
Im dampfenden – schwülen Miami rettet Nestor Camacho - ebenso muskulös wie devot gegenüber seinen Vorgesetzten bei der Wasserpolizei -  einen kubanischen Flüchtling von einem 20 Meter hohen Mast einer Yacht. So spektakulär diese Rettung  gewesen ist, umso wahnsinniger wird die Story die sich daraus entwickelt.
Tom Wolfe, der Meister der Entlarvung eines immer am Rand der Psychopathologie
flatternden Landes - eben die USA - nimmt uns mit, in für uns biedere Europäer schier unvorstellbare Lebenssituationen. Rassismus, Eitelkeiten und Reichtum, Dagobert Duck ist ein Waisenknabe dagegen. Alles konzentriert auf den Großraum Miami, wo die Hälfte aller Einwanderer in den letzten 50 Jahren in die Stadt gekommen -, und wo Englisch eigentlich Fremdsprache ist. Der Kubaner, chronisch flüchtend und in Florida dabei, den Staat zu einer kubanischen Enklave zu machen, führt das große Wort. Aber auch Haitianer bevölkern zunehmend den Orangenstaat, so dass sich der Americano immer mehr in der Defensive gedrängt sieht. Außer es hat mit Geld zu tun. Da gibt es die berühmten vorgelagerten Inseln, auf die man nur mit eingebauten Chips im Auto, kommt. Streng bewacht, Objekt control überall, sodass sich der Jetset ungestört Orgien hingeben kann.
Dazu gibt es noch eine Kunstfälschernummer, die so nur in Amerika laufen kann. Ein russischer Oligarch vermacht einem Museum in Miami, Bilder berühmter Maler im Wert von 70 Millionen Dollar. Und bei dieser Geschichte treffen wir am Ende auch Nestor wieder, der einem Reporter des Miami Herald hilft, all diese Fälschungen aufzudecken. Wir kommen während dieser 768 Seiten an Perversitäten, Prostitution, Pornogeschäften, etc…vorbei, also alles, was dem normal verblödeten, aber manchmal eben auch stinkreichen Amerikaner lieb und teuer ist. Brillant, teilweise satirisch und großartig die gesellschaftliche Realität abbildend – das ist Back to blood.

 

MEIN MEISTERWERK
Stefan Lehnberg, Verlag LangenMüller
Mir ging es so wie bei manchen Auftritten der Kabarett - und Comedy Kollegen. Ein Feuerwerk am Anfang und zum Ende hin, naja, warten auf den Schlusspfiff. Der Gedanke ist nicht neu (Diese Platte wird ein Hit - wann kriegt ihr das endlich mit, Karl Dall) darüber zu schreiben, wie man sein "Meisterstück" schreibt. Aber Stefan Lehnberg ist ein Profi, der sich aufs Gag produzieren versteht. Immer in etwa von dieser Qualität: Frage, was sind sie von Beruf? Antwort: Harnleiter in einer Rahmenhandlung. Da kann man schon, auch wenn man alleine ist, den einen oder anderen Lacher los werden. So ging es mir am Anfang des Buches. Kursiv wird eine Nonsensgeschichte entwickelt, in normaler Druckschrift die übliche Stadtneurotik eines Berliner Lebenskünstlers, was wir schon, und auch gut, von Sven Regener, Tom Liehr u.v.a., kennen. Ach was soll ich sagen, ich bewege mich hier auf dünnem Eis. In gewisser Weise sind wir vom gleichen Fach. Aber bei guten Songs kommt es eben darauf an, die Spannung und Haltung zu wahren, mit evtl. sogar einer Pointierung am Ende. Und das ist die Kritik, die ich bei diesem Buch habe: weder die Geschichte in der Geschichte noch die - Rahmenhandlung - hält den Bogen durch.Stefan Lehnberg ist erfolgreicher Sketch - und Comedy Autor. Meine Bewertung wird ihn nicht jucken.

