© Thomas Kampmann ./. ART & carlfunkel

Bücherkiste

"Ich hatte schon eingangs erwähnt, dass das "Lesen" für mich, na - ich will es mal dramatisch überspitzen, lebenswichtig ist. Und ich habe daraus ein Hobby entwickelt: meine Rezensionen in/für die "Bücherkiste"!
Das war anfangs nicht so leicht, denn ein "Kritiker" zu sein bedeutet immer, das Werk eines Autorenkollegen zu werten, zwar subjektiv, aber es ist dann so geschrieben und wird (manchmal) auch woanders veröffentlicht und gelesen. Ich war auch immer enttäuscht bis verärgert, wenn ich schlechte Kritiken über meine Veröffentlichungen (LPs und CDs, oder was immer) lesen musste. Aber auch das musste ich lernen.
Es sind mittlerweile eine ziemliche Menge Buch - Rezensionen, meist gute, zusammengekommen und ich verspreche - es werden noch mehr.

Viel Spass."

Kritiken aus vergangenen Jahren

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Marzahn mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin
Katja Oskamp, verlag hanser

Fußpflege, tja – ein schattiges Thema. Sollte ich mal machen, wär nicht verkehrt. Mal sehen, ob ich dann auch auf so jemanden treffe wie unsere Protagonistin aus diesem wunderbaren Buch. Wenn es die Berufsbezeichnung „Geschichtensammlerin“ geben würde, Katja Oskamp hätte ihre Meisterprüfung mit Bravour bestanden. Dieser Fußpflegesalon im Erdgeschoss eines DDR Plattenbaus in Berlin – Marzahn, ist ein Fundort für unspektakuläre, und deshalb vielleicht doppelt interessante Lebensläufe, Träume und Biographien von Menschen, die aus völlig unterschiedlichen Hinter- und Beweggründen die Fußpflege besuchen bzw. brauchen. Einer Fußpflegerin, die die Füße ihrer Kunden liest, kann man wenig vormachen. Der Fuß ist wohl irgendwie auch der Spiegel einer Persönlichkeit. Sag ich jetzt mal einfach so, stimmt bestimmt irgendwie. Aber ist auch egal. Katja Oskamp weiß uns die Charaktere nahe zu bringen; es ist immer klar, dass eine große Menschlichkeit dahinter steckt. Da gibt es keinen Ekel oder Angst vor „alten Füßen“. Die Geschichten kommen von ganz alleine, die Kundinnen und Kunden rekrutieren sich meist aus ehemaligen Ostberlinern, also DDR sozialisierte Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten. Die Natur der Sache bringt es mit sich, dass wir es meist mit älteren Damen und Herren zu tun haben, die ihrerseits, ob ihres fortgeschrittenen Alters, eine Menge erlebt haben. Voller Mitgefühl und wenn es notwendig ist mit einer Prise Humor, beschreibt Katja Oskamp die Menschen, ohne jemals urteilen oder zu klassifizieren. Schöne Bonbons sind auch dabei, wenn sie Kinderfüße betreut, was in seiner Beschreibung, dieses Buch voller Empathie, zu einer Glanzleistung macht. Ganz nebenbei lernt man auch ein wenig DDR Geschichte aus neuen Blickwinkeln. Hier steht der Mensch im Mittelpunkt. Schönes Buch!

 

Kühn hat zu tun
Jan Weiler,  verlag piper

Dies wird eine relativ kurze Rezension. Ich möchte die geneigten Leser darauf hinweisen, sich meine Kritiken von „Kühn hat Ärger“ und „Kühn hat Hunger“ zu Gemüte zu führen. (Beides in meiner „Bücherkiste" zu finden) Die Jan Weiler Bücher Nr. 2 und Nr. 3 sind genauso klasse, wie dieser erste Band. Mit Ausflug in die Kriminalpsychopathologie, alles inklusive. Die Geschichte kurz: in Kühns Siedlung – mit Mühe hat die Familie Kühn ein Häuschen auf der „Weberhöhe“ finanziert (und muss sich fortan mächtig strecken) - wird in unmittelbarer Nähe von Kühns Häuschen eine Mann ermordet aufgefunden. Diese „Weberhöhe“, ursprünglich als Münchner Wohnvorzeigeprojekt errichtet, steht allerdings auf kontaminiertem Gebiet, denn da war mal eine Nazi- Munitionsfabrik drauf. Es entspinnt sich eine verrückte (!!!) Geschichte und Martin Kühn wird auch langsam bekloppt. Es passiert auf einmal so viel in Kühns Leben, dass ein nie bewältigtes Trauma aus der Kinderzeit, sowohl zur Lösung des Falles beiträgt als auch den Kommissar in eine Kur mit Psychotherapie befördert. Keine Angst – Kühn kommt wieder. Die beiden nächsten Bände sind längst auf den Markt und wir erleben Kühn dann wieder relativ stabil. Ich schätze seinen Scharfsinn und die existenzphilosophischen Betrachtungen zwischendurch. Man lernt mehr an soziologischen Dramen als einem lieb sein kann. Jan Weiler hat meine Hochachtung.

