© Thomas Kampmann ./. ART & carlfunkel

Bücherkiste

"Ich hatte schon eingangs erwähnt, dass das "Lesen" für mich, na - ich will es mal dramatisch überspitzen, lebenswichtig ist. Und ich habe daraus ein Hobby entwickelt: meine Rezensionen in/für die "Bücherkiste"!
Das war anfangs nicht so leicht, denn ein "Kritiker" zu sein bedeutet immer, das Werk eines Autorenkollegen zu werten, zwar subjektiv, aber es ist dann so geschrieben und wird (manchmal) auch woanders veröffentlicht und gelesen. Ich war auch immer enttäuscht bis verärgert, wenn ich schlechte Kritiken über meine Veröffentlichungen (LPs und CDs, oder was immer) lesen musste. Aber auch das musste ich lernen.
Es sind mittlerweile eine ziemliche Menge Buch - Rezensionen, meist gute, zusammengekommen und ich verspreche - es werden noch mehr.

Viel Spass."

Kritiken aus vergangenen Jahren

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Zugvögel
Charlotte McConaghy, Verlag S. FISCHER  

Am Ende war ich doch insgesamt enttäuscht. Denn alles fing relativ spannend an. Eine Frau erzählt die Geschichte ihres dramatischen Lebens. Aber im Laufe des recht umfangreichen Romans, stellte sich bei mir eine gewisse Langeweile ein, aber fangen wir mal vorne an. Zum backround: wir befinden uns in einer Zeit, bei der auf der Erde auf Grund des Klimawandels, des Plastikmeeres und des Artensterbens, quasi nur noch der gierige Mensch herumtappert. Es geht also um die Zeit nach demalles „gekippt“ ist, also alles unumkehrbar ausgerottet ist, was so auf der Welt mal kreuchte und fleuchte. So gut wie keine Fische -, keine wilden Tiere und (fast) keine Vögel mehr  Eine Science Fiction Dystopie wie sie im Buche steht. (!) Raten wir mal, dass es sich um das Jahr 2070 handeln muss, oder etwas später. In dieser Endzeit lebt also Franny, bzw. wächst auf als eine Art Mischung aus Pippi Langstrumpf und Arielle der kleinen Meerjungfrau. Später dann eher als eine weibliche Form des Neptuns, wütend und unberechenbar! Franny hat schon als Kind eine intensivste Beziehung zu allem was lebt - und stirbt fast, wenn sie ein totes Tier sieht, vor allem wenn es ein Vogel ist. Franny, stur und starrköpfig, hatte es nie leicht, wuchs sie doch, hin und her geschuppst, zwischen Irland und Australien auf. Der Vater in Downunder ein inhaftierter Mörder, die irische Mutter verlässt sie früh ohne eine Spur zu hinterlassen. Bei der Oma väterlicherseits, ein Drachen, wächst sie auf.  Hier irgendwo fängt ihre Todessehnsucht an, die sie durch den ganzen Roman begleitet. Und weil man ja sowieso lieber tot als lebendig ist, kann einem die übrige Welt ja auch scheiß egal sein. Durch den ganzen Roman zieht sich der extremste Egoismus von Franny, gespeist durch die erwähnte Todessehnsucht. Dazu kommt pathologisches Schlafwandeln und ab und zu findet sie sich erwachend in kältesten Polarmeeren, tauchend und schwimmend, wieder. Franny lernt in einer etwas ruhigeren Phase einen Ornithologen kennen den sie relativ fix heiratet – denn es gibtso eine Art Seelenverwandtschaft. Dieser Professor, namens Niall, weiß von einer letzten Brutkolonie der Küstenseeschwalben in Grönland, und als eine Art Vermächtnis, trägt er Franny auf, sich um den Vogelzug dieser Gattung von der Arktis zur Antarktis zu kümmern. Hier in Grönland fängt das Buch an, wo sie unter Mühen in der Küstenseeschwalbenkolonie drei Tierchen mit Peilsendern beringt. Jetzt braucht sie nur für sich und ihren Laptop noch eine Art Mitfahrgelegenheit und findet eine, bei der alles verblüffend an Herman Melvilles „Moby Dick“ erinnert. Eine Art Captain Ahab gibt es hier nämlich auch in Form von Ennis, der mit seiner wilden Crew in Grönland auf der Suche nach letzten Fängen ist. Franny überzeugt alle mit der Story, man brauche nur den Küstenseeschwalben folgen, dann würde man den Fang des Lebens machen (wie die Poqued den weißen Wal). Es gibt eine ungeheureZahl von Rückblenden in die schweren Zeiten von Franny, auch von einem Knastaufenthalt in Limerick, von der erfolglosen Suche nach ihrer Mutter oder einem Ausflug in so eine Art Jurassic Park, im Norden Schottlands. Nur handelt es sich hier nicht um Dinos, sondern man versucht verzweifelt Tiere zu retten, wie Eichhörnchen, Bären oder Wölfe. Über allem steht die Melancholie (bei Melville ist es die von Ismael, dem Schiffsjungen) und dem ständigen Wunsch Frannys  lieber heute als morgen Tod zu sein. Etwa wie wenn man am Rand einer 1000 Meter tiefen Schlucht steht, und man spürt, wie sie einen hinab zieht. Vorher aber noch das Buch zur Seitelegen. Empfehlenswert für Endzeitpropheten, und irgendwo bin ich ja auch einer. 

Einen wunderbaren Satz habe ich allerdings in dem Buch gefunden:„Man kann die Wirkung eines Lebens am dem messen, was es gibt und was es hinterlässt, aber man kann sie auch an dem messen, was es der Welt wegnimmt“. 


Lempi, das heißt Liebe
Minna Rytisalo, verlag dtv

Mal unter uns, wer wusste über diesen Teil des zweiten Weltkriegs Bescheid, dass die Sowjetunion in den vierziger Jahren Finnland annektieren wollte und die Finnen wiederum sich hilfesuchend an die Waffenbrüder des Nazideutschlands gewandt haben, um ihre Unabhängigkeit zu behalten, was ja, und das lag ja in der Natur des Nazi Verbrecher- und Mordregimes, a priori nicht möglich ist. (Also ich sag mal so, bei Jauch wäre ich früh gescheitert). Das als Hintergrundinfo zu einer bewegenden Geschichte, bzw. drei verschiedenen Geschichten, bei denen es allerdings immer umdie gleiche Frau geht – die wiederum aber nicht zu Wort kommt. Als erster spricht Viljami zu uns, ein einfacher finnischer Bauernsohn, der, und er kann sein Glück nicht wirklich fassen, Lempi zur Frau bekommt, weil SIE das so wollte. Lempi ist klug reizvoll und eigentlich „zu höherem“ berufen, als zu einer biederen Farmersfrau. Aber die beiden heiraten tatsächlich, haben ein schönes Jahr zusammen, dann muss Viljami an die Front. Er schildert vor allem seine Rückkehr drastisch und unendlich niedergeschlagen; vom Verlust seiner selbst und vor allem, vom Verlust seiner Frau Lempi. Denn die Magd Elli, die auf dem Hof als Mädchen für alles angestellt war, hat ihm in mehreren Briefen geschrieben, dass Lempi mit einem Deutschen durchgebrannt sei. Elli (die zweite Geschichte)  ist allerdings rasend eifersüchtig auf Lempi und will Viljami und die beiden existierenden Kinder für sich. Sie sieht sich als die wahre Ehefrau von Viljami aber entpuppt sich, je länger sie über sich schreibt, auch psychisch als vollkommen daneben. Die dritte Geschichte schreibt Sisko, die Zwillingsschwester von Lempi. Die beiden hübschen Mädels sind behütet aufgewachsen, gut ausgebildet, aber eben mit unterschiedlichen Temperamenten ausgestattet. Als Lempi heiratet bleibt Sisko allein und orientierungslos zurück, geht dann tatsächlich mit dem deutschen Wehrmachtsangehörigen Max kurz vor der Kapitulation nach Deutschland, wo dann Max schnell nichts mehr von ihr wissen will. Sisko strandet also im zerbombten Hamburg als Finnin vollkommen entwurzelt und traut sich erst spät wieder zurück in ihre Heimat. In allen drei Geschichten geht es also um Lempi und um ihre unterschiedlichste Betrachtung! Um emotionale Nähe – von unendlicher, fast schon pathologischer Liebe (Viljani), zum irrationalem Hass (Elli) um dann im dritten Teil (Sisko) alles wieder erden zu lassen. Die Figuren sind, bei aller Grausamkeit des Krieges und den entsprechendem Chaos, wohltuend klar gezeichnet! Gut zu lesen und sind auch nur 220 Seiten!