 

Der Sommer des Jahrhunderts
Florian Illies, verlag s.fischer
Und schon wieder so ein Buch, wo ich mir ziemlich demütig und dumm vorkomme. Aber dafür ist es ja vielleicht auch für mich geschrieben. Denn wenn man, so wie ich, versucht den Kopf irgendwie über Wasser zu halten, also nicht am allgemeinen Geplärre zu verblöden, dann ist so ein Buch enorm wichtig.
Wer in Philosophie macht, oder komm her, egal…Literatur, Kunst, Politik, Medizin, und was weiß ich noch alles, der muss dieses Buch aus historischen Gründen lesen. Pflichtlektüre.
Was für ein Jahr dieses 1913. Wie viel Lunten wurden da zum ersten mal angezündet, wie viel Geniales zusammengefasst, wie viel unglaubliche Kunstwerke erschaffen, wie viel Existenzialismus und Weltdepressivität poltert durch dieses Jahr. Will ich all die Namen nennen, die mir fast alle irgendwie geläufig sind, dann ist es ebenso unglaublich, dass diese Schnittstelle, eben 1913, so viele großartige (und das Gegenteil natürlich) Menschen zusammenbringt. Dieses 1913 kommt als größtes gemeinsames Vielfaches (um es mal aus der Mathematik zu leihen) daher. Die einen sterben grade, die andern beginnen ein neues Leben, und manchmal wäre es besser, wenn der eine oder andere, dieses neue Leben nicht begonnen hätte. Wie gesagt, ich will bewusst keinen Namen nenne, das Buch handelt ja davon, aber das diese Wege sich in diesem Jahrhundertjahr kreuzen, ist eine eindrucksvolle Entdeckung, für die man Florian Illies nur danken kann. Hut ab vor so viel Weltwissen.

 

Gibraltar
Sascha Reh, verlag schöffling & co.
Mannoman. In dieser Zeit mit einem Bankerroman rauszukommen, erfordert viel Chuzpe. Wer kann sich schon vorurteilsfrei dem Thema stellen. Unsere Gedanken, unsere Wut, unsere Hilflosigkeit, spiegelt sich tagtäglich in sich immer mehr überschlagenden Meldungen, über diese Bankenkrisen, ausgelöst durch skrupellose Gier von Derivaten – Zertifikaten - Zocker, gedeckelt und abgesichert durch einen unsäglichen Neoliberalismus, dessen Ursprung in der Reagen - Kohl und Thatcher Zeit liegt. Nun mal langsam Fred, hier handelt es sich um Prosa; da hat sich einer bemüht, sich dem Thema zu nähern und die Menschen und deren unterschiedliche Dramen und Sichtweisen zu beschreiben, bzw. erzählen zu lassen. Ein wenig erinnert der Zusammenfall des Bankhauses Alberts an die Buddenbrooks. Nur 150 Jahre weiter. Also heute. Ich war mir die ganze Zeit nicht sicher, ob mir der Roman gefällt. Aber ich habe ihn zu Ende gelesen. Und dadurch, dass die sechs Hauptprotagonisten jeweils ihr eigenes Buch im Buch bekommen haben, ist es auch wieder interessant. Eine oder mehrere Szenen wiederholen sich dann in einer unterschiedlichen Wahrnehmung. Wobei eine Person (Valerie) nicht nur grenzwertig fern von mir ist, und die Beschreibung einer schizoiden Persönlichkeit, bis zum Erbrechen, nervt. Nun gut, der Mann hat Ahnung davon, wie man im Klappentext liest. Trotzdem fehlt mir bei dem ganzen Buch ein wenig die Haltung. Nicht, dass ich wissen will, warum Banken auf die Pleite ganzer Staaten wetten (dürfen), aber ein wenig mehr Hintergrund hätte ich gut gefunden. Am Ende des Tages bleibt ein Gefühl, ein seltsames Buch gelesen zu haben, das sich nicht entscheiden konnte. Ich kann es nur bedingt empfehlen.

