© Thomas Kampmann ./. ART & carlfunkel

Bücherkiste

"Ich hatte schon eingangs erwähnt, dass das "Lesen" für mich, na - ich will es mal dramatisch überspitzen, lebenswichtig ist. Und ich habe daraus ein Hobby entwickelt: meine Rezensionen in/für die "Bücherkiste"!
Das war anfangs nicht so leicht, denn ein "Kritiker" zu sein bedeutet immer, das Werk eines Autorenkollegen zu werten, zwar subjektiv, aber es ist dann so geschrieben und wird (manchmal) auch woanders veröffentlicht und gelesen. Ich war auch immer enttäuscht bis verärgert, wenn ich schlechte Kritiken über meine Veröffentlichungen (LPs und CDs, oder was immer) lesen musste. Aber auch das musste ich lernen.
Es sind mittlerweile eine ziemliche Menge Buch - Rezensionen, meist gute, zusammengekommen und ich verspreche - es werden noch mehr.

Viel Spass."

Kritiken aus vergangenen Jahren

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Im Namen der Lüge
Horst Eckert, verlag heyne

Im Schatten der Coronakrise ist es wichtig, die Welt ringsherum im Auge zu behalten. Vielleicht gibt es ja auch mal wieder Zeiten, in denen wir uns wieder um andere Probleme kümmern müssen. Vor allem darum, all die „Notstandsgesetze“ die uns jetzt so bitter aufstoßen, sie aber zähneknirschend über uns ergehen lassen müssen, wieder in eine demokratische Wanne zu legen. Sonst hat uns das Virus nicht nur eine Menge Menschenleben gekostet, sondern auch, na ja sagen wir mal pathetisch, unsere Freiheit! Für diesen Fall wird man durch das vorliegende Buch von Horst Eckert bestens vorbereitet. Das Virus heißt in diesem Fall „Nationalismus“ in Form von Seilschaften, die von dort ausgehen, die eigentlich unsere freiheitliche Grundordnung schützen sollte: vom Verfassungsschutz. Im Laufe der Existenz dieser dubiosen Organisation, sind immer mal wieder – und das nicht erst seit diesem unsäglichen Hans-Georg Maaßen – Sachen ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, die so unglaublich wie wahr waren. Ausgehend von dem leicht populistisch geprägten Spruch „auf dem rechten Auge blind“ entwirft Horst Eckert hier ein beängstigend reales Szenario, in dem bis in die sogenannten „höchsten Kreise“ Politiker und Kriminalbeamte verstrickt sind. Dabei kommen wir ganz nebenbei auf weit zurückliegende Attentate in der RAF Geschichte zurück, die aus heutiger Sicht eindeutig vom Verfassungsschutz selbst initiiert wurden und durch ein tief in die Szene verstricktes Spitzeltum erst möglich wurden. NSU und Lübcke werden ebenso gestreift wie die Reichsbürger, die Identitären und sonstige hirnkranke aber gefährliche Ausbauorganisationen, die nur darauf warten, dass die völkische Idee wieder mal die Machtfrage in unserem Land stellt. Der „Roman“ ist spannend und glaubhaft erzählt, exzellent recherchiert und die Figuren, bis auf Melia, die Hauptperson, nicht wirklich überzogen dargestellt. Dass sie zur Heldin wird oder werden muss, ist eben so was wie der rote Faden. Das Buch ist einmal mehr ein Beweis, dass man nie nachlassen darf, Behörden wie Geheimdienste und den Verfassungsschutz nie aus den Augen zu verlieren. Die bauen sich dann eine eigene Vorstellung von der Welt, in der keiner leben möchte. Sehr empfehlenswert.

 