 

Kühn hat Ärger
Jan Weiler,  verlag piper

Fast hätte ich jetzt gesagt - „leider“ - bin ich mit der dritten Episode von Jan Weilers Hauptkommissar Martin Kühn angefangen. Aber weil ich das dritte Buch auch schon so klasse fand, lese ich eben rückwärts und es funktioniert genauso gut. Ich kann ja jetzt schon verraten, dass ich den ersten Band „Kühn hat zu tun“ mittlerweile auch schon gelesen habe. Normalerweise ist das ja üblich bei Krimis, vor allem bei deutschen, dass die Kommissare irgendeine brüchige Vita vorweisen, geschieden sind, vielleicht sogar Alkoholiker und trotzdem brillant unterwegs sind - und/oder da ist meist noch irgendwo eine erwachsene Tochter, die sich Sorgen um den verwahrlosenden Vater macht, etc. Hier ist alles anders: die Familie Kühn ist eine von uns – mit den gleichen Sorgen und Nöten, Träumen und finanziellen Stemmereien oder pubertierenden Heranwachsenden, die irgendwie zu bändigen sind. Das Jan Weiler in der Lage ist, so aus der Mitte der Gesellschaft zu schreiben, macht die große Klasse dieses Autors aus. Man wird automatisch, vor allem als Mann, Freund von Martin Kühn. Von der Geschichte, und warum Kühn Ärger hat, will ich gar nicht so viel berichten. Es geht um die grausame Hinrichtung eines Jugendlichen. Die Recherche führt Kühn in die Welt der Schönen und Reichen. Die, was wir uns schnell vorstellen können, gar nicht so toll ist. Aber lesen Sie selbst. Für mich sind Kühns existenzphilosophische Betrachtungen über das Leben, den Sinn und die Suche nach Zusammenhängen, so zwingend gut geschrieben und machen die Klasse aus. Es ist natürlich klar, dass Martin Kühn eine ganz spezielle Art hat, Fälle zu lösen. Er kann die Menschen lesen, er weiß wo die Widersprüche sind und führt „den Täter“ behutsam dazu, in die Falle zu laufen. Das Kommissar Kühn im Präsidium nicht nur Freunde hat, ist klar. Aber ich bin seiner. Hauptsache!

 

Virulent
Christoph Brüske, verlag BOD-Books on Demand

Kabarettkollege Christoph Brüske legt ein Büchlein auf und zwar 1. zur richtigen Zeit, 2. mit den richtigen Themen und 3. dazu noch hoch unterhaltsam. Wenn ich auch gleich einschränken möchte, dass mir Brüske live auf jeden Fall genauso lieb - nein, ganz ehrlich, lieber ist. Denn ich habe bei aller Knappheit der wunderbaren auf den Punkt geschrieben Szenen, auch gleich immer das Theater im Auge und im Ohr und stelle mir die zahlreichen Pointen vor, die, wohlgesetzt – eben gut produziert – mit den kleinen nötigen Pausen, wie es sich dramaturgisch gehört, von der Bühne perlen. Das kann er nämlich gut, der Christoph. Trotzdem sind diese satirischen Kurzgeschichten ein Spiegelbild dieser unglaublichen Zeit und Brüske lässt uns verstehen und lachen, oder umgekehrt. Bei allem Spaß steckt hinter jeder noch so kleinen Story die politische Ernsthaftigkeit eines sich Sorgen machenden Zeitgenossen, dessen großes Glück, und eben auch unseres, es ist, auf der Bühne stehen zu können. Im Moment zwar nicht, aber er hat die (freie) Zeit auf jeden Fall genutzt, seine Gedanken zu notieren und dem ganzen Ernst, der Wut, der Beklopptheiten, der Verschwörungstheorien, der Gier, und was weiß ich was uns alles so umtreibt, seinen Humor entgegenzuwerfen. Dabei merkt man die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung mit dem Virus und seinen Folgen. Und wie wichtig es ist, nicht irgendwelchen Algorithmen zu folgen, sondern sich die Information selbst und verantwortlich zusammenzusuchen. Eine Antwort gibt es nicht, ebenso wenig wie einen Impfstoff, aber es gibt eine Haltung. Wie heißt es so schön: „In Krisenzeiten suchen die Intelligenten nach Lösungen, die Idioten suchen einen Schuldigen“. Empfehlenswert.

 