Wilde Freude
Sorj Chalandon, dtv

Also der Mann traut sich was. Respekt. Denn „Wilde Freude“ ist auf dem ersten Blick ein Frauenbuch, und bleibt es auch im Zweiten. Was nicht heißt, dass ich diesen Roman nicht auch einem Mann empfehlen würde. Er kommt aber hier kaum vor, und wenn, schlecht weg. Vor allem Matt, der Geschäftsmann und Angsthase, der vor den Problemen seiner Frau davon läuft, weil er das „alles nicht aushalten“ kann. Es geht um die Brustkrebserkrankung seiner Frau Jeanne, die ihre Bestimmung bisher als Angestellte in einem beschaulichen Buchladen gefunden hat. Aber durch zwei schlimme Ereignisse in ihrem Leben, der frühe Tod ihres gemeinsamen Kindes Jules und eben der Krebs, gerät ihre Welt ins Wanken. Sie merkt aber, dass sie sich von diesem Mann lösen muss und trifft, ziemlich zufällig während der Chemobehandlung auf eine Frauentruppe, die von nun an ihre „Bezugsgruppe“ wird. Assia, Brigitte (ein Paar) und (die jüngste dabei) Mélody, hat das Schicksal zusammengeführt. Doch ich komme noch mal auf die Ich - Erzählerin Jeanne zurück und die Beschreibung ihrer Krankheit; auf den psychischen und physischen Horror, das Warten auf Diagnosen, die Endzeitgedanken, die ersten körperlichen Anzeichen, die Leiden während einer Chemo, das ist alles so intensiv und nah beschrieben, dass sich der Autor bei der Recherche zu diesem Roman, lange und oft mit Frauen und den jeweiligen Krebsschicksalen befasst haben muss. Ist vielleicht ein alter Hut in der Krebstherapie und bekannt, aber eben hier sehr eindringlich beschrieben. Nun, die vier bilden so eine Art WG und hecken einen Plan aus, der so genial wie lukrativ ist. Und vor allem ein Ziel hat: „Das hübscheste Mädchen der Welt“ zu retten. Die angeblich ganz übel entführt worden ist, nämlich von ihrem Vater nach Russland verschleppt um quasi Mélody mit ihrem Krebs im Stich zu lassen. Üble Geschichte.  Und Mélody, die junge Mutter,  habe nur die Wahl, das Kind zurückzukaufen. Das angeschlagene Frauenteam will helfen und wird zu einer „Juwelenbande“! Es kommt zu einem Überfall mitten in Paris. Hier kann man abschweifen um auch nicht zu viel zu verraten. Das Ganze ist irgendwie auch ein Plädoyer fürs Leben, ein Mutmacher, es gibt immer eine Zukunft. Neulich habe ich gelesen bei Lutz Seiler in seinem Roman Kruso: „Tief im Verhängnis steckt die Verheißung“. So etwa würde ich es ausdrücken. Wunderbare Dialoge der Frauen, voller Sarkasmus, Willen und intensivsten Momenten, machen diesen Roman zu einem Erlebnis.


Elbwärts
Thilo Krause, verlag hanser

Also, ich sage es mal ganz vorsichtig: man könnte vermuten, ich hoffe, ich liege vollkommen falsch, der Autor und Ich Erzähler Thilo Krause hat oder hatte eine schwere Zeit hinter sich, so in Richtung Melancholie und Depression, und seine in Anspruch genommene psychotherapeutische Begleitung hat ihm geraten, alles mal aufzuschreiben. Da war das Ganze wohl noch nicht als Roman gedacht, aber es entpuppte sich nach und nach als Möglichkeit, sich von seinem traumatischen Ballast zu befreien. Ich meine, das Buch bei aller romantischer Naturnähe, zieht einen doch ziemlich runter. Es ist die Geschichte zweier Jugendfreunde, die in der DDR aufgewachsen sind, und zwar in der Nähe des Elbsandsteingebirges im südlichen Sachsen an der Grenze zu Nordböhmen, also der damaligen Tschechoslowakei mit der Elbe als Grenzfluss! Diese bizarren Felsformationen waren für Vito und dem Erzähler – er bleibt immer ohne Namen – das geheimnisvolle Rückzugsgebiet. Auch von der Schule und den Jungen Pionieren, und all dem Scheiß. Hier atmeten sie tief die Freiheit ein, die Natur, die Wolken, geheimnisvolle Baumkronen und Wipfel und eben die Steine und Felsen. Sie krochen durch Spalten und Kamine und fanden Plätze und Höhlen, die vor ihnen wahrscheinlich nie jemand betreten hat. Bei einem dieser Abenteuer gibt es beim Klettern ein Unglück und Vito verliert nach seinem Absturz ein Bein, bzw. es bleibt nur noch ein Stumpf nach verpfuschter OP. Der Erzähler lebt fortan im Banne dieser Geschichte, löst sich aber irgendwann aus dieser Gegend, die undeutlich bleibt, denn die Stadt in der Nähe heißt die-Stadt-die-keine-ist und das etwas höher gelegene Dorf seiner Kindheit  bleibt auch namenlos. Eines Tages kommt er, rastlos geblieben, zurück, wohl irgendwann nach der Wende. Wo immer er war. Er hat eine Familie gegründet, hat also seine Lebensgefährtin Christina und „die Kleine“ dabei, voller Sehnsucht nach Obstbäumen und Natur. Sie finden ein passendes Häuschen mit Obstgarten und Christina eine Stelle als Ärztin in der Stadt-die-keine-ist. Der Erzähler verbringt seine Tage mit der Kleinen, immer von einer diffusen Angst getrieben, auch wenn er sie im nahe gelegenen Kindergarten abgibt, beobachtet er seine Tochter versteckt hinter Hecken. Ansonsten läuft er barfuß durch die Gegend, hat lediglich Kontakt zu Jan, einem tschechischen Touristen Busfahrer. Es sind eigentümliche Streunereien und Strecken, die er da als Sonderling zurücklegt, auch wieder auf die Klippen seines Gebirges. Und irgendwann hat er auch den Mut, sich Vito zu stellen, der Schreiner geworden ist. Die Begegnung läuft aber ohne tiefere seelische Abschürfungen ab. Durch die gespannten Eigentümlichkeiten des Erzählers kommt es auch kurzfristig zur Trennung von Christina und der Kleinen, aber das unglaubliche Elbhochwasser, ich denke es war das Jahr 2002, bringt, wohl der Not geschuldet, alle wieder zusammen. Auch Jan(der Busfahrer), denn sein Haus ist wohl überschwemmt, kommt mit seiner Frau dazu. Das Häuschen liegt hoch genug. Über dem ganzen Roman liegt ein atmosphärisches Misstrauen, welches sich auf Land und Leute überträgt. „Fremd im eigenen Land“ ist schon oft gesagt worden. Aber richtig klar kommt der Erzähler nicht, bzw. er kommt mit sich und der Welt nicht weiter. Vielleicht sind noch ein paar weitere therapeutische Gespräche vonnöten. Also schwer zu empfehlen. Man merkt das auch, dass ich so viel schreibe über einen Roman, der bei aller Beobachtungsgabe, seltsam distanziert bleibt und ich so recht keinen Andockpunkt finde.


Der Chauffeur
Heinrich Steinfest, verlag piper

Heinrich Steinfest ist ein von mir hochverehrter, moderner Märchenerzähler. Seine Ideen und Romaninhalte sind bisweilen von absurder Unwahrscheinlichkeit, die aber durch seinen launischen, aber immer hoch unterhaltsamen Erzählstil, ganz plausibel erscheinen. So auch in seinem neuen Werk mit einem Chauffeur, der auf Grund eines tragischen Ereignisses, seinen eigentlich sehr gemochten Job (fährt gern in einem Audi der Extraklasse einen ambitionierten Politiker und Kanzlerkandidaten durch die Lande) eben diesen aufgeben muss. Auf Grund einer falschen, schrecklichen Entscheidung nach einem schrecklichen Unfall. Es sind immer diese bizarren Ereignisse, quasi vorbestimmte Zufälle – die es folglich nicht gibt, weil vorbestimmt – die dem Leben immer eine Wendung geben, die sich Paul Klee, ja so heißt er wirklich, nie hätte träumen lassen. „Zufällig“ trifft er Inoue, die ihm als Maklerin ein Haus zeigt, in dem er fortan seine Vorstellung von der Führung und Gestaltung eines Hotels, realisieren möchte. Inoue, welch eine schicksalhafte Begegnung (einmal mehr), wird zur geliebten Frau und Geschäftspartnerin im „Hotel zur kleinen Nacht“. Und nun beginnt das, was ich anfangs mit modernen Märchen meinte. Eine Relativierung der Zeit, ein astrophysikalisch eigentlich unmögliches Phänomen, bricht in diese Idylle des kleinen Hotels und seiner guten Geister ein. Ein 1957 von den Russen gestarteter Satellit, der erste überhaupt mit einem Lebewesen an Bord (ein Hundchen namens Laika), landet nach über 60 Jahren unweit dieses Hotels im Gelände. Inoue, die schöne Frau mit japanischen Wurzeln, hat zwei Kinder (Iris und Uwe – Zwillinge noch keine 10 Jahre) mit ( in die Beziehung) gebracht, die unweit des „Hotels zur kleinen Nacht“, in einem Dachzimmer nicht nur den Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann als Schlaflektüre vorgelesen bekommen, sondern auch den Absturz der Sputnikkapsel mitkriegen. Sie laufen zur Aufschlagstelle und finden das Hündchen wohlauf. Vorgelesen wird übrigens von Klara einer Angestellten im Hotel, in die sich Inoue ziemlich schnell verliebt. Um den weltweiten medialen Aufruhr zu entgehen, fliehen nun Inoue, Klara mit den Kindern an einen unbekannten Ort.  Paul bleibt zurück und hat mit einer Nachbarin zu tun, die eine zweifelhafte Vergangenheit vorweist, und in deren Falle Paul, und nicht nur er, tappt. Ich will hier aber keine weitere Inhaltsangabe machen, sondern herausstellen, dass es Steinfest tatsächlich schafft, mit den Zufällen, schicksalhaften Begegnungen und wundersamen Umwegen zu spielen und Paul Klee immer dicht bei seinen Abenteuern zu begleiten. Paul entwickelt zuletzt noch eine gewisse Neigung zum Tennisspiel, bleibt aber bei all seiner Neugier die Fäden zu entwirren, im Grunde ein tragischer Held und ein trauriger Ritter. Irgendwie verrückt das alles und am Ende, das will ich nicht unerwähnt lassen, quält sich die Geschichte ein wenig der letzten Seite entgegen. Fehlte nur noch…wenn sie nicht gestorben sind…

Aber wie man so schön sagt: lass ich nix drauf kommen!