Jenseits der Erwartungen
Richard Russo, verlag dumont

Falls diese Kritik irgendwann gelesen wird muss man auch immer berücksichtigen, dass wegen der Coronakrise - wir sind im März 2020 - sich vieles relativiert. Es liest sich deshalb alles etwas seltsam, wenn ringsherum die Welt untergeht, was nichts mit dem Virus und seiner unfassbaren Auswirkungen auf uns zu tun hat!
Nun denn, vielleicht ist es ja grade jetzt wichtig „gute Bücher“ zu lesen. Mit völligem Abstand und aus einer Zeit, als das Leben noch normal war. Richard Russo gelingt hier ein Roman, den man gerne zu Ende liest, hat er doch viel zu bieten. Eine gewisse, nicht zu überbordende Spannung und ein amerikanisches Gesellschaftsbild der letzten 50 Jahre. Drei alte Freunde, Mickey, Teddy und Lincoln, alle jetzt so um die 66 Jahre, treffen sich nach etlichen Jahrzehnten im Spätsommer auf Martha’s Vineyard im Ferienhäuschen von Lincoln. Ihre Freundschaft stammt aus der gemeinsamen Zeit des Studiums an der Minerva Universität. Das war auch die Zeit der Vietnamkriegsrekrutierungen per Los, wobei Mickey eine ziemlich niedrige Nummer zieht, und somit nach Indochina muss. Zu den drei Jungs gesellt sich noch Jacy, in die alle drei verliebt sind. Irgendwie schafft es das Quartett (Einer für alle, alle für einen), einen Abschied gemeinsam zu feiern, nämlich genau in dieser Ferienwohnung von Lincoln, bzw. damals noch von Lincolns Eltern. In übersichtlichen Rückblenden, werden die jeweiligen Lebensdramen immer wieder abwechselnd vorgestellt und behutsam mit dem Heute verbunden. Der Stil der Prosa erinnert mich ein wenig an Joël Dicker, der in den letzten Jahren mit ähnlichen Geschichten Erfolge feiert. Es geht immer um ein lange zurückliegendes Geschehen, dass, wie die berühmte Büchse der Pandorra, nie wirklich weg ist und irgendwann, naja, sagen wir, aufgeklärt werden muss, damit auch die drei Jungs wieder gut schlafen können. Denn zwei von Ihnen, wissen nicht, was aus Jacy geworden ist, die nach ihrer Studienabschiedsfete spurlos verschwunden ist. Das Buch klärt das bis zum Ende, man ist nicht sonderlich bemüht da selbst drauf zu kommen. Eher freundet man sich mit den Jungs und deren unterschiedlichen Wegen durch die Zeit und das Alter an. Ist jetzt alles nicht Weltliteratur aber, wie sagt man so schön, Genuss ohne Reue!

 

Das kann uns keiner nehmen
Matthias Politicky, verlag hoffmann und campe

Es ist die Story eines Tagebuches. Oder auch ein Roman über eine Reise. Aber ich bin mir nicht wirklich sicher, ob das ein Roman ist. Ich bleibe mal bei „Reisetagebuch“. Die Geschichte fängt mit einem mühsamen Aufstieg zum Kilimandscharo an und Hans, unser Ich Erzähler, bzw. Chronist dieser Reise, trifft, anstatt Ruhe und überwältigende Gefühle am Gipfel, bzw. am Krater des „Kibu“ zu finden, eine Gestalt namens Tscharli, der ihm anfangs seine Nerven raubt. Mit seiner bayerischen Respektlosigkeit und Arroganz, mit schrägen bis (vermeintlich) rassistischen Ansichten über Land und Leute, bringt er den Hansi (Hans ist unser Globetrotter und Reiseschriftsteller) zur Weißglut. Allerdings fällt dem Hansi relativ fix auf, dass dieser Tscharli in „Afrika“ bzw. in dieser Gegend eine Berühmtheit ist und die Guides eben diesen Tscharli als familienzugehörig betrachten und sogar verehren. Nun passiert es, dass ein Schneesturm über den Berg fegt und es tatsächlich äußerst schwierig ist, anschließend wieder herunterzukommen. Zumal Tscharli, mal vorsichtig gesagt, Blut und Wasser scheißt, also – echt krank aussieht und auch ist. Irgendwie findet König Tscharlie doch Gefallen an Hansi und es beginnt eine absurde, überdrehte oder komische Reise durch Tansania und über die Insel Sansibar. Die Krankheit von Tscharli schreitet fort und es wird langsam Zeit, dass sich Tscharli und Hans näher kommen und sich die Dramen ihres Lebens gegenseitig erzählen. Und da ist verdammt viel gelaufen: Hans hat ein afrikanisches Trauma zu überwinden, welches 25 Jahre zurück liegt und Tscharli weiß, dass sein letztes Stündlein bald schlägt und hat Hans zu seinem Todesengel erkoren. Eine intensive Story, die, je länger man dabei bleibt, immer mehr fesselt. Ich mag Politicky seit seinem Kreuzfahrttagebuch „In 80 Tagen um die Welt“. Auch hier liegt über allem eine Tragikomik, wie ich sie in diesem Afrikaroman wieder gefunden habe.