Das Netz
Lilja Sigurðardóttir, verlag dumont

Island in Zeiten der Finanzkrise. Dieses Land war sich zu lange sicher in allem, was man so als Bild in der Welt abgab. Thermische Verhältnisse machten die Insel zwischen Amerika und Europa energietechnisch unabhängig und die wilde unberührte Natur lockte jede Menge Touristen an. Hätte alles gut so weiter gehen können, doch auch in Reykjavik war auf einmal die Gier angesagt. Die Banken verspekulierten sich in dieser unsäglichen Derivaten- und Spekulationsblase, so dass das Land pleite war. Nach und nach geht es an die Aufarbeitung und die Suche nach der Schuld. Arga, eine der Protagonistinnen in diesem Roman, war eine große Nummer im Bankengewese und hat kräftig mitgemischt und sitzt nun während des ganzen Buches immer in irgendwelchen Verhören. Damit kommt sie klar, sie war und ist in diesen Dingen eiskalt. Womit sie nicht klar kommt, ist die Beziehung zu Sonja, mit der sie im Bett von Sonjas Ehemann Adam und Sohn Tomas erwischt wird. Sonjas Ehe scheitert daraufhin und Sonja hält sich nun mit Drogenkuriergeschäften über Wasser, bzw. sie will das solange machen, bis sie wieder Boden den Füssen hat und ihren Sohn Tomas „zurückholen“ kann. Nun ist Kokainschmuggel zwischen dem Festland und der Insel auch nicht so einfach und sie gerät in den Focus eines achtsamen Zollbeamten kurz vor der Rente. Es soll sein letzte große Entdeckung werden. Es geht hier um Millionen und natürlich sind auch die gleichen Verbrecher darin verstrickt, die auch schon kräftig beim Bankencrash ihre Finger drin hatten. Das alles ist zügig erzählt. Mir fehlt allerdings der Zugang zu den Protagonisten, irgendwie lässt einen die ganze Nummer kalt. Vielleicht Bragi, der unermüdliche Zollbeamte erregt noch Anteilnahme, lebt doch seine geliebte Frau, an Alzheimer erkrankt, im Heim. „Das Netz“ ist etwas zu laut angekündigt, und ist bei weitem nicht so spannend wie auf dem Buchcover („Thriller des Jahres“) angepriesen. Das merkt man daran, dass man sich nicht unbedingt freut, weiterzulesen, sondern durchaus zwischendurch in anderen Büchern stöbert. Ich habe es schließlich zu Ende gelesen und sage, da muss mehr kommen.

 

Kruso
Lutz Seiler, verlag Suhrkamp

Dieser Roman verlangt einem einiges ab. Vor allem Zähigkeit und das Bedürfnis, trotz aller epochaler Epik, das Buch zur Seite zu legen, weil: zu anstrengend. Lutz Seiler schriftstellerische Ambitionen erinnern mich ein wenig an Günter Grass, z.B. „Der Butt“! Dieses Buch habe ich auch irgendwann nicht weiter gelesen, ich glaube, ich hatte einfach nicht die nötige Zeit, den Autor verstehen zu müssen und dessen Ausdrucksweise und überdimensionierte Lyrik. Der Hauptteil des Romans spielt auf der Insel Hiddensee, diesem Wurmfortsatz von Rügen, in der damaligen DDR Ostsee. Ausgangspunkt für Fluchtgeschichten freiheitsliebender DDR Entsager, aber auch Todesfalle, Sehnsuchtsort mit mystischem Hintergrund. Ed Bendler strandet hier eines Tages, weil er ein schweres Trauma erlebt hat. Er trifft auf Alexander Krusowitsch – genannt Kruso. Kruso ist auf der Insel der Herr der Schiffbrüchigen. Der Pate, Held und eine Art Anführer, der dafür sorgt, dass die Entbehrungen und Träume der gebeutelten Außenseiter, die der starren DDR Ideologie fliehen wollen, kurzzeitig eine Heimat finden. Ein bisschen alles wie damals in dem Roman „Der Strand“ von Alex Garland, (verfilmt mit di Caprio). Hier kamen auch Gesellschaftsflüchtlinge an, die aber nach einiger Zeit erfahren mussten, dass die Rituale und Strukturen ebenso autoritätsgläubig waren wie die, aus denen sie fliehen wollten. Ed und Kruso arbeiten ganz im Norden der Insel beim „Klausner“. Oberflächlich ein Ausflugslokal aber innen brodelt es von Schiffbrüchigen und surrealen Gestalten. Auf Deutsch auch „Saisonarbeiter“. Und da der Roman vor allem im Sommer 1989 spielt ist es dann auch nicht verwunderlich, dass es im November auch auf Hiddensee zu einer Art Showdown kommt. Das ist banal hingesprochen. Sorry dafür. Denn, wie ich schon eingangs erwähnte, ist „Kruso“ ein Roman geballten Wissens und von exzellenter Klugheit in Lyrik und Zeitgeschichte. Eine Story von der Sehnsucht nach einer Utopie der Freiheit und eine von den traumatischen Verlusten von geliebten Menschen. Ein Satz wird mir, weil wir uns ja in Coronazeiten befinden und grade jeder halbwegs Intellektuelle zitiert „In jeder Krise steckt eine Chance“. Lutz Seiler formuliert das nahezu biblisch: „Tief im Verhängnis steckt die Verheißung“. Der Roman endet in Kopenhagen, wo in den Katakomben und Archiven Dänemarks, eine Auflistung der gelungenen und vor allem der gescheiterten Fluchtversuche aus der DDR existiert. Hier sucht Ed den Endpunkt der Geschichte um selbst wieder ruhig atmen zu können.