Hope Hill Drive
Garry Disher, verlag union

Ja, ich habe das Buch zu Ende gelesen. Muss aber sagen, dass das ziemlich anstrengend war. Der Roman ist von so vielen unterschiedlichen Personen und Handlungssträngen durchsiebt, dass man gut daran getan hätte, so eine Art Soziogramm, wer ist wer, und wer kann mit wem und warum…etc., zu erstellen. Einfach um den Überblick zu behalten. Grob gesagt passiert folgendes: Constable Paul Hirschhausen wird in Australiens outback versetzt. In eine von der Sonne verdörrte, staubige Kleinstadt weit im Hinterland, im Südwesten von down under. Der Grund seiner „Strafe“ war wohl, dass er einer korrupten Gruppe angehörte, oder was auch immer. Jedenfalls ist er nach wie vor ein guter Cop und macht seine verschwitzte Arbeit, so gut er es eben kann. Kleine Dealer, Alkoholismus, Schlägereien, bestimmen seinen Alltag. Das wird anfangs sehr breit erzählt und dient wohl auch dazu, die beteiligten Protagonisten vorzustellen. Einer davon ist von Anfang an verdächtig, allein wegen seiner negativen Attitüde: Martin Gwayne. Irgendwann werden die Vorfälle ernster und es geschehen merkwürdige Dinge. Eine Ponymetzelei , Entführungen, schwere Einbrüche und sogar Morde. Ein ominöses Zeugenschutzprogramm bringt dann das ganz große Kino der Kriminalisten aus Sidney nach Tiverton, so heißt der flirrende Flecken. Aber unserem lonesome Sherrif Paul obliegt es nahezu alleine, die ganzen Stränge zu entwirren, Kinder zu retten und die Schuldigen zu entlarven. Ein paar weniger Vornamen bzw. player in diesem Roman hätten es auch getan. Was mich allerdings sehr beeindruckt hat, ist die Beschreibung der sonnenverbrannten Erde und der schlangenverseuchten Landschaften im outback. Da kriegt man richtig Durst.


Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise
Jean-Paul Dubois, dtv

Was für ein wundervolles Buch. Das Schönste daran ist, dass es sich entwickelt. Und immer besser wird. Und am Ende weiß man, dass es von Anfang an gut war. Von einer nahezu beiläufigen Knastgeschichte (zwei Gefangene teilen sich eine Zelle in einem Knast bei Montréal) wird dieser Roman nach und nach zu einem epischen Feuerwerk mit wundervollen Formulierungen, erstaunlichsten Wendungen, existenzphilosophischer Betrachtungen und großer Gefühle. Paul Hansen, der Ich-Erzähler, hat als Zellengenossen einen verurteilten Rabauken der Hells Angels und – welch Wunder – auch diesen fängt man nach und nach an, zu mögen. Mit einer ungeheuren Liebe zum Detail entwirft Jean-Paul Dubois je ein Bild  und eine Geschichte dieser beiden ungewollt Zusammengepferchten. Und das ist alles nicht nur spannend aufgebaut, es hat eine literarische Dichte, Tiefe und Produktion, von der man sich gerne leiten lässt. Abwechselnd beschreibt Dubois  Paul Hansens Heranwachsen und seinen bisherigen Weg um dann eben diesen Paul Hansen über den verurteilten Biker erzählen zu lassen. Von Toulouse, wo Hansen als Sohn einer Kinobetreiberin und eines ursprünglich aus Dänemark kommenden Geistlichen in den sechziger- und siebziger Jahren aufwächst, bis eben nach Montréal, wo Paul Hansen als eine Art Hausmeister, bzw. Mädchen für alles, in einem Wohnprojekt für ältere, betuchte Leute, seinen Lebensunterhalt verdient. Dazwischen liegen Jahrzehnte voller Erlebnisse, Wirrungen und Sackgassen, in der vor allem sein Vater, der aus welchen Gründen auch immer, nach der Trennung von seiner lebenslustigen und smarten Kinofreundin und Frau als Pfarrer in einem frankokanadischen Nest landet, welches ein Inbegriff unglaublichster Naturzerstörung ist: denn hier wurde Asbest abgebaut. Paul zieht irgendwann zu ihm und steht seinem Vater bis zuletzt bei, als dieser vor sich und der Welt kapituliert. Souverän und doch eindringlich genug, mit scharf konturierten Figuren und Ereignissen, mit tiefer Liebe zur Natur und Schöpfung, mit Anleihen aus indianischen Mythen, lernen wir im letzten Teil des Buches nicht nur Pauls große Liebe kennen, Winoda, eine kanadische Halbindianerin, sondern auch den Grund für seine Verurteilung. Ganz große Literatur!


Schatten der Welt
Andreas Izquierdo, verlag dumont

Vor allem erst einmal Respekt!!! Dieses Buch zu schreiben und dabei auch nur halbwegs die geschichtlichen Zusammenhänge möglichst objektiv im Blick zu halten, ist aller Ehren wert. Und dabei noch inmitten dieser aufkommenden Wirren, die mit dem 1. Weltkrieg enden, noch eine wunderbare Geschichte zu pflanzen, ist große Kunst. Ich äußere mich ja recht selten so im Superlativ. Aber hier muss ich es. Drei jugendliche Freunde, namens Isi, Artur und Carl, in einem mir vorher unbekannten Städtchen Westpreußens namens Thorn, schwören sich, sagen wir es mal etwas vergeistigt, ewige Treue und Freundschaft. Alle drei wachsen recht unterschiedlich auf, aber einig sind sie in ihrem wachen Geist und im Misstrauen gegen Obrigkeit, Willkür und Schinderassabum! Das ist das große Glück an diesem Buch: es bringt Dir, weil exzellent recherchiert, den Niedergang der feudalen, ausbeuterischen und überkommenden Machtstrukturen der Zeit vor 1914 nahe. Die monarchistische Denke, das Fürsten- und Adelsgehabe, die Beamtenhörigkeit und die bittere Armut. Und im Angesicht des furchtbaren Gemetzels mit 25 – bis 50 Millionen Toten (inkl. der spanischen Grippe), birgt und zeigt er auch den Samen der Revolution, die dann später, zwar nicht mehr im Roman verbalisiert (1919 Matrosenaufstand, f.f.,) Könige und Kaiser stürzen ließen. 1910 allerdings läuft es noch einigermaßen rund in Thorn - und ein Komet, namens Halley, der, ich glaube so alle 74 Jahre bei uns anklopft, streift grad mal wieder auf seiner Bahn die Erde. Das bringt die drei zu einer ersten Geschäftsidee. Sie verkaufen Pillen gegen den Weltuntergang. Später gründen sie ein Fuhrunternehmen und alles hätte einigermaßen so weiter gehen können, wenn die Hurraidioten dieser Welt nicht mal wieder den Patriotismus pervertiert hätten. So wird Carl, der Schneidersohn, als Dokumentarfotograf erst Glanz und Verlogenheit – später Tod und Grausamkeit ablichten. Artur muss direkt an die Front und Isi bleibt in Thorn in der Nähe ihrer Familie, mit der sie zwar gebrochen hat, aber erst ihren Frieden findet, bis sie ihren furchtbaren Vater vernichtet hat. Ich könnte noch weiter ins Detail gehen. Fakt ist, dass man die ganze Zeit auf der Seite der drei Freunde steht und mit ihnen bangt und schlucken muss, je furchtbarer die Geschichte voranschreitet. Unbedingt lesen!


Laufen
Isabel Bogdan, verlag KiWi

Ich kann es ganz kurz machen und sagen: unbedingt lesen! Weil jeder vielleicht mal in so eine Situation kommt, bzw. schon war, oder jemand kennt, der in solch ein Trauma unvorbereitet rein marschiert, für alle die dann helfen -  und dabei auf keinen Fall was falsch machen wollen. Es bringt einem auch die furchtbare Krankheit „Depression“ wieder aufs Tablett und ich weiß, dass jeder von uns mindestens mit einem seelischen Schnupfen, einer Melancholie oder, warum nicht, mal mit einem burn out zu tun hatte. Kurz, wenn man  kurz davor ist in ein Loch zu fallen, in die Schwärze, die einem den Boden wegzieht. Unbedingt lesen, wenn man in einer Partnerschaft lebt  und weil man deshalb aufeinander aufpassen sollte. Und es sollten alle die lesen,  die die Hoffnung nicht verlieren sollten, dass man aus diesem ganzen Tief auch wieder ans Licht kommt. Ein bewegendes, teilweise erschütterndes Drama. Man ist nah dabei und erkennt sich wieder. Die Gedanken die man nicht hat, sondern umgekehrt -  die Gedanken haben einen. Eine Kirmes  im Kopf, ein ganzer Jahrmarkt von Gedankenkenketten, die man vor sich hin denkt, ohne einen Einfluss darauf zu haben. Doch wie gesagt, das Büchlein zeigt auch auf, wie es gehen könnte: Laufen. So und jetzt ab zum Buchhändler des Vertrauens „laufen“ und „Laufen“ kaufen.