 

Die Abenteur des Joel Spazierer
Michael Köhlmeier, verlag hanser
Es ist jetzt fast fünf oder sechs Jahre her, dass mich ein Buch so in den Bann zog. Abendland, Autor Michael Köhlmeier. Und jetzt dies: Die Abenteuer des Joel Spazierer. Auch von Köhlmeier. Dieses Buch ist nicht zu fassen, weil Du nie dahinter kommst, ob das Geschriebene sich nicht genau so abgespielt hat. Diese Lebensgeschichte, oder eher – Beichte, ist ein so umfassendes gesellschaftliches Portrait der letzten 50 – 60 Jahre, dass man sich ganz klein und doof vorkommt. Auf der anderen Seite allerdings mit stetem Zweifel behaftet, dass man uns da mit einer Mischung aus Krull, Münchhausen und Eulenspiegel, einen derartigen Bären aufbindet – dass man sich selbst wundert, warum man so atemlos weiter liest. Es ist in den letzten Jahren modern geworden, Romane zu schreiben, in denen Personen der Weltgeschichte, plötzlich zu Romanprotagonisten werden. Wie in dem Buch, Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg… sich die Hauptperson Allan Karlsson (Autor: Jonas Jonasson) mit Mao, Stalin, Pol Pot und was weiß ich noch für Massenmörder traf, sogar bei der ersten Atombombe half, dass diese funktionsfähig wird, und eben Geschichte schelmisch auferstehen ließ. Das kann man so machen. Im Buch Der Hundertjährige… war es mir etwas zu trivial. Hier bei Köhlmeier ist es beklemmend. Ich kann den Begriff Schelmenroman, obwohl es in dem Buch selbst eine Definition dafür gibt, hier nicht anwenden.
Die Hauptperson, als Ich Erzähler, bei den vielen Namensänderungen, besser so, ist ein Gesicht in der Menge. Schon als Kind zu hübsch geraten und die Menschen um ihn herum, schmelzen wie Butter. Und das nutzt er bis zum Ende gnadenlos aus. Er ist Lügner, ein Mörder, ein Familienvater. Er durchrast die fünfziger und sechziger Jahre, ist Prostituierter und Dealer. Er ist ein Teufel und Philosoph, er hinterfragt, nur als Mittel zum Zweck, die (Nicht-) Existenz Gottes und wird durch Schweigen, was eigentlich eine weitere Lüge ist, sogar zu einem Universitätsprofessor in der DDR wo er mit all den Kasperköpfen wie Mielke, Mischa Wolf, Günter Mittag und Konsorten, an einem Tisch sitzt, und diese ihn, in ihrer Hilflosigkeit bitten, in die Zukunft zu sehen, was wohl aus dem Sozialismus wird, etc…. Sie vermuten in Joel Spazierer eine transzendente Fähigkeit. Und sie ahnen wohl auch das nahe Ende der DDR. Und wieder schafft es Joel, sich aus allem rauszuhalten, bei gleichzeitigem bewundert werden. So viel Leben kann man nicht leben, eigentlich kann all das nicht wahr sein, und trotzdem zweifelt man doch und fragt sich, warum eigentlich nicht? Die Welt ist so krank, da kann so ein Leben auch mal geführt werden. Jenseits von Moral und glatten Karrieren. Unbedingt lesen.

 