 

Dankbarkeiten
Delphine de Vigan, verlag dumont

Selten habe ich mich über so ein Buch voller Liebe, Zugewandtheit, Nähe, Wärme und Liebe gefreut. Man fühlt mit den drei Hauptpersonen. Es ist so intensiv, dass man sich die ganze Zeit fragt, wo leben wir eigentlich grade? Und warum ist der Umgang mit unseren älteren Mitmenschen, eben die, die aufgrund von irgendwelcher Gebrechen - körperlicher, psychologischer oder gar neurologischer Art – so kalt in unserer Gesellschaft? Marie als letzte und einzige Kontaktperson begleitet Michka, hochbetagt, in eine nunmehr notwendig gewordenen Pflegeinrichtung. Michka war die Ziehmutter von Marie und so sorgt sie sich sehr um Michka, deren Sprachvermögen nachlässt, so eine Art Wortfindungsstörung, bei der sie, wenn sie nicht mehr das Originalwort formulieren kann, sie durch Gleichlautende ersetzt. So werden „Bewohner“ zu „Dragoner“ oder „leben“ wird zu „sehen“ oder „Problem“ zu „Ödem“. Jerome ist der Dritte Beteiligte. Er ist Logopäde in diesem Pflegeheim und „verliebt“ sich ein wenig in die alte Dame Michka, weil er merkt, da ist noch was, was sie bedrückt. Eine Sache im Leben, die sie noch geklärt haben will. Und tatsächlich schaffen es Marie und Jerome, die sich erst am Ende des Romans real begegnen, Michka zu helfen, indem sie eine Geschichte aufklären, die mit Michkas Kindheit zu tun hatte. Denn sie wurde von Ihrer Mutter auf der Flucht vor den Nazis, bei einem Ehepaar abgegeben, mit der Bitte sich um das (jüdische) Mädchen zu kümmern, bis sie wiederkommt. Michkas Mutter endete im KZ, das ist der traurige Seitenstrang der Geschichte die ansonsten voller Zärtlichkeit und Empathie daherkommt.

 

Fünf Lieben lang
André Aciman, verlag dtv

Lange habe ich mich gesperrt, innerlich gewunden, immer auf dem Weg den Roman zuzuklappen und wegzulegen - und bin dann doch nach und nach in diese Prosa über die Liebe und der Selbstfindung, eingetaucht. Man ist manchmal beim Lesen geneigt zu sagen, man, Pauls (Ich - Erzähler) Probleme möchte ich haben. Aber ich anerkenne natürlich, dass die sexuelle Orientierung manchmal dermaßen schwierig ist, dass einem wie mir, also so ein völliger Normalo unter den Heteros, schwindelig werden kann. Wir begleiten Paul vom 12. Lebensjahr an. Seine gut betuchten Eltern haben in Italien ein Ferienhaus über den Sommer und Paul lernt den Dorfkreativen kennen, ein Künstler am Holz. Also nicht nur ein Schreiner. Bei diesem Giovanni erkennt Paul zum ersten Mal so etwas wie Liebe und Begehren. Endlos, aber gut beschreibt der Autor die Annäherungen an seine „Objekte der Begierde“. Später sind es dann die Erinnerungen an Maud, Manfred oder Chloé und weitere Menschen, unter anderem auch ein ehemaliger Professor eines Philosophieseminars. Dieser stetige Wechsel, mal Mann mal Frau, diese Bisexualität ist gewöhnungsbedürftig, wie gesagt, aber durch die sensible Herangehensweise, diese sprachlichen Ausflüge in die Unendlichkeit der Beschreibung der erotischen Obsessionen und Enttäuschungen, der endlosen Versuche der Annäherungen an den grade geliebten Menschen, verstehen wir, zumindest etwas von dem stetigen Pfeil der Liebe, der umher schwirrt. Paul ist ein Mensch, der sich im „ganz oder gar nicht“ wohl fühlt; es gibt kaum Ruhe, denn irgendein Knistern, in Form eines neuen Herzflimmerns, steht meist schon wieder vor der Tür. Ob im Umkleideraum des Tennisclubs oder auf irgendeiner Hipsterparty in Brooklyn. Keine Kompromisse – wir haben nur ein Leben, aber fünf intensive Lieben. Und wir kosten von dem Wein des Lebens. In diesem Fall in Buchform. Nicht einfach so verschenken, das kann falsch verstanden werden. Also erst selber lesen!

 

Gott wohnt im Wedding
Regina Scheer, verlag penguin

Die Idee könnte aus einem Kinderbuch stammen: ein Haus erzählt seine Geschichte. Berliner Gründerzeit, um 1890, Wedding! Da wurde dieses, damals prachtvolle Haus erbaut. Heute verdammt in die Jahre gekommen und nahezu abbruchreif. Allerdings hat es die Kriege überlebt, aber so wie es aussieht, wohl nicht mehr das heutige Spekulantentum. Es gibt drei Haupterzählstränge: die von Getrud, Leo und Leila. Gertrud, hoch in den Neunzigern, Leo ebenso und Leila die noch mitten im Berliner Alltagsdurcheinander lebt, ausgerechnet als Sozialarbeiterin. (so eine Art Quartiersmanagerin im Neusprech) Gertrud hat seit Jahrzehnten das Haus nicht mehr verlassen, Leo ist aus Israel angereist und Leila, die gar nicht weiß, dass einst ihre Sintifamilie hier gelebt hat. Diese drei tragen die Hauptlast der Geschichten, die von großer, profunder Kenntnis sind! Von der Judenverfolgung, der Sinti und Roma Verjagungen aus und in ganz Europa, des Naziterrors, und der langsamen Inanspruchnahme des Hauses durch alle möglichen Ethnien, zuerst der Wolga- und Russlanddeutschen und heute das prekäre Leben bulgarischer und/oder rumänischer Großfamilien beherbergt. Die Verästelungen und die Tiefe der Beschreibungen mögen manchmal anstrengend sein, es lohnt sich allemal dabei zu bleiben. Das Buch sollte zur Schulliteratur werden, denn selten kommt man in einer Gleichzeitigkeit die heutigen Probleme Israels und der Geschichte des Landes so nahe und noch seltener findet man so rührende Beschreibungen von Freundschaft im Untergrund im Widerstand gegen den Naziterror. Gertrud und Leo, haben das alles gesehen und erlebt und was das menschliche Auge nicht zu sehen oder zu verstehen vermag, das verbindet das Haus selbst mit seinen Worten und raunt uns die schlimmen und die schönen Geschichten aus den Zimmern und Wohnungen und aus den vielen Jahrzehnten zu.