Serotonin
Michel Houellebecq, verlag dumont

Faszinierend ekelhaft fand ich gleich ziemlich zu Anfang dieses weltverneinendes  Werks, die Szene, bei der der Protagonist, der  Agraringenieur Florent-Claude Labrouste, Ich Erzähler und auf allen Ebenen des Lebens  auf dem absteigenden Ast, in langer Widerwärtigkeit, die pornographischen Kapriolen seiner letzten Lebensgefährtin Yuzie, Japanerin, beschreibt. Ich denke, man kann ab hier getrost das Büchlein an die Seite legen. Ich würde es verstehen. Aber mit zunehmender Lektüre entblättert sich der Michel Houellebecq den ich seit „Ausweitung der Kampfzone“ und zuletzt „Unterwerfung“ kenne und mag. Houellebecq und Virginie Despentes („Das Leben des Vernon Subotex“) sind die beiden Vertreter eines Genres, die Weltliteratur schreiben in dem sie den Überdruss eben an dieser Welt genau formulieren. Florent-Claude setzt sich in seinen Mercedes Geländewagen und fährt seinem Unglück vor oder nach. Seine verflossene Liebe zu Camille durchzieht das ganze Buch und endet fast mit einem Aufschrei des Lesers! (So war es zumindest bei mir -Wenn er das jetzt auch noch macht-)  Es ist, wie so oft bei Houellebecq, eine Art Endzeitroman, depressiv und grausam, aber gleichzeitig hoch analytisch. Man kann sich nicht wehren gegen so einen großen Literaten: man liest zu Ende und freut sich über seinen eigenen Rest an Lebenslust und Neugier, die unserem dahinscheidenden Agraringenieur völlig abhanden gekommen ist. Bitte selbst lesen und nicht einfach verschenken oder empfehlen!


Offene See
Benjamin Myers,  verlag dumont

Dies ist ein Tipp des  Buchhändlers meines Vertrauens. Er hat sich bei mir selten geirrt. Bei „Offene See“ war ich anfangs nicht so sicher, vielleicht lag es daran, dass uns momentan so viel quält, eben die Corona Auswüchse in allen Bereiches des Lebens. Aber nach und nach, und das ist das Gute bei der Literatur, vergisst man zeitweise über die Lektüre den ganzen Scheiß um sich herum. Es ist die Geschichte (als Ich-Erzählung) des Robert Appleyard, der sich 1946 auf den Weg macht. Ich betone „auf den Weg macht“! Denn darum geht’s: er verlässt nach den traumatisierenden Kriegsjahren als 16 Jähriger sein Elternhaus in Nordengland, die Gegend der Schlote und Kohlereviere - weil  Robert eben (noch) keine Lust hat  auf den Schacht, wie vorher sein Vater, etc.. Er wandert seiner Nase nach und erreicht irgendwann das Meer. Unterwegs lebt er als Tagelöhner, Erntehelfer, Zimmermann, eben alles was so kommt. Eines Tages folgt er einem Pfad, der immer dichter und undurchdringlicher wird und doch liegt überraschenderweise am Ende des Weges ein Häuschen. Dulcie lebt hier, doppelt so alt wie Robert und wie sich nach und nach herausstellt, über alle Maßen klug und unkonventionell. Sie lädt Robert ein zum Tee, als hätte sie schon immer auf ihn gewartet. Und nun entwickelt sich das, was in der Literatur häufiger vorkommt (z.B. „Das Labyrinth der Wörter“ von Marie-Sabine Roger): Robert  wird „eingewiesen“ in Lebenskunst und Lyrik. Hier geht es nicht um Erotik oder Liebe oder dergleichen, es geht um den Blick in den Garten, aufs Meer, in die Welt. Robert ist anfangs noch etwas vorsichtig, denn er glaubt ja tatsächlich noch nicht, dass hier sein Weg zu Ende ist. Aber er wird wieder hier enden. Ist eine schöne Sommerlektüre mit dem Hang zum Pathos für Natur und Lyrik. Aber das habe ich ja auch. Ein Zitat aus „Offene See“ habe ich mir zu Herzen genommen und einen Text daraus gemacht. Zu finden auf meiner homepage www.fred-ape.de/Textbuch Titel „Alles auf null“. Ich zitiere wörtlich: „Dann lass uns das Tagebuch wegwerfen, den Kalender verbrennen, die Uhren zertrümmern und stattdessen so tun, als wäre das Heute endgültig!“ Besser kann auch ich es nicht sagen!


Unterleuten
Juli Zeh, verlag btb

Da war mal wieder so eine Situation, dass ich grad „nichts anderes“ zu lesen hatte und dort eben „Unterleuten“ lag. Ich muss dazu sagen, dass ich den Film kurz vorher gesehen habe und diesen schon sehr gut fand. Also habe ich eigentlich nicht mehr viel erwartet. Aber weit gefehlt. Der Roman lohnt sich auf allen Ebenen. Ein Gesellschaftsdrama, eine Spiegel unseres Daseins, eine Bestandsaufnahme unserer Republik und deren Protagonisten aus den verschiedensten Schichten. Alles konzentriert sich hier im Brandenburger Dorf Unterleuten und egal wer grad „dran“ ist im Roman, es gibt viele Hauptrollen (bleiben wir mal verbal bei der filmischen Umsetzung) und alle sind charakterlich scharf gezeichnet und nachvollziehbar. Man fragt sich unwillkürlich, welche Figur man selbst gespielt hätte, wenn einen der Zufall, oder ein Aussteiger-Traum oder der Job, in dieses Desaster - Örtchen gespült hätte. Nebenbei kommt die ganze DDR Traumatisierung mit falschen Idealsimen und dämlichster Hochliebe zum Tragen und ebenso der (bewusst) überzeichnete Wessi, als Eroberer und Beute machender Arrogant! Ich bin von Juli Zeh genauso beeindruckt worden wie damals von Dörte Hansens  „Altes Land“. Großartige, kluge Unterhaltung.


Marzahn mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin
Katja Oskamp, verlag hanser 

Fußpflege, tja – ein schattiges Thema. Sollte ich mal machen, wär nicht verkehrt. Mal sehen, ob ich dann auch auf so jemanden treffe wie unsere Protagonistin aus diesem wunderbaren Buch. Wenn es die Berufsbezeichnung „Geschichtensammlerin“ geben würde, Katja Oskamp hätte ihre Meisterprüfung mit Bravour bestanden. Dieser Fußpflegesalon im Erdgeschoss eines DDR Plattenbaus in Berlin – Marzahn, ist ein Fundort für unspektakuläre, und deshalb vielleicht doppelt interessante Lebensläufe, Träume und Biographien von Menschen, die aus völlig unterschiedlichen Hinter- und Beweggründen die Fußpflege besuchen bzw. brauchen. Einer Fußpflegerin, die die Füße ihrer Kunden liest, kann man wenig vormachen. Der Fuß ist wohl irgendwie auch der Spiegel einer Persönlichkeit. Sag ich jetzt mal einfach so, stimmt bestimmt irgendwie. Aber ist auch egal. Katja Oskamp weiß uns die Charaktere nahe zu bringen; es ist immer klar, dass eine große Menschlichkeit dahinter steckt. Da gibt es keinen Ekel oder Angst vor „alten Füßen“. Die Geschichten kommen von ganz alleine, die Kundinnen und Kunden rekrutieren sich meist aus ehemaligen Ostberlinern, also DDR sozialisierte Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten. Die Natur der Sache bringt es mit sich, dass wir es meist mit älteren Damen und Herren zu tun haben, die ihrerseits, ob ihres fortgeschrittenen Alters, eine Menge erlebt haben. Voller Mitgefühl und wenn es notwendig ist mit einer Prise Humor, beschreibt Katja Oskamp die Menschen, ohne jemals urteilen oder zu klassifizieren. Schöne Bonbons sind auch dabei, wenn sie Kinderfüße betreut, was in seiner Beschreibung, dieses Buch voller Empathie, zu einer Glanzleistung macht. Ganz nebenbei lernt man auch ein wenig DDR Geschichte aus neuen Blickwinkeln. Hier steht der Mensch im Mittelpunkt. Schönes Buch!