 

Kein Wunder
Frank Goosen, verlag KiWi

Das Berlin der Achtziger hatte immer was Verstörendes an sich. Es ist genau die Zeit, in der auch ich des Öfteren über Helmstedt nach Berlin gurkte. Mal mit Band, mal einfach so oder zu einem Pokalspiel. Alleine das sich Nähern an die Grenzkontrollen… ich kann heute noch das Gefühl in mir schmecken von dieser absurden (zu leicht, ich weiß) Scheiße. Jedenfalls spielt Goosens Roman Ende der Achtziger, also kurz vor dem Mauerfall. Wunderbar beschrieben sind Dialoge zwischen Ost - und Westlern, noch nicht geprägt von dem baldigen Zusammenbruch, sondern eher davon, dass keiner überhaupt einen Plan hat. Außer Fränge, aber das hat eher mit seinen Frauengeschichten zu tun. Als Westler in Berlin darf er rüber und hat, so ist er nun mal, auf jeder Seite eine Flamme, Marta in Westberlin und Rosa im Osten. Förster, den wir ganz nah begleiten, fährt mit Brocki, den gemeinsamen Kumpel Fränge in Berlin besuchen. Fränge, Brocki und Förster sind Bochumer Szenegeschichte. Nur ist Kneipenleben in Berlin eben doch was anderes als Tief im Westen. Und der Osten, vor allem in der subkulturellen Szene, die auf ihre Weise, aber eben leise, schon immer, so wie es grad noch möglich war in der Dädärä, ihr Ding machten. Förster verguckt sich ein wenig in Rosa als er mal „drüben“ ist und das ist aber für alle eher die kleinste Komplikation. Fränge hat es da schon schwerer, denn seine beiden Freundinnen wissen nichts voneinander, und so kann diese Sensation der Weltgeschichte, eben der Fall der Mauer, nicht in Fränges Interesse sein. Alleine schon dieser Gedankengang macht das Buch zu einer komödiantischen Lesereise! Ich war von Goosen noch nie enttäuscht, er ist einer meiner Ruhrgebietschronisten und ein wunderbarer Kollege. Kein Wunder – der kann es!

 

Herkunft
Saša Stanišic, verlag Luchterhand

Deutscher Buchpreis 2019, was soll man dazu noch großartig sagen? Ein Buch, dass man, weil überall besprochen, schon fast „links“ liegen lässt, weil, hat ja jeder schon bejubelt. Aber gut.“Herkunft“ ist klasse, weil die großartige Erkenntnis durch alle Seiten scheint: Herkunft ist Zufall, und wenn es genau dieser gut mit dir gemeint hat, dann schätze es Wert. Das zu erzählen, schafft Freund Saša vorzüglich. Die Sprünge zwischen Heidelberg und Visagrad, zwischen „Jugoslawien“ und Hamburg sind gewollt, manchmal urkomisch bis bedrückend (die Besuche bei seiner dementen Großmutter), mal wütend machend (deutsche Schulen) und mal solidarisch (Integration und Aufenthaltserlaubnis). Seine Geschichten haben Ironie und Witz, bei gleichzeitiger intensiver Zeichnung der Melancholie (die seiner Eltern) und der anderen entwurzelten „Jugos“. Die Beschreibung der ARAL Gang als Sozialisations – und Integrationsfaktor ist absolut nachvollziehbar. Die wehmütigen Erinnerungen (was machen die alle heute?) zeigen die große Ernsthaftigkeit, mit dem Thema umzugehen: dass nämlich Herkunft eine Frage des Glücks ist. In Zeiten der großen und immer mehr zunehmenden Fluchten, zeigt dieses Buch Verständnis für alle Heimat- und Orientierungslosen. Und ist gleichzeitig ein Beispiel für ein gelungenes Leben (das von Saša Stanišic). Puh, und dieser scheiß Krieg im Balkan ist grade mal knapp 30 Jahre her. D.h., ich habe das bewusst erlebt und es ist deshalb wichtig, dass man es mal wieder als Teil unserer europäischen Geschichte so vorgesetzt bekommt! Empfehlenswert!

 

