© Thomas Kampmann ./. ART & carlfunkel

Bücherkiste

"Ich hatte schon eingangs erwähnt, dass das "Lesen" für mich, na - ich will es mal dramatisch überspitzen, lebenswichtig ist. Und ich habe daraus ein Hobby entwickelt: meine Rezensionen in/für die "Bücherkiste"!
Das war anfangs nicht so leicht, denn ein "Kritiker" zu sein bedeutet immer, das Werk eines Autorenkollegen zu werten, zwar subjektiv, aber es ist dann so geschrieben und wird (manchmal) auch woanders veröffentlicht und gelesen. Ich war auch immer enttäuscht bis verärgert, wenn ich schlechte Kritiken über meine Veröffentlichungen (LPs und CDs, oder was immer) lesen musste. Aber auch das musste ich lernen.
Es sind mittlerweile eine ziemliche Menge Buch - Rezensionen, meist gute, zusammengekommen und ich verspreche - es werden noch mehr.

Viel Spass."

Kritiken aus vergangenen Jahren

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Ach, Virginia
Michael Kumpfmuller, verlag KiWi

Hut ab vor diesem Autor. Der wagt sich an die unterschiedlichsten Themen und ist dabei in der Lage, jedes Mal Bücher von außerordentlicher, sprachlicher und inhaltlicher Qualität abzuliefern. Kennengelernt habe ich ihn über „Nachricht an alle“ aus dem Jahre 2008, und - es hört sich etwas schal an -, er hat in diesem Buch Dinge fiktiv beschrieben, die damals unvorstellbar schienen, aber uns heute überrollen. Nun, „Ach, Virginia“ ist was gänzlich anderes. Es geht um die letzten zermürbenden Tage im Leben dieser großen Schriftstellerin, Virginia Woolf, von der ich, mea culpa, noch nichts bewusst gelesen habe. Vorsichtig erfährt man in diesem Roman von der Karriere der Schriftstellerin und kommt auch an Titeln und Inhalte ihrer Werke nicht vorbei. Doch das ist nicht Thema. Es geht hier um die Zeit vom 18.März bis zum 28.März 1941. Virginia lebt in England in einem Häuschen Nähe des Kanals, südlich von London, unweit von Brighton, ein Fluss ist fußläufig auch zu erreichen. Es ist Krieg und man hört die deutschen Bomber, die tief fliegend ihre tödliche Last nach London bringen. Mit Virginia lebt ihr Ehemann Leonard, der aber in diesen letzten Tagen ihres Lebens eher so eine Art Pfleger ist. Denn Virginia ist psychisch am Ende. Schwere depressive Phasen wechseln sich ab mit Panikattacken, Appetitlosigkeit und dem dringenden Wunsch zu sterben. Das letzte ist es, was sie noch am Leben erhält. Diese Sicherheit des Endes. Dieses „bald ist alles vorbei“, lässt sie ab und an noch mal zu Sinnen kommen, spazieren gehen, und auch mal einen Happen zu essen. Wie es Kumpfmuller allerdings gelingt, diese gesamte Phase zu beschreiben, diese Nähe, da muss ich sagen, irgendwie muss der das kennen. Diese Seelenpein, nicht aushaltbar. Oder er hat exzellent in psychiatrischen Einrichtungen hospitiert, denn es ist beängstigend, wie er sich diesen Zuständen von Virginia nähert und sie findet. Man ist da ganze Zeit so nahe dabei, und hofft sogar, dass dieses Psychodrama bald ein Ende haben wird. Ein betroffen machendes, gutes Buch. Und man sollte voller Demut davor stehen, dass man geistig irgendwie auf der Höhe ist, seine Gedanken noch selbst hat und nicht umgekehrt. Wenn man keinen Einfluss mehr darauf hat, worüber man nachdenken soll und die verrücktesten Gedanken einen mit voller Schwärze überrollen, dann ist das eine unglaubliche Qual. Und man versteht diese furchtbare Krankheit tatsächlich besser!

 

Picknick im Dunkeln
Markus Orth, verlag Hanser

Huch! Das erste Buch des Jahres und gleich ein furioser, hoch unterhaltsamer Ritt durch das „Nichts“ oder durch eine Zeitschleife ohne Beginn und Ende; oder auch, sagen wir, ein Treffen in der „Seelenzeit“, nämlich da wo man längst tot ist und es relativ egal ist, wann wer gestorben ist. Verstanden? Nun, das ist der Hintergrund dieser metaphysischen Begegnung in vollkommener Dunkelheit, im schwärzesten Schwarz, was man sich vorstellen kann, eben irgendwo auf der anderen Seite, wo Zeit und Raum egal sind, man sich zwar noch verstofflicht fühlt, aber das eben nicht mehr „ist“. Stan Laurel, genau der, der geniale „Doof“ mit dem Partner „Dick“ (Oliver Hardy), also Stan wird wach (obwohl…?) in eben dieser Schwärze und kann sich nichts erklären. Er tastet sich voran und fühlt sogar glatte metallische Wände. Wir nehmen Teil an diesem Rätsel und auch schon hier startet sein Bericht über sein Aufwachsen, eben über alles, was seine Vita ausmacht, seine Frauengeschichten, seine unbändige Lust Theater zu spielen und die Menschen zum Lachen zu bringen, aber auch seine kummervollen Reisen, als Filmstar auf der einen - und als hoch melancholisch veranlagter Mensch, auf der anderen Seite. Nachdem er sich „eine Zeit lang“ vorgetastet hat, stolpert er über einen Menschen, eher ein Fleischberg in Relation zu ihm. Es handelt sich um den nahezu 700 Jahre vorher verblichenen Thomas von Aquin, großer religiöser Denker seiner Zeit. Wie schon erwähnt, in diesem schwarzen Jenseits ist Zeit völlig egal, so dass nur so diese Begegnung möglich ist. Sie sind nunmehr zu zweit und es entwickeln sich höchst unterhaltsame Dialoge, denn der dicke Thomas, hat ja nun mal einiges nicht mitbekommen. Zum Beispiel wie man Filme dreht, usw.. Dafür hat er natürlich den großen Vorteil gegenüber Stan, dass er schon immer existenzialistische Fragen auf seiner Agenda hatte, und so nähern sich die beiden, quasi in der Dunkelheit aneinander gekettet, immer mehr an. Zwar werden sie keine Freunde aber zu zweit ist man weniger allein. Die Geschichte, die ja nicht wirklich aufgelöst werden kann, endet auch irgendwie im Nichts, aber lässt eine gewisse Nachdenklichkeit zurück, über das Leben, über das Sterben, oder auch, sagen wir es wie ist, über das Leben nach dem Tot. Sollte ja eigentlich vollkommen schnuppe sein, aber hier macht es Spaß diesen Gedankengängen zu verfolgen. Zeitloses Buch, sozusagen.