 

Kühn hat zu tun
Jan Weiler,  verlag piper

Dies wird eine relativ kurze Rezension. Ich möchte die geneigten Leser darauf hinweisen, sich meine Kritiken von „Kühn hat Ärger“ und „Kühn hat Hunger“ zu Gemüte zu führen. (Beides in meiner „Bücherkiste" zu finden) Die Jan Weiler Bücher Nr. 2 und Nr. 3 sind genauso klasse, wie dieser erste Band. Mit Ausflug in die Kriminalpsychopathologie, alles inklusive. Die Geschichte kurz: in Kühns Siedlung – mit Mühe hat die Familie Kühn ein Häuschen auf der „Weberhöhe“ finanziert (und muss sich fortan mächtig strecken) - wird in unmittelbarer Nähe von Kühns Häuschen eine Mann ermordet aufgefunden. Diese „Weberhöhe“, ursprünglich als Münchner Wohnvorzeigeprojekt errichtet, steht allerdings auf kontaminiertem Gebiet, denn da war mal eine Nazi- Munitionsfabrik drauf. Es entspinnt sich eine verrückte (!!!) Geschichte und Martin Kühn wird auch langsam bekloppt. Es passiert auf einmal so viel in Kühns Leben, dass ein nie bewältigtes Trauma aus der Kinderzeit, sowohl zur Lösung des Falles beiträgt als auch den Kommissar in eine Kur mit Psychotherapie befördert. Keine Angst – Kühn kommt wieder. Die beiden nächsten Bände sind längst auf den Markt und wir erleben Kühn dann wieder relativ stabil. Ich schätze seinen Scharfsinn und die existenzphilosophischen Betrachtungen zwischendurch. Man lernt mehr an soziologischen Dramen als einem lieb sein kann. Jan Weiler hat meine Hochachtung.

 

Kühn hat Ärger
Jan Weiler,  verlag piper

Fast hätte ich jetzt gesagt - „leider“ - bin ich mit der dritten Episode von Jan Weilers Hauptkommissar Martin Kühn angefangen. Aber weil ich das dritte Buch auch schon so klasse fand, lese ich eben rückwärts und es funktioniert genauso gut. Ich kann ja jetzt schon verraten, dass ich den ersten Band „Kühn hat zu tun“ mittlerweile auch schon gelesen habe. Normalerweise ist das ja üblich bei Krimis, vor allem bei deutschen, dass die Kommissare irgendeine brüchige Vita vorweisen, geschieden sind, vielleicht sogar Alkoholiker und trotzdem brillant unterwegs sind - und/oder da ist meist noch irgendwo eine erwachsene Tochter, die sich Sorgen um den verwahrlosenden Vater macht, etc. Hier ist alles anders: die Familie Kühn ist eine von uns – mit den gleichen Sorgen und Nöten, Träumen und finanziellen Stemmereien oder pubertierenden Heranwachsenden, die irgendwie zu bändigen sind. Das Jan Weiler in der Lage ist, so aus der Mitte der Gesellschaft zu schreiben, macht die große Klasse dieses Autors aus. Man wird automatisch, vor allem als Mann, Freund von Martin Kühn. Von der Geschichte, und warum Kühn Ärger hat, will ich gar nicht so viel berichten. Es geht um die grausame Hinrichtung eines Jugendlichen. Die Recherche führt Kühn in die Welt der Schönen und Reichen. Die, was wir uns schnell vorstellen können, gar nicht so toll ist. Aber lesen Sie selbst. Für mich sind Kühns existenzphilosophische Betrachtungen über das Leben, den Sinn und die Suche nach Zusammenhängen, so zwingend gut geschrieben und machen die Klasse aus. Es ist natürlich klar, dass Martin Kühn eine ganz spezielle Art hat, Fälle zu lösen. Er kann die Menschen lesen, er weiß wo die Widersprüche sind und führt „den Täter“ behutsam dazu, in die Falle zu laufen. Das Kommissar Kühn im Präsidium nicht nur Freunde hat, ist klar. Aber ich bin seiner. Hauptsache!

 

Virulent
Christoph Brüske, verlag BOD-Books on Demand

Kabarettkollege Christoph Brüske legt ein Büchlein auf und zwar 1. zur richtigen Zeit, 2. mit den richtigen Themen und 3. dazu noch hoch unterhaltsam. Wenn ich auch gleich einschränken möchte, dass mir Brüske live auf jeden Fall genauso lieb - nein, ganz ehrlich, lieber ist. Denn ich habe bei aller Knappheit der wunderbaren auf den Punkt geschrieben Szenen, auch gleich immer das Theater im Auge und im Ohr und stelle mir die zahlreichen Pointen vor, die, wohlgesetzt – eben gut produziert – mit den kleinen nötigen Pausen, wie es sich dramaturgisch gehört, von der Bühne perlen. Das kann er nämlich gut, der Christoph. Trotzdem sind diese satirischen Kurzgeschichten ein Spiegelbild dieser unglaublichen Zeit und Brüske lässt uns verstehen und lachen, oder umgekehrt. Bei allem Spaß steckt hinter jeder noch so kleinen Story die politische Ernsthaftigkeit eines sich Sorgen machenden Zeitgenossen, dessen großes Glück, und eben auch unseres, es ist, auf der Bühne stehen zu können. Im Moment zwar nicht, aber er hat die (freie) Zeit auf jeden Fall genutzt, seine Gedanken zu notieren und dem ganzen Ernst, der Wut, der Beklopptheiten, der Verschwörungstheorien, der Gier, und was weiß ich was uns alles so umtreibt, seinen Humor entgegenzuwerfen. Dabei merkt man die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung mit dem Virus und seinen Folgen. Und wie wichtig es ist, nicht irgendwelchen Algorithmen zu folgen, sondern sich die Information selbst und verantwortlich zusammenzusuchen. Eine Antwort gibt es nicht, ebenso wenig wie einen Impfstoff, aber es gibt eine Haltung. Wie heißt es so schön: „In Krisenzeiten suchen die Intelligenten nach Lösungen, die Idioten suchen einen Schuldigen“. Empfehlenswert.

 

Das Netz
Lilja Sigurðardóttir, verlag dumont

Island in Zeiten der Finanzkrise. Dieses Land war sich zu lange sicher in allem, was man so als Bild in der Welt abgab. Thermische Verhältnisse machten die Insel zwischen Amerika und Europa energietechnisch unabhängig und die wilde unberührte Natur lockte jede Menge Touristen an. Hätte alles gut so weiter gehen können, doch auch in Reykjavik war auf einmal die Gier angesagt. Die Banken verspekulierten sich in dieser unsäglichen Derivaten- und Spekulationsblase, so dass das Land pleite war. Nach und nach geht es an die Aufarbeitung und die Suche nach der Schuld. Arga, eine der Protagonistinnen in diesem Roman, war eine große Nummer im Bankengewese und hat kräftig mitgemischt und sitzt nun während des ganzen Buches immer in irgendwelchen Verhören. Damit kommt sie klar, sie war und ist in diesen Dingen eiskalt. Womit sie nicht klar kommt, ist die Beziehung zu Sonja, mit der sie im Bett von Sonjas Ehemann Adam und Sohn Tomas erwischt wird. Sonjas Ehe scheitert daraufhin und Sonja hält sich nun mit Drogenkuriergeschäften über Wasser, bzw. sie will das solange machen, bis sie wieder Boden den Füssen hat und ihren Sohn Tomas „zurückholen“ kann. Nun ist Kokainschmuggel zwischen dem Festland und der Insel auch nicht so einfach und sie gerät in den Focus eines achtsamen Zollbeamten kurz vor der Rente. Es soll sein letzte große Entdeckung werden. Es geht hier um Millionen und natürlich sind auch die gleichen Verbrecher darin verstrickt, die auch schon kräftig beim Bankencrash ihre Finger drin hatten. Das alles ist zügig erzählt. Mir fehlt allerdings der Zugang zu den Protagonisten, irgendwie lässt einen die ganze Nummer kalt. Vielleicht Bragi, der unermüdliche Zollbeamte erregt noch Anteilnahme, lebt doch seine geliebte Frau, an Alzheimer erkrankt, im Heim. „Das Netz“ ist etwas zu laut angekündigt, und ist bei weitem nicht so spannend wie auf dem Buchcover („Thriller des Jahres“) angepriesen. Das merkt man daran, dass man sich nicht unbedingt freut, weiterzulesen, sondern durchaus zwischendurch in anderen Büchern stöbert. Ich habe es schließlich zu Ende gelesen und sage, da muss mehr kommen.