Ach, Virginia
Michael Kumpfmuller, verlag KiWi

Hut ab vor diesem Autor. Der wagt sich an die unterschiedlichsten Themen und ist dabei in der Lage, jedes Mal Bücher von außerordentlicher, sprachlicher und inhaltlicher Qualität abzuliefern. Kennengelernt habe ich ihn über „Nachricht an alle“ aus dem Jahre 2008, und - es hört sich etwas schal an -, er hat in diesem Buch Dinge fiktiv beschrieben, die damals unvorstellbar schienen, aber uns heute überrollen. Nun, „Ach, Virginia“ ist was gänzlich anderes. Es geht um die letzten zermürbenden Tage im Leben dieser großen Schriftstellerin, Virginia Woolf, von der ich, mea culpa, noch nichts bewusst gelesen habe. Vorsichtig erfährt man in diesem Roman von der Karriere der Schriftstellerin und kommt auch an Titeln und Inhalte ihrer Werke nicht vorbei. Doch das ist nicht Thema. Es geht hier um die Zeit vom 18.März bis zum 28.März 1941. Virginia lebt in England in einem Häuschen Nähe des Kanals, südlich von London, unweit von Brighton, ein Fluss ist fußläufig auch zu erreichen. Es ist Krieg und man hört die deutschen Bomber, die tief fliegend ihre tödliche Last nach London bringen. Mit Virginia lebt ihr Ehemann Leonard, der aber in diesen letzten Tagen ihres Lebens eher so eine Art Pfleger ist. Denn Virginia ist psychisch am Ende. Schwere depressive Phasen wechseln sich ab mit Panikattacken, Appetitlosigkeit und dem dringenden Wunsch zu sterben. Das letzte ist es, was sie noch am Leben erhält. Diese Sicherheit des Endes. Dieses „bald ist alles vorbei“, lässt sie ab und an noch mal zu Sinnen kommen, spazieren gehen, und auch mal einen Happen zu essen. Wie es Kumpfmuller allerdings gelingt, diese gesamte Phase zu beschreiben, diese Nähe, da muss ich sagen, irgendwie muss der das kennen. Diese Seelenpein, nicht aushaltbar. Oder er hat exzellent in psychiatrischen Einrichtungen hospitiert, denn es ist beängstigend, wie er sich diesen Zuständen von Virginia nähert und sie findet. Man ist da ganze Zeit so nahe dabei, und hofft sogar, dass dieses Psychodrama bald ein Ende haben wird. Ein betroffen machendes, gutes Buch. Und man sollte voller Demut davor stehen, dass man geistig irgendwie auf der Höhe ist, seine Gedanken noch selbst hat und nicht umgekehrt. Wenn man keinen Einfluss mehr darauf hat, worüber man nachdenken soll und die verrücktesten Gedanken einen mit voller Schwärze überrollen, dann ist das eine unglaubliche Qual. Und man versteht diese furchtbare Krankheit tatsächlich besser!

 

Picknick im Dunkeln
Markus Orth, verlag Hanser

Huch! Das erste Buch des Jahres und gleich ein furioser, hoch unterhaltsamer Ritt durch das „Nichts“ oder durch eine Zeitschleife ohne Beginn und Ende; oder auch, sagen wir, ein Treffen in der „Seelenzeit“, nämlich da wo man längst tot ist und es relativ egal ist, wann wer gestorben ist. Verstanden? Nun, das ist der Hintergrund dieser metaphysischen Begegnung in vollkommener Dunkelheit, im schwärzesten Schwarz, was man sich vorstellen kann, eben irgendwo auf der anderen Seite, wo Zeit und Raum egal sind, man sich zwar noch verstofflicht fühlt, aber das eben nicht mehr „ist“. Stan Laurel, genau der, der geniale „Doof“ mit dem Partner „Dick“ (Oliver Hardy), also Stan wird wach (obwohl…?) in eben dieser Schwärze und kann sich nichts erklären. Er tastet sich voran und fühlt sogar glatte metallische Wände. Wir nehmen Teil an diesem Rätsel und auch schon hier startet sein Bericht über sein Aufwachsen, eben über alles, was seine Vita ausmacht, seine Frauengeschichten, seine unbändige Lust Theater zu spielen und die Menschen zum Lachen zu bringen, aber auch seine kummervollen Reisen, als Filmstar auf der einen - und als hoch melancholisch veranlagter Mensch, auf der anderen Seite. Nachdem er sich „eine Zeit lang“ vorgetastet hat, stolpert er über einen Menschen, eher ein Fleischberg in Relation zu ihm. Es handelt sich um den nahezu 700 Jahre vorher verblichenen Thomas von Aquin, großer religiöser Denker seiner Zeit. Wie schon erwähnt, in diesem schwarzen Jenseits ist Zeit völlig egal, so dass nur so diese Begegnung möglich ist. Sie sind nunmehr zu zweit und es entwickeln sich höchst unterhaltsame Dialoge, denn der dicke Thomas, hat ja nun mal einiges nicht mitbekommen. Zum Beispiel wie man Filme dreht, usw.. Dafür hat er natürlich den großen Vorteil gegenüber Stan, dass er schon immer existenzialistische Fragen auf seiner Agenda hatte, und so nähern sich die beiden, quasi in der Dunkelheit aneinander gekettet, immer mehr an. Zwar werden sie keine Freunde aber zu zweit ist man weniger allein. Die Geschichte, die ja nicht wirklich aufgelöst werden kann, endet auch irgendwie im Nichts, aber lässt eine gewisse Nachdenklichkeit zurück, über das Leben, über das Sterben, oder auch, sagen wir es wie ist, über das Leben nach dem Tot. Sollte ja eigentlich vollkommen schnuppe sein, aber hier macht es Spaß diesen Gedankengängen zu verfolgen. Zeitloses Buch, sozusagen.