Tiere in der Stadt
Bernhard Kegel, verlag dumont
Ein Buch, das mir einfach so vom Verlag zu geschickt wurde. Danke jedenfalls. Tiere in der Stadt? Wäre ich jemals drauf gekommen, darin zu blättern? Eher nicht. Aber nun, ich fing an zu lesen, und war doch ständig wahlweise belustigt oder bestürzt, betroffen oder erstaunt. In erster Linie aber so gut wie unwissend. Es gibt ja diesen wunderbaren Satz von Isaac Newton: Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ist ein Ozean! Ersetzen wir das Wort wissen mit sehen, so kommen wir schon auf die Quintessenz dieses Buches, welches eher als Sachbuch daherkommt.
Tiere in der Stadt, da denkt man an Amseln, Tauben, Ratten. Hier und da hört man jetzt von Mardern und Waschbären. Bernhard Kegel nimmt uns aber mit in eine andere Welt.  Auch in die, die sich unter einem Elektronenmikroskop verbirgt. Schier unglaublich was sich so in den Ritzen und Betten abspielt, was hinter Wänden lauert und was uns sirrend die Nächte um die Ohren haut. Waren bisher Berichte von ungeheuren Flohpopulationen eher einmalige mediale Sensationen, so wissen wir jetzt, dass es uns jederzeit und immer treffen kann. Und es nimmt die Gefahr diametral zu, wo man meint, absolut hygienisch sein zu müssen. Ich selbst ertappte mich nach ein paar Kapiteln dabei, einfach mal mein Bett saugen zu müssen. Denn wie viel Millionen Milben sich da tummeln, das weiß ich jetzt. Und da kommen wir zu dem springenden Punkt des Buches: muss ich das wirklich wissen? OK, eine notwendige Sensibilisierung für Spinnen, Käfern, Fliegen einerseits und andrerseits deshalb den eben erwähnten Staubsauger mal im Schrank zu lassen, wenn es irgendwo huscht, ist dem Buch gelungen. Aber wer nimmt das Buch schon in die Hand? Ich will mal so sagen: der ganze Duktus der populär wissenschaftlichen Sprache, erinnert mich an meine Lieblingstiersendungen aus meiner Kindheit. Prof. Dr. Bernhard Grzymek, Heinz Sielmann, oder besser noch Horst Stern. Das Buch ist im Moderationsstil geschrieben und man denkt sich quasi die Bilder die dazu gehören, schon selbst herbei. Ein großes Lehrbuch, für den, der Stadtflora und Fauna, mit all den gewachsenen, geschichtlichen Unterschieden, erfahren will. Der Wanzenpopulationsstatistiken interessant findet und der dann mit einem ganz anderen Ohr und Auge durch die Stadt geht. Sich auf eine Bank setzt und dem summenden Treiben zusieht und –hört. Und bitte nicht verschenken, eventuell trifft man auf einen psychisch schwer angeschlagenen Menschen, der grad seine Spinnenphobie psychotherapeutisch los werden will.

 

Der traurige Polizist
Deon Meyer,  dtb - verlag
Ein Südafrikakrimi den ich wärmsten empfehlen kann. Der übliche Captain mit brüchiger Vita, der zu viel raucht, schlecht isst und seine Einsamkeit ersäuft. Aber er zeigt es allen noch einmal. Ein klug inszenierter Fall, mit einem nicht unbedingt erwartbaren Ende. Sehr gut zu lesen. Schatten der Vergangenheit, die in der Geschichte die Gegenwart einholen und die ermittelnden Beamten vor nahezu unlösbare Rätsel stellt. Eine parallel verlaufende Banküberfallserie führt zu hektischen Fehlurteilen und - verhalten. Und der traurige Polizist wird fast Opfer seiner bis zur Unkenntlichkeit abgestumpften Sexualität, als ihn ein Häschen in der Nachbarschaft gefährlich aufweckt. Ist viel drin in dem Buch. Mit happy end. Wenn man das so sagen kann.

 