 

Kruso
Lutz Seiler, verlag Suhrkamp

Dieser Roman verlangt einem einiges ab. Vor allem Zähigkeit und das Bedürfnis, trotz aller epochaler Epik, das Buch zur Seite zu legen, weil: zu anstrengend. Lutz Seiler schriftstellerische Ambitionen erinnern mich ein wenig an Günter Grass, z.B. „Der Butt“! Dieses Buch habe ich auch irgendwann nicht weiter gelesen, ich glaube, ich hatte einfach nicht die nötige Zeit, den Autor verstehen zu müssen und dessen Ausdrucksweise und überdimensionierte Lyrik. Der Hauptteil des Romans spielt auf der Insel Hiddensee, diesem Wurmfortsatz von Rügen, in der damaligen DDR Ostsee. Ausgangspunkt für Fluchtgeschichten freiheitsliebender DDR Entsager, aber auch Todesfalle, Sehnsuchtsort mit mystischem Hintergrund. Ed Bendler strandet hier eines Tages, weil er ein schweres Trauma erlebt hat. Er trifft auf Alexander Krusowitsch – genannt Kruso. Kruso ist auf der Insel der Herr der Schiffbrüchigen. Der Pate, Held und eine Art Anführer, der dafür sorgt, dass die Entbehrungen und Träume der gebeutelten Außenseiter, die der starren DDR Ideologie fliehen wollen, kurzzeitig eine Heimat finden. Ein bisschen alles wie damals in dem Roman „Der Strand“ von Alex Garland, (verfilmt mit di Caprio). Hier kamen auch Gesellschaftsflüchtlinge an, die aber nach einiger Zeit erfahren mussten, dass die Rituale und Strukturen ebenso autoritätsgläubig waren wie die, aus denen sie fliehen wollten. Ed und Kruso arbeiten ganz im Norden der Insel beim „Klausner“. Oberflächlich ein Ausflugslokal aber innen brodelt es von Schiffbrüchigen und surrealen Gestalten. Auf Deutsch auch „Saisonarbeiter“. Und da der Roman vor allem im Sommer 1989 spielt ist es dann auch nicht verwunderlich, dass es im November auch auf Hiddensee zu einer Art Showdown kommt. Das ist banal hingesprochen. Sorry dafür. Denn, wie ich schon eingangs erwähnte, ist „Kruso“ ein Roman geballten Wissens und von exzellenter Klugheit in Lyrik und Zeitgeschichte. Eine Story von der Sehnsucht nach einer Utopie der Freiheit und eine von den traumatischen Verlusten von geliebten Menschen. Ein Satz wird mir, weil wir uns ja in Coronazeiten befinden und grade jeder halbwegs Intellektuelle zitiert „In jeder Krise steckt eine Chance“. Lutz Seiler formuliert das nahezu biblisch: „Tief im Verhängnis steckt die Verheißung“. Der Roman endet in Kopenhagen, wo in den Katakomben und Archiven Dänemarks, eine Auflistung der gelungenen und vor allem der gescheiterten Fluchtversuche aus der DDR existiert. Hier sucht Ed den Endpunkt der Geschichte um selbst wieder ruhig atmen zu können.

 

Dankbarkeiten
Delphine de Vigan, verlag dumont

Selten habe ich mich über so ein Buch voller Liebe, Zugewandtheit, Nähe, Wärme und Liebe gefreut. Man fühlt mit den drei Hauptpersonen. Es ist so intensiv, dass man sich die ganze Zeit fragt, wo leben wir eigentlich grade? Und warum ist der Umgang mit unseren älteren Mitmenschen, eben die, die aufgrund von irgendwelcher Gebrechen - körperlicher, psychologischer oder gar neurologischer Art – so kalt in unserer Gesellschaft? Marie als letzte und einzige Kontaktperson begleitet Michka, hochbetagt, in eine nunmehr notwendig gewordenen Pflegeinrichtung. Michka war die Ziehmutter von Marie und so sorgt sie sich sehr um Michka, deren Sprachvermögen nachlässt, so eine Art Wortfindungsstörung, bei der sie, wenn sie nicht mehr das Originalwort formulieren kann, sie durch Gleichlautende ersetzt. So werden „Bewohner“ zu „Dragoner“ oder „leben“ wird zu „sehen“ oder „Problem“ zu „Ödem“. Jerome ist der Dritte Beteiligte. Er ist Logopäde in diesem Pflegeheim und „verliebt“ sich ein wenig in die alte Dame Michka, weil er merkt, da ist noch was, was sie bedrückt. Eine Sache im Leben, die sie noch geklärt haben will. Und tatsächlich schaffen es Marie und Jerome, die sich erst am Ende des Romans real begegnen, Michka zu helfen, indem sie eine Geschichte aufklären, die mit Michkas Kindheit zu tun hatte. Denn sie wurde von Ihrer Mutter auf der Flucht vor den Nazis, bei einem Ehepaar abgegeben, mit der Bitte sich um das (jüdische) Mädchen zu kümmern, bis sie wiederkommt. Michkas Mutter endete im KZ, das ist der traurige Seitenstrang der Geschichte die ansonsten voller Zärtlichkeit und Empathie daherkommt.

 

Fünf Lieben lang
André Aciman, verlag dtv

Lange habe ich mich gesperrt, innerlich gewunden, immer auf dem Weg den Roman zuzuklappen und wegzulegen - und bin dann doch nach und nach in diese Prosa über die Liebe und der Selbstfindung, eingetaucht. Man ist manchmal beim Lesen geneigt zu sagen, man, Pauls (Ich - Erzähler) Probleme möchte ich haben. Aber ich anerkenne natürlich, dass die sexuelle Orientierung manchmal dermaßen schwierig ist, dass einem wie mir, also so ein völliger Normalo unter den Heteros, schwindelig werden kann. Wir begleiten Paul vom 12. Lebensjahr an. Seine gut betuchten Eltern haben in Italien ein Ferienhaus über den Sommer und Paul lernt den Dorfkreativen kennen, ein Künstler am Holz. Also nicht nur ein Schreiner. Bei diesem Giovanni erkennt Paul zum ersten Mal so etwas wie Liebe und Begehren. Endlos, aber gut beschreibt der Autor die Annäherungen an seine „Objekte der Begierde“. Später sind es dann die Erinnerungen an Maud, Manfred oder Chloé und weitere Menschen, unter anderem auch ein ehemaliger Professor eines Philosophieseminars. Dieser stetige Wechsel, mal Mann mal Frau, diese Bisexualität ist gewöhnungsbedürftig, wie gesagt, aber durch die sensible Herangehensweise, diese sprachlichen Ausflüge in die Unendlichkeit der Beschreibung der erotischen Obsessionen und Enttäuschungen, der endlosen Versuche der Annäherungen an den grade geliebten Menschen, verstehen wir, zumindest etwas von dem stetigen Pfeil der Liebe, der umher schwirrt. Paul ist ein Mensch, der sich im „ganz oder gar nicht“ wohl fühlt; es gibt kaum Ruhe, denn irgendein Knistern, in Form eines neuen Herzflimmerns, steht meist schon wieder vor der Tür. Ob im Umkleideraum des Tennisclubs oder auf irgendeiner Hipsterparty in Brooklyn. Keine Kompromisse – wir haben nur ein Leben, aber fünf intensive Lieben. Und wir kosten von dem Wein des Lebens. In diesem Fall in Buchform. Nicht einfach so verschenken, das kann falsch verstanden werden. Also erst selber lesen!

 

Gott wohnt im Wedding
Regina Scheer, verlag penguin

Die Idee könnte aus einem Kinderbuch stammen: ein Haus erzählt seine Geschichte. Berliner Gründerzeit, um 1890, Wedding! Da wurde dieses, damals prachtvolle Haus erbaut. Heute verdammt in die Jahre gekommen und nahezu abbruchreif. Allerdings hat es die Kriege überlebt, aber so wie es aussieht, wohl nicht mehr das heutige Spekulantentum. Es gibt drei Haupterzählstränge: die von Getrud, Leo und Leila. Gertrud, hoch in den Neunzigern, Leo ebenso und Leila die noch mitten im Berliner Alltagsdurcheinander lebt, ausgerechnet als Sozialarbeiterin. (so eine Art Quartiersmanagerin im Neusprech) Gertrud hat seit Jahrzehnten das Haus nicht mehr verlassen, Leo ist aus Israel angereist und Leila, die gar nicht weiß, dass einst ihre Sintifamilie hier gelebt hat. Diese drei tragen die Hauptlast der Geschichten, die von großer, profunder Kenntnis sind! Von der Judenverfolgung, der Sinti und Roma Verjagungen aus und in ganz Europa, des Naziterrors, und der langsamen Inanspruchnahme des Hauses durch alle möglichen Ethnien, zuerst der Wolga- und Russlanddeutschen und heute das prekäre Leben bulgarischer und/oder rumänischer Großfamilien beherbergt. Die Verästelungen und die Tiefe der Beschreibungen mögen manchmal anstrengend sein, es lohnt sich allemal dabei zu bleiben. Das Buch sollte zur Schulliteratur werden, denn selten kommt man in einer Gleichzeitigkeit die heutigen Probleme Israels und der Geschichte des Landes so nahe und noch seltener findet man so rührende Beschreibungen von Freundschaft im Untergrund im Widerstand gegen den Naziterror. Gertrud und Leo, haben das alles gesehen und erlebt und was das menschliche Auge nicht zu sehen oder zu verstehen vermag, das verbindet das Haus selbst mit seinen Worten und raunt uns die schlimmen und die schönen Geschichten aus den Zimmern und Wohnungen und aus den vielen Jahrzehnten zu.