 

Am Tag davor
Sorj Chalandon, verlag dtv

Ein bisschen „Spiel mir das Lied vom Tod“ finde ich hier. Nach 40 Jahren in die Stadt des vermeintlich größten Unglücks seines Lebens - dem Tod des geliebten Bruders - zurückkommen und sich an dem Schuldigen rächen. Michels (16) vierzehn Jahre älterer Bruder Joseph (Jojo) war Bergmann und im Hirn des jungen Michel hat sich ein Gespinst festgesetzt: am Tag des Unglücks, hervorgerufen durch eine schlampige, nur gewinnorientierte Bergwerksleitung, bei dem 42 Kumpel am 27.Dezember 1974, durch eine Schlagwetterexplosion umkamen, hatte Michel als Fahrer des Mopeds, auf dem hinten sein Bruder Joseph saß, glatteisbedingt einen Unfall. Jojo hatte also das zweifelhafte Glück, nicht im Berg gewesen zu sein als die Explosion geschah, sondern am gleichen Morgen auf der Straße zu verunglücken und erst 22 Tage später im Krankenhaus zu sterben. Trotzdem macht sich im Kopf von Michel die Schuldfrage breit, von der er sein Leben lang nicht mehr los kommt. Die Profitgier der Werksleitung war schuld, personifiziert durch den damaligen Schichtführer, den Michel dann nach 40 Jahren gebeutelten Lebens endlich aufsucht. Was dann kommt ist Psychologie und Projektion. Von Rachsucht zum Selbstmitleid, von blinder Wut zu einem Schweigegelübde. Ein nicht leichter Roman über Schuld und Sühne, über Arbeitsethik und alle Formen der Verzweiflung. Düster wie ein Flöz, aber irgendwie doch faszinierend. Eine Stelle wird mir immer in Erinnerung bleiben und zeigt beispielhaft die Raffsucht der Bergbauunternehmen: als eine Witwe die Lohnabrechnung für ihren beim Unglück verstorbenen Mann bekommt, strich die Lohnbuchhaltung die letzten drei Tages des Monats Dezember und stellte sogar noch die Kleidung inklusive Stiefel und sonstigem Material in Abzug! Beklemmende Lektüre!

 

Im Namen der Lüge
Horst Eckert, verlag heyne

Im Schatten der Coronakrise ist es wichtig, die Welt ringsherum im Auge zu behalten. Vielleicht gibt es ja auch mal wieder Zeiten, in denen wir uns wieder um andere Probleme kümmern müssen. Vor allem darum, all die „Notstandsgesetze“ die uns jetzt so bitter aufstoßen, sie aber zähneknirschend über uns ergehen lassen müssen, wieder in eine demokratische Wanne zu legen. Sonst hat uns das Virus nicht nur eine Menge Menschenleben gekostet, sondern auch, na ja sagen wir mal pathetisch, unsere Freiheit! Für diesen Fall wird man durch das vorliegende Buch von Horst Eckert bestens vorbereitet. Das Virus heißt in diesem Fall „Nationalismus“ in Form von Seilschaften, die von dort ausgehen, die eigentlich unsere freiheitliche Grundordnung schützen sollte: vom Verfassungsschutz. Im Laufe der Existenz dieser dubiosen Organisation, sind immer mal wieder – und das nicht erst seit diesem unsäglichen Hans-Georg Maaßen – Sachen ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, die so unglaublich wie wahr waren. Ausgehend von dem leicht populistisch geprägten Spruch „auf dem rechten Auge blind“ entwirft Horst Eckert hier ein beängstigend reales Szenario, in dem bis in die sogenannten „höchsten Kreise“ Politiker und Kriminalbeamte verstrickt sind. Dabei kommen wir ganz nebenbei auf weit zurückliegende Attentate in der RAF Geschichte zurück, die aus heutiger Sicht eindeutig vom Verfassungsschutz selbst initiiert wurden und durch ein tief in die Szene verstricktes Spitzeltum erst möglich wurden. NSU und Lübcke werden ebenso gestreift wie die Reichsbürger, die Identitären und sonstige hirnkranke aber gefährliche Ausbauorganisationen, die nur darauf warten, dass die völkische Idee wieder mal die Machtfrage in unserem Land stellt. Der „Roman“ ist spannend und glaubhaft erzählt, exzellent recherchiert und die Figuren, bis auf Melia, die Hauptperson, nicht wirklich überzogen dargestellt. Dass sie zur Heldin wird oder werden muss, ist eben so was wie der rote Faden. Das Buch ist einmal mehr ein Beweis, dass man nie nachlassen darf, Behörden wie Geheimdienste und den Verfassungsschutz nie aus den Augen zu verlieren. Die bauen sich dann eine eigene Vorstellung von der Welt, in der keiner leben möchte. Sehr empfehlenswert.