Das himmlische Kind
Heinrich Steinfest, droemer
Steinfest scheint sich aber auch mit allen Fragen des Lebens auseinander setzen zu wollen. Nicht anders sind seine höchst unterschiedlichen Bücher zu erklären. In Inhalt, Komik oder Philosophie. Im vorliegenden Büchlein Das himmlische Kind" wird man sofort an seine Kindheit und an die Brüder Grimm erinnert. Das ist gewollt. Gretel rettet ihren Bruder Hänsel. Im Buch, Miriam, 12 jährig und der kleine Bruder Elias als Hänsel, ich glaube 5 Jahre alt. Aber das ist noch lange nicht alles. Kurz zur Vorgeschichte: die Mutter will, auf Grund von Depressionen, ihre beiden Kinder mit in den Tod nehmen. Klassisch pathologischer Fall. Eine psychisch kranke Frau, von sich und Ehemann verlassen, nicht mehr recht lebensfähig, meint dann auch für ihre Kinder das Beste zu tun, in dem sie diese mit in den Tod reißt. Aber Miriam ahnt den Braten. Die Mutter stirbt, Miriam rettet sich und ihren Bruder und sie befinden sich plötzlich in einem einsamen Wald, im einsetzenden Schneetreiben, nahezu hilflos. Die ganze Zeit allerdings nehmen wir Teil an Miriams Gedankenwelt. Und genau mit dieser Zeit vermischt sich alles. Es gibt eine Geschichte, die Miriam erfindet, und diese Geschichte ist auch Teil des Überlebens vom geschockten kleinen und totkranken Bruder Elias. Wir treiben sowohl mit der einen Geschichte und mit der anderen, durch Philosophie und Träume, fiebernd und hungrig. Die beiden traumatisierten Kinder überleben tatsächlich, vor allem durch die Großgeistigkeit in allen Bereichen der zwölfjährigen Miriam. Ob es sowas gibt oder nicht, ist egal. Wie eine Heilige bringt sie sich und ihren Bruder durch und am Ende der Geschichte steht man ganz klein da und denkt, großes Kino. Auch Sophies Welt von Jostein Gardner hat mich damals ähnlich fasziniert und mir wieder ins Gedächtnis gerufen, wie wichtig ein philosophisches standing in dieser Welt ist.

 

Verachtung
Jussi Adler Olsen, dtv - verlag
Der vierte Fall für Carl Mørck und sein Sonderdezernat für ungelöste Fälle. Und mein viertes Buch aus der Reihe, das ich lese. Das zweite war echt über, aber eins, drei und vier lassen sich gut lesen, mit Genuss ohne Reue. Von Adler Olsen ist ja zwischenzeitlich sein Frühwerk, das Alphabethaus, erschienen. Kein großer Wurf, aber die Botschaft war klar: Knast, Heimunterbringung, Zuchthäuser, Verwahranstalten, etc... in totalitären Staaten, religiös fanatisch oder politisch faschistoiden Gemeinwesen, lassen die Insassen schwer bluten. Psychisch und physisch. Und auch in Verachtung geht es um schlimmste Zustände in einem Heim für gefallene Mädchen im Dänemark der fünfziger Jahre. Fundamental kranke Ärzte mit rassistischem Hintergrund, treiben die Gynäkologie auf die Spitze. Und zwar mit gezielten Abtreibungen um die Rsse rein zu halten. Schlimmer geht's nicht. Diesen Fall aufzurollen, ist nun die Aufgabe des Sonderdezernats Q für ungelöste Fälle im Keller des Kopenhagener Präsidiums. Gewohnt komisch und lakonisch die Gedankenwelt Carl Mørcks und seines Assistenten Assads, der immer noch ein großes Geheimnis aus seinen arabischen Wurzeln mit sich führt - und letztlich Rose, die organisatorischen Herrscherin des Kellers. Spannend, lehrreich, wütend machend. Guter Roman. Gottes Werk und Teufels Beitrag von John Irving fällt mir manchmal ein und man bekommt Lust, einfach dieses Thema auch mal wieder anders gespiegelt zu lesen.