 

Am Tag davor
Sorj Chalandon, verlag dtv

Ein bisschen „Spiel mir das Lied vom Tod“ finde ich hier. Nach 40 Jahren in die Stadt des vermeintlich größten Unglücks seines Lebens - dem Tod des geliebten Bruders - zurückkommen und sich an dem Schuldigen rächen. Michels (16) vierzehn Jahre älterer Bruder Joseph (Jojo) war Bergmann und im Hirn des jungen Michel hat sich ein Gespinst festgesetzt: am Tag des Unglücks, hervorgerufen durch eine schlampige, nur gewinnorientierte Bergwerksleitung, bei dem 42 Kumpel am 27.Dezember 1974, durch eine Schlagwetterexplosion umkamen, hatte Michel als Fahrer des Mopeds, auf dem hinten sein Bruder Joseph saß, glatteisbedingt einen Unfall. Jojo hatte also das zweifelhafte Glück, nicht im Berg gewesen zu sein als die Explosion geschah, sondern am gleichen Morgen auf der Straße zu verunglücken und erst 22 Tage später im Krankenhaus zu sterben. Trotzdem macht sich im Kopf von Michel die Schuldfrage breit, von der er sein Leben lang nicht mehr los kommt. Die Profitgier der Werksleitung war schuld, personifiziert durch den damaligen Schichtführer, den Michel dann nach 40 Jahren gebeutelten Lebens endlich aufsucht. Was dann kommt ist Psychologie und Projektion. Von Rachsucht zum Selbstmitleid, von blinder Wut zu einem Schweigegelübde. Ein nicht leichter Roman über Schuld und Sühne, über Arbeitsethik und alle Formen der Verzweiflung. Düster wie ein Flöz, aber irgendwie doch faszinierend. Eine Stelle wird mir immer in Erinnerung bleiben und zeigt beispielhaft die Raffsucht der Bergbauunternehmen: als eine Witwe die Lohnabrechnung für ihren beim Unglück verstorbenen Mann bekommt, strich die Lohnbuchhaltung die letzten drei Tages des Monats Dezember und stellte sogar noch die Kleidung inklusive Stiefel und sonstigem Material in Abzug! Beklemmende Lektüre!

 

Im Namen der Lüge
Horst Eckert, verlag heyne

Im Schatten der Coronakrise ist es wichtig, die Welt ringsherum im Auge zu behalten. Vielleicht gibt es ja auch mal wieder Zeiten, in denen wir uns wieder um andere Probleme kümmern müssen. Vor allem darum, all die „Notstandsgesetze“ die uns jetzt so bitter aufstoßen, sie aber zähneknirschend über uns ergehen lassen müssen, wieder in eine demokratische Wanne zu legen. Sonst hat uns das Virus nicht nur eine Menge Menschenleben gekostet, sondern auch, na ja sagen wir mal pathetisch, unsere Freiheit! Für diesen Fall wird man durch das vorliegende Buch von Horst Eckert bestens vorbereitet. Das Virus heißt in diesem Fall „Nationalismus“ in Form von Seilschaften, die von dort ausgehen, die eigentlich unsere freiheitliche Grundordnung schützen sollte: vom Verfassungsschutz. Im Laufe der Existenz dieser dubiosen Organisation, sind immer mal wieder – und das nicht erst seit diesem unsäglichen Hans-Georg Maaßen – Sachen ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, die so unglaublich wie wahr waren. Ausgehend von dem leicht populistisch geprägten Spruch „auf dem rechten Auge blind“ entwirft Horst Eckert hier ein beängstigend reales Szenario, in dem bis in die sogenannten „höchsten Kreise“ Politiker und Kriminalbeamte verstrickt sind. Dabei kommen wir ganz nebenbei auf weit zurückliegende Attentate in der RAF Geschichte zurück, die aus heutiger Sicht eindeutig vom Verfassungsschutz selbst initiiert wurden und durch ein tief in die Szene verstricktes Spitzeltum erst möglich wurden. NSU und Lübcke werden ebenso gestreift wie die Reichsbürger, die Identitären und sonstige hirnkranke aber gefährliche Ausbauorganisationen, die nur darauf warten, dass die völkische Idee wieder mal die Machtfrage in unserem Land stellt. Der „Roman“ ist spannend und glaubhaft erzählt, exzellent recherchiert und die Figuren, bis auf Melia, die Hauptperson, nicht wirklich überzogen dargestellt. Dass sie zur Heldin wird oder werden muss, ist eben so was wie der rote Faden. Das Buch ist einmal mehr ein Beweis, dass man nie nachlassen darf, Behörden wie Geheimdienste und den Verfassungsschutz nie aus den Augen zu verlieren. Die bauen sich dann eine eigene Vorstellung von der Welt, in der keiner leben möchte. Sehr empfehlenswert.

 

Jenseits der Erwartungen
Richard Russo, verlag dumont

Falls diese Kritik irgendwann gelesen wird muss man auch immer berücksichtigen, dass wegen der Coronakrise - wir sind im März 2020 - sich vieles relativiert. Es liest sich deshalb alles etwas seltsam, wenn ringsherum die Welt untergeht, was nichts mit dem Virus und seiner unfassbaren Auswirkungen auf uns zu tun hat!
Nun denn, vielleicht ist es ja grade jetzt wichtig „gute Bücher“ zu lesen. Mit völligem Abstand und aus einer Zeit, als das Leben noch normal war. Richard Russo gelingt hier ein Roman, den man gerne zu Ende liest, hat er doch viel zu bieten. Eine gewisse, nicht zu überbordende Spannung und ein amerikanisches Gesellschaftsbild der letzten 50 Jahre. Drei alte Freunde, Mickey, Teddy und Lincoln, alle jetzt so um die 66 Jahre, treffen sich nach etlichen Jahrzehnten im Spätsommer auf Martha’s Vineyard im Ferienhäuschen von Lincoln. Ihre Freundschaft stammt aus der gemeinsamen Zeit des Studiums an der Minerva Universität. Das war auch die Zeit der Vietnamkriegsrekrutierungen per Los, wobei Mickey eine ziemlich niedrige Nummer zieht, und somit nach Indochina muss. Zu den drei Jungs gesellt sich noch Jacy, in die alle drei verliebt sind. Irgendwie schafft es das Quartett (Einer für alle, alle für einen), einen Abschied gemeinsam zu feiern, nämlich genau in dieser Ferienwohnung von Lincoln, bzw. damals noch von Lincolns Eltern. In übersichtlichen Rückblenden, werden die jeweiligen Lebensdramen immer wieder abwechselnd vorgestellt und behutsam mit dem Heute verbunden. Der Stil der Prosa erinnert mich ein wenig an Joël Dicker, der in den letzten Jahren mit ähnlichen Geschichten Erfolge feiert. Es geht immer um ein lange zurückliegendes Geschehen, dass, wie die berühmte Büchse der Pandorra, nie wirklich weg ist und irgendwann, naja, sagen wir, aufgeklärt werden muss, damit auch die drei Jungs wieder gut schlafen können. Denn zwei von Ihnen, wissen nicht, was aus Jacy geworden ist, die nach ihrer Studienabschiedsfete spurlos verschwunden ist. Das Buch klärt das bis zum Ende, man ist nicht sonderlich bemüht da selbst drauf zu kommen. Eher freundet man sich mit den Jungs und deren unterschiedlichen Wegen durch die Zeit und das Alter an. Ist jetzt alles nicht Weltliteratur aber, wie sagt man so schön, Genuss ohne Reue!

 

Das kann uns keiner nehmen
Matthias Politicky, verlag hoffmann und campe

Es ist die Story eines Tagebuches. Oder auch ein Roman über eine Reise. Aber ich bin mir nicht wirklich sicher, ob das ein Roman ist. Ich bleibe mal bei „Reisetagebuch“. Die Geschichte fängt mit einem mühsamen Aufstieg zum Kilimandscharo an und Hans, unser Ich Erzähler, bzw. Chronist dieser Reise, trifft, anstatt Ruhe und überwältigende Gefühle am Gipfel, bzw. am Krater des „Kibu“ zu finden, eine Gestalt namens Tscharli, der ihm anfangs seine Nerven raubt. Mit seiner bayerischen Respektlosigkeit und Arroganz, mit schrägen bis (vermeintlich) rassistischen Ansichten über Land und Leute, bringt er den Hansi (Hans ist unser Globetrotter und Reiseschriftsteller) zur Weißglut. Allerdings fällt dem Hansi relativ fix auf, dass dieser Tscharli in „Afrika“ bzw. in dieser Gegend eine Berühmtheit ist und die Guides eben diesen Tscharli als familienzugehörig betrachten und sogar verehren. Nun passiert es, dass ein Schneesturm über den Berg fegt und es tatsächlich äußerst schwierig ist, anschließend wieder herunterzukommen. Zumal Tscharli, mal vorsichtig gesagt, Blut und Wasser scheißt, also – echt krank aussieht und auch ist. Irgendwie findet König Tscharlie doch Gefallen an Hansi und es beginnt eine absurde, überdrehte oder komische Reise durch Tansania und über die Insel Sansibar. Die Krankheit von Tscharli schreitet fort und es wird langsam Zeit, dass sich Tscharli und Hans näher kommen und sich die Dramen ihres Lebens gegenseitig erzählen. Und da ist verdammt viel gelaufen: Hans hat ein afrikanisches Trauma zu überwinden, welches 25 Jahre zurück liegt und Tscharli weiß, dass sein letztes Stündlein bald schlägt und hat Hans zu seinem Todesengel erkoren. Eine intensive Story, die, je länger man dabei bleibt, immer mehr fesselt. Ich mag Politicky seit seinem Kreuzfahrttagebuch „In 80 Tagen um die Welt“. Auch hier liegt über allem eine Tragikomik, wie ich sie in diesem Afrikaroman wieder gefunden habe.