 

Jenseits der Erwartungen
Richard Russo, verlag dumont

Falls diese Kritik irgendwann gelesen wird muss man auch immer berücksichtigen, dass wegen der Coronakrise - wir sind im März 2020 - sich vieles relativiert. Es liest sich deshalb alles etwas seltsam, wenn ringsherum die Welt untergeht, was nichts mit dem Virus und seiner unfassbaren Auswirkungen auf uns zu tun hat!
Nun denn, vielleicht ist es ja grade jetzt wichtig „gute Bücher“ zu lesen. Mit völligem Abstand und aus einer Zeit, als das Leben noch normal war. Richard Russo gelingt hier ein Roman, den man gerne zu Ende liest, hat er doch viel zu bieten. Eine gewisse, nicht zu überbordende Spannung und ein amerikanisches Gesellschaftsbild der letzten 50 Jahre. Drei alte Freunde, Mickey, Teddy und Lincoln, alle jetzt so um die 66 Jahre, treffen sich nach etlichen Jahrzehnten im Spätsommer auf Martha’s Vineyard im Ferienhäuschen von Lincoln. Ihre Freundschaft stammt aus der gemeinsamen Zeit des Studiums an der Minerva Universität. Das war auch die Zeit der Vietnamkriegsrekrutierungen per Los, wobei Mickey eine ziemlich niedrige Nummer zieht, und somit nach Indochina muss. Zu den drei Jungs gesellt sich noch Jacy, in die alle drei verliebt sind. Irgendwie schafft es das Quartett (Einer für alle, alle für einen), einen Abschied gemeinsam zu feiern, nämlich genau in dieser Ferienwohnung von Lincoln, bzw. damals noch von Lincolns Eltern. In übersichtlichen Rückblenden, werden die jeweiligen Lebensdramen immer wieder abwechselnd vorgestellt und behutsam mit dem Heute verbunden. Der Stil der Prosa erinnert mich ein wenig an Joël Dicker, der in den letzten Jahren mit ähnlichen Geschichten Erfolge feiert. Es geht immer um ein lange zurückliegendes Geschehen, dass, wie die berühmte Büchse der Pandorra, nie wirklich weg ist und irgendwann, naja, sagen wir, aufgeklärt werden muss, damit auch die drei Jungs wieder gut schlafen können. Denn zwei von Ihnen, wissen nicht, was aus Jacy geworden ist, die nach ihrer Studienabschiedsfete spurlos verschwunden ist. Das Buch klärt das bis zum Ende, man ist nicht sonderlich bemüht da selbst drauf zu kommen. Eher freundet man sich mit den Jungs und deren unterschiedlichen Wegen durch die Zeit und das Alter an. Ist jetzt alles nicht Weltliteratur aber, wie sagt man so schön, Genuss ohne Reue!

 

Das kann uns keiner nehmen
Matthias Politicky, verlag hoffmann und campe

Es ist die Story eines Tagebuches. Oder auch ein Roman über eine Reise. Aber ich bin mir nicht wirklich sicher, ob das ein Roman ist. Ich bleibe mal bei „Reisetagebuch“. Die Geschichte fängt mit einem mühsamen Aufstieg zum Kilimandscharo an und Hans, unser Ich Erzähler, bzw. Chronist dieser Reise, trifft, anstatt Ruhe und überwältigende Gefühle am Gipfel, bzw. am Krater des „Kibu“ zu finden, eine Gestalt namens Tscharli, der ihm anfangs seine Nerven raubt. Mit seiner bayerischen Respektlosigkeit und Arroganz, mit schrägen bis (vermeintlich) rassistischen Ansichten über Land und Leute, bringt er den Hansi (Hans ist unser Globetrotter und Reiseschriftsteller) zur Weißglut. Allerdings fällt dem Hansi relativ fix auf, dass dieser Tscharli in „Afrika“ bzw. in dieser Gegend eine Berühmtheit ist und die Guides eben diesen Tscharli als familienzugehörig betrachten und sogar verehren. Nun passiert es, dass ein Schneesturm über den Berg fegt und es tatsächlich äußerst schwierig ist, anschließend wieder herunterzukommen. Zumal Tscharli, mal vorsichtig gesagt, Blut und Wasser scheißt, also – echt krank aussieht und auch ist. Irgendwie findet König Tscharlie doch Gefallen an Hansi und es beginnt eine absurde, überdrehte oder komische Reise durch Tansania und über die Insel Sansibar. Die Krankheit von Tscharli schreitet fort und es wird langsam Zeit, dass sich Tscharli und Hans näher kommen und sich die Dramen ihres Lebens gegenseitig erzählen. Und da ist verdammt viel gelaufen: Hans hat ein afrikanisches Trauma zu überwinden, welches 25 Jahre zurück liegt und Tscharli weiß, dass sein letztes Stündlein bald schlägt und hat Hans zu seinem Todesengel erkoren. Eine intensive Story, die, je länger man dabei bleibt, immer mehr fesselt. Ich mag Politicky seit seinem Kreuzfahrttagebuch „In 80 Tagen um die Welt“. Auch hier liegt über allem eine Tragikomik, wie ich sie in diesem Afrikaroman wieder gefunden habe.