 

Bobby Z
Don Winslow, verlag suhrkamp
Irgendwann kommt man wohl an Don Winslow nicht vorbei. Natürlich ging ich in die Buchhandlung meiner Wahl, um mir „Tage der Toten“ zu besorgen. Das wäre mein Einstieg gewesen. War aber nicht da, also nahm ich einen anderen Winslow: Bobby Z. Etwas ungläubig verfolgte ich dann diese Mischung aus Drogenkrimi und Butch Cassidy und Sundance Kid Satire. Winslow schickt den angeblichen Versager und Vollpfosten Tim Kearney auf eine Reise, die in Teilen an eine James Bond Film Eröffnung erinnert. Kearney, ein Golfkriegveteran, wird zur Kampfmaschine, zu einem John Rambo, der quasi im Alleingang Verfolger abschüttelt – und zwar aus den unmöglichsten Sackgassen, in der er sich manövriert hat. Und bei Golfkriegveteran stutzte ich auch sofort, denn Kearney ist verdammt jung in dem Buch und tatsächlich, dieser Roman ist schon 1997 erschienen. Da macht junger Golfkriegveteran noch Sinn. Und gleich hatte ich wieder das Gefühl, hier liegt wegen des großen aktuellen Erfolges des Autors, ein posthume Veröffentlichung vor. Trotzdem wird schon an dem noch etwas hingerotzten Schreibstil dieses Frühwerks klar, der Winslow kann was. Tim Kearney als Ich – Erzähler, hat eine sehr sympathische Sicht auf die Dinge. Verwandelt sich in kürzester Zeit vom Terminator in ein Sensibelchen mit Vatergefühlen. Die Kulisse tut das Übrige dazu: mexikanische Wüsten, Canyons, Hitze und kalifornische Strände. Wie ein Filmscript. Nach ein paar Recherchen wurde auch klar, das Ding ist tatsächlich schon im Kino gelaufen. OK, kann man lesen, auch zu Ende – aber jetzt freue ich mich auf „Tage der Toten“. Wenn das, was Winslow in Bobby Z an Talent andeutet,  wird jeder neue Winslow ein Mordsspaß!

 

Bruder Kemal
Jakob Arjouni, verlag diogenes
Bisher habe ich zwei Bücher von Arjouni gelesen, die mir sehr gut gefallen haben. Ein zunehmend irritierendes Werk (Hausaufgaben) über einen Lehrer, der den Boden unter den Füßen verliert, und wo man als Leser ganz durcheinander kommt, auf welcher Seite man eigentlich steht. Ein messerscharfes Gesellschaftsdrama. Der  zweite Roman (Magic Hoffmann) - ein leichter, fast philosophischer Roman über Werte, Wandel, Zeit und Freundschaft und wie man bei all dem Haltung bewahrt. Gut. Dann griff ich jetzt wieder zu als ich den Namen des Autors sah und muss sagen, dass ich bisher nicht wusste, dass es da von dem Autor auch eine Reihe von Fällen über einen gewissen Privatdetektiv namens Kayankaya gibt und – ich muss sagen, sehr enttäuschend. Fast vermute ich, der Mann schreibt einfach zu viel. Vielschreiberei hört sich etwas blöd an, aber stimmt hier wohl. Diese Geschichte aus dem Frankfurter Reichen und- Armenvierteln, ist mühsam konstruiert und scheint mir eher eine Vorlage für einen Tatort, bzw. irgendein Krimi fürs Fernsehen zu sein. Da nutzt auch das Philip Marlowe Gewese nichts. Arjouni ist eben kein Chandler. Er hat andere Stärken, wie oben beschrieben. Dieses Durcheinander von Upperclass Mief, Personenschutz, Rotlicht und Auftragskillerei, ach was…ich habe den Roman tatsächlich zu Ende gelesen, da kann ich mir sicher sein. Aber ich habe alles sofort vergessen. Also keine Empfehlung.

Hier kommt ihr zur
Bücherkiste 2006
Bücherkiste 2007
Bücherkiste 2008
Bücherkiste 2009
Bücherkiste 2010
Bücherkiste 2011
Bücherkiste 2012
Bücherkiste 2013
Bücherkiste 2014
Bücherkiste 2015
Bücherkiste 2016
Bücherkiste 2017

StrichH850

 

HOME  |  ÜBER MICH  |  TERMINE  | CDs  |  TEXTBUCH  |  PRESSE  |  BÜCHERKISTE  |  TAGEBUCH  |  LINKS  |  AGENTUR  |  KONTAKT  |  IMPRESSUM