 

Kein Wunder
Frank Goosen, verlag KiWi

Das Berlin der Achtziger hatte immer was Verstörendes an sich. Es ist genau die Zeit, in der auch ich des Öfteren über Helmstedt nach Berlin gurkte. Mal mit Band, mal einfach so oder zu einem Pokalspiel. Alleine das sich Nähern an die Grenzkontrollen… ich kann heute noch das Gefühl in mir schmecken von dieser absurden (zu leicht, ich weiß) Scheiße. Jedenfalls spielt Goosens Roman Ende der Achtziger, also kurz vor dem Mauerfall. Wunderbar beschrieben sind Dialoge zwischen Ost - und Westlern, noch nicht geprägt von dem baldigen Zusammenbruch, sondern eher davon, dass keiner überhaupt einen Plan hat. Außer Fränge, aber das hat eher mit seinen Frauengeschichten zu tun. Als Westler in Berlin darf er rüber und hat, so ist er nun mal, auf jeder Seite eine Flamme, Marta in Westberlin und Rosa im Osten. Förster, den wir ganz nah begleiten, fährt mit Brocki, den gemeinsamen Kumpel Fränge in Berlin besuchen. Fränge, Brocki und Förster sind Bochumer Szenegeschichte. Nur ist Kneipenleben in Berlin eben doch was anderes als Tief im Westen. Und der Osten, vor allem in der subkulturellen Szene, die auf ihre Weise, aber eben leise, schon immer, so wie es grad noch möglich war in der Dädärä, ihr Ding machten. Förster verguckt sich ein wenig in Rosa als er mal „drüben“ ist und das ist aber für alle eher die kleinste Komplikation. Fränge hat es da schon schwerer, denn seine beiden Freundinnen wissen nichts voneinander, und so kann diese Sensation der Weltgeschichte, eben der Fall der Mauer, nicht in Fränges Interesse sein. Alleine schon dieser Gedankengang macht das Buch zu einer komödiantischen Lesereise! Ich war von Goosen noch nie enttäuscht, er ist einer meiner Ruhrgebietschronisten und ein wunderbarer Kollege. Kein Wunder – der kann es!

 

Herkunft
Saša Stanišic, verlag Luchterhand

Deutscher Buchpreis 2019, was soll man dazu noch großartig sagen? Ein Buch, dass man, weil überall besprochen, schon fast „links“ liegen lässt, weil, hat ja jeder schon bejubelt. Aber gut.“Herkunft“ ist klasse, weil die großartige Erkenntnis durch alle Seiten scheint: Herkunft ist Zufall, und wenn es genau dieser gut mit dir gemeint hat, dann schätze es Wert. Das zu erzählen, schafft Freund Saša vorzüglich. Die Sprünge zwischen Heidelberg und Visagrad, zwischen „Jugoslawien“ und Hamburg sind gewollt, manchmal urkomisch bis bedrückend (die Besuche bei seiner dementen Großmutter), mal wütend machend (deutsche Schulen) und mal solidarisch (Integration und Aufenthaltserlaubnis). Seine Geschichten haben Ironie und Witz, bei gleichzeitiger intensiver Zeichnung der Melancholie (die seiner Eltern) und der anderen entwurzelten „Jugos“. Die Beschreibung der ARAL Gang als Sozialisations – und Integrationsfaktor ist absolut nachvollziehbar. Die wehmütigen Erinnerungen (was machen die alle heute?) zeigen die große Ernsthaftigkeit, mit dem Thema umzugehen: dass nämlich Herkunft eine Frage des Glücks ist. In Zeiten der großen und immer mehr zunehmenden Fluchten, zeigt dieses Buch Verständnis für alle Heimat- und Orientierungslosen. Und ist gleichzeitig ein Beispiel für ein gelungenes Leben (das von Saša Stanišic). Puh, und dieser scheiß Krieg im Balkan ist grade mal knapp 30 Jahre her. D.h., ich habe das bewusst erlebt und es ist deshalb wichtig, dass man es mal wieder als Teil unserer europäischen Geschichte so vorgesetzt bekommt! Empfehlenswert!

 

Ach, Virginia
Michael Kumpfmuller, verlag KiWi

Hut ab vor diesem Autor. Der wagt sich an die unterschiedlichsten Themen und ist dabei in der Lage, jedes Mal Bücher von außerordentlicher, sprachlicher und inhaltlicher Qualität abzuliefern. Kennengelernt habe ich ihn über „Nachricht an alle“ aus dem Jahre 2008, und - es hört sich etwas schal an -, er hat in diesem Buch Dinge fiktiv beschrieben, die damals unvorstellbar schienen, aber uns heute überrollen. Nun, „Ach, Virginia“ ist was gänzlich anderes. Es geht um die letzten zermürbenden Tage im Leben dieser großen Schriftstellerin, Virginia Woolf, von der ich, mea culpa, noch nichts bewusst gelesen habe. Vorsichtig erfährt man in diesem Roman von der Karriere der Schriftstellerin und kommt auch an Titeln und Inhalte ihrer Werke nicht vorbei. Doch das ist nicht Thema. Es geht hier um die Zeit vom 18.März bis zum 28.März 1941. Virginia lebt in England in einem Häuschen Nähe des Kanals, südlich von London, unweit von Brighton, ein Fluss ist fußläufig auch zu erreichen. Es ist Krieg und man hört die deutschen Bomber, die tief fliegend ihre tödliche Last nach London bringen. Mit Virginia lebt ihr Ehemann Leonard, der aber in diesen letzten Tagen ihres Lebens eher so eine Art Pfleger ist. Denn Virginia ist psychisch am Ende. Schwere depressive Phasen wechseln sich ab mit Panikattacken, Appetitlosigkeit und dem dringenden Wunsch zu sterben. Das letzte ist es, was sie noch am Leben erhält. Diese Sicherheit des Endes. Dieses „bald ist alles vorbei“, lässt sie ab und an noch mal zu Sinnen kommen, spazieren gehen, und auch mal einen Happen zu essen. Wie es Kumpfmuller allerdings gelingt, diese gesamte Phase zu beschreiben, diese Nähe, da muss ich sagen, irgendwie muss der das kennen. Diese Seelenpein, nicht aushaltbar. Oder er hat exzellent in psychiatrischen Einrichtungen hospitiert, denn es ist beängstigend, wie er sich diesen Zuständen von Virginia nähert und sie findet. Man ist da ganze Zeit so nahe dabei, und hofft sogar, dass dieses Psychodrama bald ein Ende haben wird. Ein betroffen machendes, gutes Buch. Und man sollte voller Demut davor stehen, dass man geistig irgendwie auf der Höhe ist, seine Gedanken noch selbst hat und nicht umgekehrt. Wenn man keinen Einfluss mehr darauf hat, worüber man nachdenken soll und die verrücktesten Gedanken einen mit voller Schwärze überrollen, dann ist das eine unglaubliche Qual. Und man versteht diese furchtbare Krankheit tatsächlich besser!

 

Picknick im Dunkeln
Markus Orth, verlag Hanser

Huch! Das erste Buch des Jahres und gleich ein furioser, hoch unterhaltsamer Ritt durch das „Nichts“ oder durch eine Zeitschleife ohne Beginn und Ende; oder auch, sagen wir, ein Treffen in der „Seelenzeit“, nämlich da wo man längst tot ist und es relativ egal ist, wann wer gestorben ist. Verstanden? Nun, das ist der Hintergrund dieser metaphysischen Begegnung in vollkommener Dunkelheit, im schwärzesten Schwarz, was man sich vorstellen kann, eben irgendwo auf der anderen Seite, wo Zeit und Raum egal sind, man sich zwar noch verstofflicht fühlt, aber das eben nicht mehr „ist“. Stan Laurel, genau der, der geniale „Doof“ mit dem Partner „Dick“ (Oliver Hardy), also Stan wird wach (obwohl…?) in eben dieser Schwärze und kann sich nichts erklären. Er tastet sich voran und fühlt sogar glatte metallische Wände. Wir nehmen Teil an diesem Rätsel und auch schon hier startet sein Bericht über sein Aufwachsen, eben über alles, was seine Vita ausmacht, seine Frauengeschichten, seine unbändige Lust Theater zu spielen und die Menschen zum Lachen zu bringen, aber auch seine kummervollen Reisen, als Filmstar auf der einen - und als hoch melancholisch veranlagter Mensch, auf der anderen Seite. Nachdem er sich „eine Zeit lang“ vorgetastet hat, stolpert er über einen Menschen, eher ein Fleischberg in Relation zu ihm. Es handelt sich um den nahezu 700 Jahre vorher verblichenen Thomas von Aquin, großer religiöser Denker seiner Zeit. Wie schon erwähnt, in diesem schwarzen Jenseits ist Zeit völlig egal, so dass nur so diese Begegnung möglich ist. Sie sind nunmehr zu zweit und es entwickeln sich höchst unterhaltsame Dialoge, denn der dicke Thomas, hat ja nun mal einiges nicht mitbekommen. Zum Beispiel wie man Filme dreht, usw.. Dafür hat er natürlich den großen Vorteil gegenüber Stan, dass er schon immer existenzialistische Fragen auf seiner Agenda hatte, und so nähern sich die beiden, quasi in der Dunkelheit aneinander gekettet, immer mehr an. Zwar werden sie keine Freunde aber zu zweit ist man weniger allein. Die Geschichte, die ja nicht wirklich aufgelöst werden kann, endet auch irgendwie im Nichts, aber lässt eine gewisse Nachdenklichkeit zurück, über das Leben, über das Sterben, oder auch, sagen wir es wie ist, über das Leben nach dem Tot. Sollte ja eigentlich vollkommen schnuppe sein, aber hier macht es Spaß diesen Gedankengängen zu verfolgen. Zeitloses Buch, sozusagen.