 

Kein Wunder
Frank Goosen, verlag KiWi

Das Berlin der Achtziger hatte immer was Verstörendes an sich. Es ist genau die Zeit, in der auch ich des Öfteren über Helmstedt nach Berlin gurkte. Mal mit Band, mal einfach so oder zu einem Pokalspiel. Alleine das sich Nähern an die Grenzkontrollen… ich kann heute noch das Gefühl in mir schmecken von dieser absurden (zu leicht, ich weiß) Scheiße. Jedenfalls spielt Goosens Roman Ende der Achtziger, also kurz vor dem Mauerfall. Wunderbar beschrieben sind Dialoge zwischen Ost - und Westlern, noch nicht geprägt von dem baldigen Zusammenbruch, sondern eher davon, dass keiner überhaupt einen Plan hat. Außer Fränge, aber das hat eher mit seinen Frauengeschichten zu tun. Als Westler in Berlin darf er rüber und hat, so ist er nun mal, auf jeder Seite eine Flamme, Marta in Westberlin und Rosa im Osten. Förster, den wir ganz nah begleiten, fährt mit Brocki, den gemeinsamen Kumpel Fränge in Berlin besuchen. Fränge, Brocki und Förster sind Bochumer Szenegeschichte. Nur ist Kneipenleben in Berlin eben doch was anderes als Tief im Westen. Und der Osten, vor allem in der subkulturellen Szene, die auf ihre Weise, aber eben leise, schon immer, so wie es grad noch möglich war in der Dädärä, ihr Ding machten. Förster verguckt sich ein wenig in Rosa als er mal „drüben“ ist und das ist aber für alle eher die kleinste Komplikation. Fränge hat es da schon schwerer, denn seine beiden Freundinnen wissen nichts voneinander, und so kann diese Sensation der Weltgeschichte, eben der Fall der Mauer, nicht in Fränges Interesse sein. Alleine schon dieser Gedankengang macht das Buch zu einer komödiantischen Lesereise! Ich war von Goosen noch nie enttäuscht, er ist einer meiner Ruhrgebietschronisten und ein wunderbarer Kollege. Kein Wunder – der kann es!

 

Herkunft
Saša Stanišic, verlag Luchterhand

Deutscher Buchpreis 2019, was soll man dazu noch großartig sagen? Ein Buch, dass man, weil überall besprochen, schon fast „links“ liegen lässt, weil, hat ja jeder schon bejubelt. Aber gut.“Herkunft“ ist klasse, weil die großartige Erkenntnis durch alle Seiten scheint: Herkunft ist Zufall, und wenn es genau dieser gut mit dir gemeint hat, dann schätze es Wert. Das zu erzählen, schafft Freund Saša vorzüglich. Die Sprünge zwischen Heidelberg und Visagrad, zwischen „Jugoslawien“ und Hamburg sind gewollt, manchmal urkomisch bis bedrückend (die Besuche bei seiner dementen Großmutter), mal wütend machend (deutsche Schulen) und mal solidarisch (Integration und Aufenthaltserlaubnis). Seine Geschichten haben Ironie und Witz, bei gleichzeitiger intensiver Zeichnung der Melancholie (die seiner Eltern) und der anderen entwurzelten „Jugos“. Die Beschreibung der ARAL Gang als Sozialisations – und Integrationsfaktor ist absolut nachvollziehbar. Die wehmütigen Erinnerungen (was machen die alle heute?) zeigen die große Ernsthaftigkeit, mit dem Thema umzugehen: dass nämlich Herkunft eine Frage des Glücks ist. In Zeiten der großen und immer mehr zunehmenden Fluchten, zeigt dieses Buch Verständnis für alle Heimat- und Orientierungslosen. Und ist gleichzeitig ein Beispiel für ein gelungenes Leben (das von Saša Stanišic). Puh, und dieser scheiß Krieg im Balkan ist grade mal knapp 30 Jahre her. D.h., ich habe das bewusst erlebt und es ist deshalb wichtig, dass man es mal wieder als Teil unserer europäischen Geschichte so vorgesetzt bekommt! Empfehlenswert!

 

Ach, Virginia
Michael Kumpfmuller, verlag KiWi

Hut ab vor diesem Autor. Der wagt sich an die unterschiedlichsten Themen und ist dabei in der Lage, jedes Mal Bücher von außerordentlicher, sprachlicher und inhaltlicher Qualität abzuliefern. Kennengelernt habe ich ihn über „Nachricht an alle“ aus dem Jahre 2008, und - es hört sich etwas schal an -, er hat in diesem Buch Dinge fiktiv beschrieben, die damals unvorstellbar schienen, aber uns heute überrollen. Nun, „Ach, Virginia“ ist was gänzlich anderes. Es geht um die letzten zermürbenden Tage im Leben dieser großen Schriftstellerin, Virginia Woolf, von der ich, mea culpa, noch nichts bewusst gelesen habe. Vorsichtig erfährt man in diesem Roman von der Karriere der Schriftstellerin und kommt auch an Titeln und Inhalte ihrer Werke nicht vorbei. Doch das ist nicht Thema. Es geht hier um die Zeit vom 18.März bis zum 28.März 1941. Virginia lebt in England in einem Häuschen Nähe des Kanals, südlich von London, unweit von Brighton, ein Fluss ist fußläufig auch zu erreichen. Es ist Krieg und man hört die deutschen Bomber, die tief fliegend ihre tödliche Last nach London bringen. Mit Virginia lebt ihr Ehemann Leonard, der aber in diesen letzten Tagen ihres Lebens eher so eine Art Pfleger ist. Denn Virginia ist psychisch am Ende. Schwere depressive Phasen wechseln sich ab mit Panikattacken, Appetitlosigkeit und dem dringenden Wunsch zu sterben. Das letzte ist es, was sie noch am Leben erhält. Diese Sicherheit des Endes. Dieses „bald ist alles vorbei“, lässt sie ab und an noch mal zu Sinnen kommen, spazieren gehen, und auch mal einen Happen zu essen. Wie es Kumpfmuller allerdings gelingt, diese gesamte Phase zu beschreiben, diese Nähe, da muss ich sagen, irgendwie muss der das kennen. Diese Seelenpein, nicht aushaltbar. Oder er hat exzellent in psychiatrischen Einrichtungen hospitiert, denn es ist beängstigend, wie er sich diesen Zuständen von Virginia nähert und sie findet. Man ist da ganze Zeit so nahe dabei, und hofft sogar, dass dieses Psychodrama bald ein Ende haben wird. Ein betroffen machendes, gutes Buch. Und man sollte voller Demut davor stehen, dass man geistig irgendwie auf der Höhe ist, seine Gedanken noch selbst hat und nicht umgekehrt. Wenn man keinen Einfluss mehr darauf hat, worüber man nachdenken soll und die verrücktesten Gedanken einen mit voller Schwärze überrollen, dann ist das eine unglaubliche Qual. Und man versteht diese furchtbare Krankheit tatsächlich besser!

 

Picknick im Dunkeln
Markus Orth, verlag Hanser

Huch! Das erste Buch des Jahres und gleich ein furioser, hoch unterhaltsamer Ritt durch das „Nichts“ oder durch eine Zeitschleife ohne Beginn und Ende; oder auch, sagen wir, ein Treffen in der „Seelenzeit“, nämlich da wo man längst tot ist und es relativ egal ist, wann wer gestorben ist. Verstanden? Nun, das ist der Hintergrund dieser metaphysischen Begegnung in vollkommener Dunkelheit, im schwärzesten Schwarz, was man sich vorstellen kann, eben irgendwo auf der anderen Seite, wo Zeit und Raum egal sind, man sich zwar noch verstofflicht fühlt, aber das eben nicht mehr „ist“. Stan Laurel, genau der, der geniale „Doof“ mit dem Partner „Dick“ (Oliver Hardy), also Stan wird wach (obwohl…?) in eben dieser Schwärze und kann sich nichts erklären. Er tastet sich voran und fühlt sogar glatte metallische Wände. Wir nehmen Teil an diesem Rätsel und auch schon hier startet sein Bericht über sein Aufwachsen, eben über alles, was seine Vita ausmacht, seine Frauengeschichten, seine unbändige Lust Theater zu spielen und die Menschen zum Lachen zu bringen, aber auch seine kummervollen Reisen, als Filmstar auf der einen - und als hoch melancholisch veranlagter Mensch, auf der anderen Seite. Nachdem er sich „eine Zeit lang“ vorgetastet hat, stolpert er über einen Menschen, eher ein Fleischberg in Relation zu ihm. Es handelt sich um den nahezu 700 Jahre vorher verblichenen Thomas von Aquin, großer religiöser Denker seiner Zeit. Wie schon erwähnt, in diesem schwarzen Jenseits ist Zeit völlig egal, so dass nur so diese Begegnung möglich ist. Sie sind nunmehr zu zweit und es entwickeln sich höchst unterhaltsame Dialoge, denn der dicke Thomas, hat ja nun mal einiges nicht mitbekommen. Zum Beispiel wie man Filme dreht, usw.. Dafür hat er natürlich den großen Vorteil gegenüber Stan, dass er schon immer existenzialistische Fragen auf seiner Agenda hatte, und so nähern sich die beiden, quasi in der Dunkelheit aneinander gekettet, immer mehr an. Zwar werden sie keine Freunde aber zu zweit ist man weniger allein. Die Geschichte, die ja nicht wirklich aufgelöst werden kann, endet auch irgendwie im Nichts, aber lässt eine gewisse Nachdenklichkeit zurück, über das Leben, über das Sterben, oder auch, sagen wir es wie ist, über das Leben nach dem Tot. Sollte ja eigentlich vollkommen schnuppe sein, aber hier macht es Spaß diesen Gedankengängen zu verfolgen. Zeitloses Buch, sozusagen.